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Hochsensibilität und Esssucht

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Letztens erreichte mich per Mail die Frage, inwieweit Hochsensiblität mit Esssucht zu tun hat. Hier meine Antwort:

Liebe Frau L.,

zunächst einmal vielen Dank für Ihr großes Lob zu meiner Webseite, das höre ich sehr gerne, denn darin steckt viel Herzblut und Zeit 🙂

Aus meiner Erfahrung habe ich erlebt, dass es zwischen Hochsensibiliät und Esssucht sehr enge Zusammenhänge gibt. Ich würde sagen, dass die meisten meiner Klientinnen sehr bis hoch sensibel sind.

Die Esssucht entsteht unter anderem auch deswegen, weil man gegen seinen innersten Wesenskern lebt.

Das heißt man versucht etwas zu sein, das man nicht ist.

Die Lücke, die klafft zwischen „so bin ich“ und „so sollte ich sein“ – also das Unwohlgefühl das dadurch entsteht, dass man gegen sich lebt – wird durch den Essanfall gefüllt.

Bei HSP (=hoch sensible Person) bedeutet das beispielsweise zu versuchen, „tough“ zu sein und sich zu vielen Reizen auszusetzen. Also plakativ gesprochen in die laute Disco zu gehen statt in den gemütlichen Gastgarten.

Oder sich keine Pausen zu gönnen, da „die anderen“ ja auch keine brauchen (oder zumindestens ist es das, was wir von außen wahrnehmen – keiner weiß wie es hinter den Kulissen aussieht)

Gegen sich zu leben bedeutet, seine Gefühle zu negieren, also jene Dinge, die HSPs zwischen den Zeilen erspüren können. Den Satz „das bildest Du Dir doch nur ein“ bekommen viele HSP von außen zu hören, oder sagen ihn selbst zu sich.

Ich empfehle den meisten Esssucht Klientinnen, sich mit dem Thema HSP zu beschäftigen, Mittlerweile gibt es dazu einiges im Internet (u.a. einen hilfreichen Selbsttest) sowie einige Bücher.

Weiteres zu diesem Thema finden Sie in folgendem Blog Artikel: http://www.aivilo.at/2014/01/22/essanfall-ohne-grund/

Sehr wichtig ist mir: HSP ist eine Gabe. Und so wie mit allen Gaben gilt auch hier: Der richtige Umgang will gelernt werden.

Auf dem Weg sich kennenzulernen halte ich es daher für sehr wichtig zunächst einmal festzustellen: Bin ich ein HSP?

Und falls ja: Schritt für Schritt lernen danach zu leben.

Eine Banane kann nie zum Apfel werden und vice versa. Und das ist gut so. Denn wer will schon einen Apfel, wenn man sich eine Banane wünscht und umgekehrt 🙂

Selbsttest: Bin ich esssüchtig?!

vreboten_erlaubt-Längsformat_kleinSeit einiger Zeit schon gibt es auf der aivilo Seite den Selbsttest: Bin ich esssüchtig?

Der aivilo Test besteht aus 50 Fragen und wird Ihnen Klarheit verschaffen, ob Sie (bzw. eine Freundin oder Angehörige) unter Esssucht leiden.

Durch das wache Auge meines lieben Bruders Thomas Wollinger ist uns aufgefallen, dass durch eine Umgestaltung im Blog die Verlinkungen im Test ins Nichts führten, d.h. die Auswertungen waren nicht zu lesen. Dafür entschuldige ich mich.

Der Test sollte nun wieder korrekt funktionieren und somit vielen Menschen Klarheit bringen. Denn der erste – und vielleicht auch schwierigste – Schritt aus der Esssucht ist es, sich einzugestehen: Ja, ich habe Esssucht.

 

 

Realismus am Weg aus der Esssucht

In meinem Praxisalltag erlebe ich immer wieder Frauen, die voller Motivation sind und quasi laut ausrufen: „JETZT schaffe ich es! Ab jetzt werde ich ALLES in den Griff bekommen! Ab jetzt wird Essen keine so wichtige Rolle mehr spielen!“

Ein Lebensthema mit Motivation in Angriff zu nehmen ist gut und wichtig. Doch es ist ebenso wichtig zu wissen, dass der Ausstieg aus der Esssucht – verglichen zu einem Lauf – keine Kurzstrecke ist, die mit voller Power in kürzester Zeit hinter sich gebracht werden kann.

Wie gerne würde ich meinen Klientinnen versprechen: Kommen Sie 10 Wochen zu mir und alles ist vorbei.

Aber so ist es leider nicht.

Der Ausstieg aus der Esssucht ist möglich, aber er braucht Zeit und er hat Höhen und Tiefen. Überlegen Sie, wie lange Sie in Ihren Mustern verhaften waren. Oft ein paar, meistens sehr viele Jahre. Da kann man nicht erwarten, dass ALLES, was bisher mit Essanfällen gelöst wurde, plötzlich und sofort auf GANZ andere Art und Weise gelöst werden kann. Die Essanfälle haben eine wichtige Funktion: Sie helfen zu spüren und mit unlösbaren, zT. noch nicht bewussten Problemen umzugehen.  Hier neue Muster einzuüben braucht Übung und Übung braucht Zeit.

Es ist wichtig, die Energie einzuteilen. Sich auf einen längeren Weg einzustellen. Das muss Sie nicht traurig machen. Denn bei einer Wanderung geht man auch längere Wege und kann sehr wohl den Weg genießen, bevor man auf der Hütte ankommt. Dies ist überhaupt sehr wichtig: Den Weg genießen. Denn selbst wenn die  Essanfälle weg sind eines Tages: Das Leben bieten immer noch Herausforderungen. Dann springt man nicht andauernd selig herum vor lauter Glück, nein, auch ohne Essanfälle – und gerade ohne Essanfälle – lebt man die Emotionen auf gesunde Weise aus: Tränen, Wut, Angst, Freude, Sehnsüchte … alles noch da. Die Herausforderungen bleiben. Was anders ist ist der Umgang damit. Der ist gesünder. Damit wird das Leben letztendlich in Summe leichter. Dieses Wissen ist sehr wichtig, um das „Wenn ich keine Essanfälle mehr haben DANN wird alles besser“ Denken zu relativieren.

Ich möchte hier gerne mit Ihnen noch folgendes teilen: Der Ausstieg aus der Esssucht geschieht nicht plötzlich. Viel mehr ist es so, dass mir meine Klientinnen irgendwann gegenüber sitzen und sagen: „Weißt Du, irgendwie bringt´s das Fressen ja voll nicht mehr um mit meinen Problemen zurecht zu kommen.“ Dann lächle ich in mich hinein weil ich weiß: DAS ist der Weg. Dann irgendwann kommen sie und sagen: „Also letztens hab ich mich so geärgert und meiner Kollegin gesagt, dass sie das lassen soll.“ Das beobachte ich dann einige Zeit und irgendwann frage ich: „Sag einmal, kann das denn sein, dass Du nicht mehr esssüchtig bist?“. Dann kommt meistens ein verdutztes Schauen oder ein Kichern und ein ganz verhaltenes: „Hmmm, vielleicht hast Du recht. Kann das denn sein???!!!“ Also: Der Ausstieg aus der Esssucht passiert langsam und schleichend. Kein abruptes Ende. Zumindest habe ich das in den über 10 Jahren Begleitung von Frauen mit Esssucht noch nie erlebt.

Also hier meine Tipps am Weg aus der Esssucht:

*) Teilen Sie sich Ihre Energie ein, gehen Sie langsam los, Schritt für Schritt .
*) Stellen Sie sich auf Höhen und Tiefen ein.
*) Rechnen Sie damit, dass Sie auch weiterhin Essanfälle haben werden, auch wenn Sie intensiv an sich arbeiten.
*) Definieren Sie Ihren Erfolg nicht anhand der Essanfälle sondern daran, was sich in Ihrem Leben zum Positiven verändert und daran, ob Sie mit gleichen Herausforderungen anders umgehen als früher.
*) Versuchen Sie sich Ihre zufriedenen Momente sehr bewusst zu machen, denn die gibt es, selbst in der tiefsten Krise.
*) Holen Sie sich Hilfe.

Mehr über den Weg aus der Esssucht erfahren Sie im aivilo Workshop „Ausweg aus dem zwanghaften Essen“ am 17./18. November

 

Iss doch endlich mal normal!

Iß doch endlich mal normal!: Hilfen für Angehörige von essgestörten Mädchen und Frauen

von Bärbel Wardetzki.

Ich empfehle dieses Buch sowohl Angehörigen als auch Esssüchtigen selbst. Das Buch hilft die Muster der Esssucht und die Einbettung in Familiensysteme und Umwelt zu verstehen… und damit letztendlich die Angehörige bzw. sich selbst.

Das Buch zeigt auf, dass niemand alleinig die Schuld trägt. Dies hilft einerseits Eltern/Partnern mit der eigenen Schuldfrage umzugehen. Andererseits hilft dies den esssüchtigen Frauen und Mädchen etwaige allzu rasche Schuldzuweisen zu hinterfragen und die „andere“ Seite, nämlich jener der engsten Bezugspersonen, zu verstehen.

Das Buch geht auf typische Konflikte ein (z.B. „Terror machen“) ein, sodass sich Eltern /Partner nicht mehr so alleine mit ihren Problemen fühlen. Dazu gibt es konkrete Handlungsschritte. Jedoch wird deutlich aufgezeigt, dass die Lösung keine rasche und einfache ist sondern ihre Zeit braucht. Das Buch hält dazu an, eigene Muster zu hinterfragen und zu überdenken. An der Esssucht der Tochter oder Partnerin zu reifen und zu wachen um letztendlich gemeinsam eine neue Art der Beziehung zu definieren.

Nachfolgend ein paar für mich spannende Einsichten bzw. Textpassagen aus dem Buch:

Suchterkrankungen gehören zu jenen Herausforderungen, die wir nicht mit noch mehr Anstrengung und Bemühen sinnvoll beantworten können, sondern durch Innehalten. So wie sich die Betroffenen im ersten Genesungsschritt ihre Machtlosigkeite gegenüber ihrer Sucht eingestehen müssen, so müssen die Angehörigen ihre Grenzen in Bezug auf die essgestörte Tochter oder Partnerin akzeptieren.

Jede Partei hat ihre Triumpfe in der Hand, die zur entsprechenden Zeit ausgespielt werden. Eltern und Töchter wissen genau, wo der wunde Punkt der Gegenseite ist und wo sie sie treffen können. Eine der stärksten „Waffen“ ist die Androhung des Suizids.

Zur Schuldfrage: Wenn Fehler passiert sind ist das Ziel ist nicht Anklage und Verurteilung, sondern Lernen aus Fehlern und verzeihen frühere Verfehlungen. Je kritischer das Gewissen umso starrer ist jemand. Wardetzki unterscheidet zwischen neurotischem Schuldgefühl (dient eher der Fixierung auf das Problem) und dem Schuldbewusstsein (das hilft Probleme zu lösen). Es braucht Mut Schuld anzunehmen.

Eltern sind auch nur Menschen und alle Menschen machen Fehler. Sie begehen ihre Fehler in der Regeln nicht absichtlich oder vorsätzlich sondern aus ihrer eigenen Lebensgeschichte heraus. Es gilt zu unterscheiden zwischen Selbstanklagen und wirklichen Fehlern.

Das Bedingungsgefüge für die Entstehung der Esssucht ist sehr komplex und sowohl von individuellen Faktoren der Tochter als auch von familiären, kulturellen und gesellschaftlichen Normen abhängig. Die Mutter ist dabei lediglich ein Teil dieses Gefüges und trägt ihren Anteil dazu bei, kann jedoch nie als alleinige Schuldige hingestellt werden.

Die Genesung der Tochter (Partnerin) darf nicht mit dem Selbstwertgefühl der Eltern (Partner) verknüpft werden. Nach dem Motto „Nur wenn du gesund wirst, geht es mir wieder gut“.

Das Wesentliche am Loslassen scheint zu sein, dass die Angehörigen lernen, sich um sich selbst zu kümmern und die Tochter/Partnerin nicht mehr zum Mittelpunkt Ihre Denkens, Handelns und Fühlens zu machen. Viele glauben, ihre Tochter/Partnerin zu verraten und fallen zu lassen, wenn sie für sich selbst Verantwortung übernehmen. Sie übersehen dabei, dass die Tochter/Partnerin entlastet wird, wenn die Angehörigen Verantwortung für sich übernehmen und sie lernen muss, sie für sich selbst zu entwickeln. Erst dann ist Genesung möglich.

Wardetzki zeigt auf, dass die Stufen, die Angehörige in der Auseinandersetzung durchlaufen ähnlich jener von Kübler-Ross sind: Phase der Verleugnung, Phase der Wut und des Selbstmitleids, Phase des Verhandelns, Phase der Depression, Phase des Akzeptierens.
(…) Das Akzeptieren der Situation bedeutet nicht Resignation, sondern den Entschluss, mit dem Problem zu leben und aktiv damit umzugehen. Die Kräfte, die bisher im Kampf gegen die Situation zur Leugnung, Wut, Verhandlung und Depression eingebunden waren, sind nun frei für das Leben mit selbstbestimmter Gestaltung dessen was ist.

Vom Mut zur Esssucht zu stehen

„Ich habe Esssucht“ – Drei einfache Worte – Und doch kommen sie nur schwer über die Lippen – Wieso ist das so?

Immer wieder berichten mir Teilnehmerinnen unseres Workshops „Ausweg aus dem zwanghaften Essen“, dass es sehr viel Mut brauchte sich anzumelden und wie froh sie sind, diese Hürde genommen zu haben.Letztens mailte ich darüber mit einer dieser Frauen. Sie meinte, es läge nicht an der Workshop Beschreibung auf der Webseite. Dieser sei informativ und ansprechend. Es läge vielmehr daran, dass der Besuch eines Esssucht Workshops ein weiteres Eingeständnis wäre, sich selbst und Fremden gegenüber, dass man ein Problem mit dem Essen hat.

Dabei lässt sich die Existenz der Esssucht kaum verleugnen: Da sind diese ungeliebten Essanfälle und die ständig kreisenden Gedanken rund um Figur und Essen. Ein „ich kann nicht mehr aufhören zu essen“, eine schier unendliche Gier nach Essen, oft besonders nach „Verbotenen“ wie z.B. Süßspeisen.

Natürlich wissen wir das. Aber gleichzeitig möchten wir verdrängen und uns vormachen, dass alles gut ist. Ist es ja auch … bis zum nächsten Essanfall. Dann werden Vorsätze gefasst, Pläne geschmiedet, doch dann … wenn dieser Essanfall wieder gut genug verdrängt ist, sind die Pläne wieder vergessen, bis zum nächsten Essanfall. Und so weiter und so fort. So kann man Jahre verbringen und sich schön im Kreis drehen.

Das Eingeständnis „Ich habe Esssucht“ bedeutet gleichzeitig das Eingeständnis, dass es notwendig ist, etwas zu unternehmen. Doch so sehr diese Essanfälle gehasst werden, so sehr werden sie gleichzeitig gebraucht. Also bedeutet der Satz „ich habe Esssucht“ für viele gleichzeitig die Angst vor „Ich muss meine Essanfälle aufgeben“. Dies erzeugt ein riesen großes „HILFE!!!!!!“, denn wir haben noch nicht gelernt mit all den Gefühlen umzugehen ohne dem Hilfsmittel Essanfall.

Dazu möchte ich sagen, dass wir im Workshop niemanden die Essanfälle „wegnehmen“. Wir wissen, wie wichtig diese sind. Wir lernen zu verstehen, wieso diese Esssucht in unserem Leben ist . Wir nehmen Kontakt mit unserem Körper auf um zu spüren statt nur zu denken. Insbesondere Hunger, Sättigung und unsere Bedürfnisse. Und … wir essen gemeinsam. Das heißt, dass wir uns der Esssucht mit Respekt und Wertschätzung annähern und Veränderungen immer im Tempo der jeweiligen Teilnehmerin geschehen. Es gibt kein Messen, kein Wettrennen, kein besser oder schlechter. Jeder Weg ist individuell.

Zur Esssucht zu stehen bedeutet nicht, dass man überall herum erzählen soll, dass man davon betroffen ist. Nein. Es ist sehr wichtig, selektiv und achtsam auszuwählen, wem man sich anvertrauen kann, bei wem man sich öffnen möchte. Zur Esssucht zu stehen bedeutet aufzuhören mit dem Weglaufen und dem sich selbst belügen. Die Angst behutsam betrachten. Möglichst liebevoll darauf vertrauen, dass ein Schritt nach dem anderen kommen wird und nicht alle auf einmal.

Wenn man versteht, dass das Eingeständnis „Ich habe Esssucht“ nicht bedeutet von heute auf morgen alles im Leben umkrempeln zu müssen und von heute auf morgen die Essanfälle zu streichen, dann kommt der Mut vielleicht leichter zu uns. Auf dem Weg aus der Esssucht sind das Verstehen und Annehmen der Esssucht übrigens zwei sehr wichtige Schritte.

Ich würde mich sehr über online Rückmeldungen zu diesem Thema freuen! Diese sind übrigens auch anonym möglich! (eh klar, wer möchte schon seinen Namen unter einem Esssucht Artikel stehen haben)

Wozu sind Essanfälle da?

Wer an Esssucht leidet hasst v.a. die regelmäßigen Essanfälle. Doch so paradox das für die Betroffenen auch klingen mag: Die Esssucht ist da, weil sie gebraucht wird. Sie hat einen Sinn, sie hilft den Betroffenen, mit ihrem Leben und mit ihren Problemen fertig zu werden. Sehr anschaulich beschreibt dies Anita Johnston in ihrem Buch: „Die Frau, die im Mondlicht aß“

Stell dir vor, du stehst im Regen am Ufer eines tosenden Flusses. Plötzlich rutscht die vom Wasser aufgeweichte Böschung unter dir ab. Du fällst ins Wasser und wirst von den Stromschnellen mitgerissen. All deine Bemühungen, dich über Wasser zu halten, sind vergeblich und du wirst wohl ertrinken. Doch zufällig schwimmt ein großer Balken vorbei, an den du dich klammern kannst. Dieser Balken hält deinen Kopf über Wasser und rettet dir das Leben. An den Balken geklammert, schwimmst du stromabwärts und gelangst schließlich wieder in ruhigeres Wasser. In der Ferne erblickst du das Ufer und du versuchst, dorthin zu schwimmen. Doch das gelingt dir nicht, weil du dich immer noch mit einem Arm an den dicken Balken klammerst und mit dem anderen Schwimmzüge machst. Wie ironisch, dass das, was dir das Leben rettete, dir jetzt im Wege steht. Am Ufer stehen Menschen, die deinen Kampf mit ansehen und brüllen: „Lass den Balken los!“ Aber das kannst du nicht, denn du hast kein Vertrauen in deine Fähigkeit, es bis zum Ufer zu schaffen. (…) Wenn man von einer Essstörung geheilt werden will, muss man diejenigen Fähigkeiten ausbilden, die man braucht, um den Balken zu ersetzen. (…) Und sehr, sehr langsam und vorsichtig lässt du den Balken fahren und übst ein paar Schwimmzüge. Wenn du drohst unterzugehen, klammerst du dich rasch wieder an. Dann lässt du den Balken wieder los und übst Wassertreten und wenn du müde wirst, hältst du dich wieder fest. Nach einer Weile versuchst du, einmal um den Balken herumzuschwimmen, dann zweimal, dann zehnmal, zwanzigmal, hundertmal, bis du genügend Kraft und Vertrauen hast, um bis zum Ufer zu gelangen. Erst dann kannst du den Balken vollständig loslassen.

Für den Weg aus der Esssucht ist es also sehr wichtig, die Essanfälle als Warnlampe zu begreifen, als Zeichen, das etwas nicht stimmt im Leben. Das gilt sowohl bei Bulimie als auch beim Binge Eating (d.h. Essanfälle ohne Erbrechen). Manchmal weißt man, was das ist, viel öfters weiß man es nicht. Seine Essanfälle zu aktzeptieren heißt nicht, dass man ihnen damit sagt, dass sie ewig bleiben sollen. Seine Essanfälle zu akzeptieren heißt, mit ihnen zu arbeiten und auf sie zu hören statt gegen sie zu kämpfen. Es heißt zu akzeptieren, dass sie gehen werden, wenn es Zeit ist und sie nicht mehr gebraucht werden. Dieses Umdenken braucht seine Zeit. Wenn es vollzogen ist, ist ein sehr großer Schritt aus der Esssucht geschafft.

Wann kippt ein „Diät-Tick“ in Esssucht?

Auf seine Ernährung und seinen Körper zu achten ist eine gute Sache, keine Frage! Doch es gibt eine Grenze, in der dieses liebevolle auf sich achten umschlägt in Selbstkontrolle, Selbstbestrafung und Sucht … Esssucht. Wo liegt diese Grenze? Ab wann ist es ein „gut auf sich schauen“, ab wann ist es „Esssucht“?

Die Gedanken an Essen beherrschen das Leben

Esssucht ist es dann, wenn die Gedanken ständig um Figur oder Essen kreisen. Diese Gedankenkreise beherrschen das tägliche Leben. Die Gedanken an Essen haben mit „liebevoll“ nichts mehr zu tun, sie sind eher mit „angstvoll“ oder „hassbesetzt“ zu beschreiben.

Um zu verstehen, was damit gemeint ist, lassen wir Betroffene selbst zu Wort kommen:

Das Essen beherrscht meine Gedanken und mein Leben. Es beginnt, wenn ich am Morgen die Augen öffne: Was habe ich gestern gegessen? Wie viel darf ich jetzt frühstücken, oder verzichte ich am besten ganz auf das Frühstück? Dann geht es weiter auf dem Weg zur Arbeit. Praktisch an jeder Ecke lauert die Gefahr, es gibt überall Bäcker, Supermärkte, Restaurants… Diesen Verlockungen zu widerstehen fällt mir sehr schwer. Wie sehr beneide ich die Anderen, die einfach zugreifen, wann immer sie möchten.

Ständig rechne ich aus, wie viel Kalorien ich noch essen darf. Auf der Straße blicke ich neidisch auf schlanke Frauen. Die Gedanken an Essen lassen mich so gut wie nie los, egal wo ich bin – in der Arbeit, im Kino, im Theater,… Sogar der letzte Gedanke des Tages gehört dem Essen: Bevor ich einschlafe lasse ich die gegessenen Kalorien revue passieren und überlege den Diätplan für den nächsten Tag. Beim Einschlafen stelle ich mir oft vor, wie ich ein Schokoladenstück nach dem anderen esse. Diese Gedanken machen mich wenigstens nicht fett, so hoffe ich.

Ich hasse meinen Körper. Ich fühle mich ständig beobachtet und habe das Gefühl, dass sich jeder über meine Figur lustig macht. Das geht sogar so weit, dass ich es nicht wage, während eines Vortrags die Toilette aufzusuchen. Ich habe Angst, dass mir dann alle auf meinen Hintern starren. Im Schwimmbad war ich schon lange nicht mehr. Wenn ich dort hin muss, so ist das eine richtige Qual für mich. Die vielen Schaufenster in der Stadt machen mich wahnsinnig. Ständig spiegelt sich darin mein fetter Hintern. Ich möchte mich nicht andauernd ansehen müssen.

Ich teile Lebensmittel in ‚erlaubte‘ (z.B. Obst, Salat, Gemüse, Joghurt, Vollkornprodukte) und ’nicht erlaubte‘ (z.B. Süßigkeiten, Mehlspeisen, Fettiges) ein. Wenn ich etwas ‚Verbotenes‘ (z.B. Schokolade) esse, denke ich „jetzt ist es eh schon egal“ und esse so viel, bis ich nicht mehr kann. Während ich esse, beschließe ich, ab morgen nie wieder zu ’sündigen‘.

Ich habe Schuld- und Reuegefühle, wenn ich esse. Ich habe das Gefühl, schon bei den geringsten Essensmengen zuzunehmen. Das einzige, was ich mir erlauben kann sind Sachen ohne Kalorien, die ich auch in großen Mengen zu mir nehme, z.B. Cola-light, schwarzer Kaffee oder Tee, zuckerfreier Kaugummi, Süßungsmittel.

Ich habe Angst mit dem Essen zu beginnen, da ich fürchte nicht aufhören zu können. Oft ist es nur ein Bissen, der zu viel ist und schon befinde ich mich mitten in einem Essanfall. Während des Essens ist der Gedanke an das herannahende Ende der Mahlzeit fast unerträglich. Mein Appetit und meine Gier scheinen unendlich groß zu sein.

Manchmal, wenn ich mir einen Toast mache, kann ich es gar nicht erwarten, bis er fertig getoastet ist und esse ihn halbfertig auf. Es ist auch schon vorgekommen, dass ich Essen, das ich bereits weggeworfen habe, wieder aus dem Mistkübel heraushole und esse. Eigentlich grauslich, was ich da tue. Ich ekle mich vor mir selbst.

Oft ist mir gar nicht bewusst, dass ich esse. Ein Bissen hier, ein Bissen dort und plötzlich finde ich mich in einem Essanfall wieder. Ich gebe sehr viel – viel zu viel – Geld für Essen aus. Ich bin leider unfähig, echten physischen Hunger zu erkennen, von Sättigung ganz zu schweigen. Ich habe ein sehr unregelmäßiges Essverhalten. Überessen und Fasten wechseln einander ab. Ich halte ständig Diät und zähle die Kalorien aller Speisen, die ich zu mir nehme. Ich habe enorme Panik vor dem Zunehmen. Ich halte mich immer für zu dick.

Ich stelle mich mindestens 1x täglich auf die Waage, meistens öfters. Wenn ich mehr wiege als gestern, und sind es nur ein paar Gramm, so ist der Tag für mich gelaufen, meine Stimmung sinkt dann in den Keller. Wenn ich ein bisschen weniger wiege, so ist alles super. Wenn die Batterie meiner Waage kaputt ist, verfalle ich in regelrechte Panik.

Manchmal kann ich mich stundenlang mit Essen beschäftigen ohne etwas zu essen. Ich streife manchmal durch den Supermarkt, nehme Lebensmittel in die Hand, rieche an ihnen, berühre sie, aber kaufe sie nicht.(wenn ich einen guten Tag habe schaffe ich das! Dann bin ich sehr stolz auf mich). Oder ich schaue mir Kochbücher an, stundenlang. Das ist dann irgendwie ein Ersatz. Ich habe auch schon für meine Verwandten gekocht, ohne selbst etwas zu essen. Die haben alles aufgegessen, aber ich war stark! Gemeinsames Essen ist mir überhaupt unangenehm, ich sage denen meistens, das ich schon gegessen habe. Mir ist es am liebsten, wenn ich meine Essensmenge einteile. Wenn ich esse teile ich das Essen dann in kleine Stücke und kaue ganz oft, denn ich habe gehört, dass das gesund ist. Ansonsten sitze ich nicht gerne still, denn da verbrennt man ja nichts. Ich habe entdeckt, dass ich sogar im Kino- oder Theatersessel unauffällig Übungen zur Muskelstärkung machen kann.

Manchmal ist mir so richtig eiskalt, im Winter eigentlich ständig. Wenn ich ganz ehrlich bin habe ich schon lange keine Monatsblutung mehr gehabt. Aber das stört mich eigentlich gar nicht. Meine Haut ist total trocken, da creme ich mich aber regelmäßig ein. Das mag ich gar nicht, weil ich mich so ungerne berühre. Achja, apropos Haut: Manchmal habe ich so richtige fette Pickel, da fühle ich mich dann immer besonders hässlich. Ich bin auch sehr oft sehr müde. Vielleicht hat das ja auch mit den Abführmittel zu tun, aber ich habe Angst zuzunehmen, wenn ich die weglasse.

Mein Wohlbefinden bzw. meine Laune hängen davon ab, ob ich einen ‚guten‘ oder ’schlechten‘ Esstag hatte. Wenn ich es schon wieder nicht geschafft habe, meine Diät einzuhalten, fühle ich mich als Versagerin. Wenn ich krank bin, oder wirklich große Sorgen habe, ist mein erster Gedanke: Toll, vielleicht nehme ich ja ein wenig ab. Eigentlich pervers. Ich sollte mir doch wünschen, dass es mir gut geht!

Ich habe starke Gewichtsschwankungen, ich besitze mittlerweile drei verschiedene Konfektionsgrößen. Ich hasse mich, wenn ich wieder die größte Größe anziehen muss. Mein größter Wunsch ist es, wieder in die zu klein gewordenen Kleidungsstücke zu passen.

Meistens gelingt es mir unter Tags recht gut meinen Diätplan durchzuhalten, doch meistens am Abend überkommt mich dann der Essanfall. Ich verstehe das nicht. Warum kann ich am Abend nicht diszipliniert sein? Ich schäme mich für meine Essgewohnheiten. Daher esse ich in Gegenwart anderer gemäßigt und hole dann das Versäumte nach, sobald ich alleine bin. Ich lebe ein Doppelleben. Ich lebe mit einer riesengroßen Lüge.

Letzens war ich mich einer Freundin in einem Restaurant und wir aßen je eine Pizza. Meine Freundin meinte danach, dass sie nun nicht einmal mehr einen Bissen hinunterbringen würde. Seltsam, ich hätte noch locker weiteressen können, was ich natürlich nicht tat und auch nicht zugab. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich maßlos bin. Ich kenne keine Grenzen.

Es ist mir unmöglich, Essen übrig zu lassen. Ich schaffe es auch dann nicht, wenn ich schon zum „Platzen“ voll bin. Essen z.B. ins Büro mitzunehmen stellt für mich ein Problem dar. Ich esse alles vorzeitig auf. Bereits am Vormittag ist dann alles längst geplündert. Auch bei einer Wanderung etwas mitzunehmen ist sehr schwierig für mich. Ich muss ständig an das Essen denken, das ich in meinem Rucksack mit mir trage. Am liebsten würde ich alles sofort aufessen, wären da nicht meine Freundinnen, denen ich meine Gier nicht offenbaren will. Essen zu Hause zu haben, ist auch ein großes Problem für mich. Selbst Joghurt, Obst, Müsli und Nudeln ‚überleben‘ nicht lange.

Essen abzulehnen ist für mich praktisch unmöglich. Ich hasse meine KollegInnen, wenn sie wieder einmal für alle einen Kuchen mitbringen. Ich habe das Gefühl, dass meine Freundinnen jeden meiner Bissen beobachten und sich innerlich über meine Gier wundern. Mir ist also ob mir jeder Passant die bereits gegessenen Mengen von weitem ansieht.

Ich vergleiche meine Essensmengen ständig mit jenen meiner Freundinnen. Meistens versuche ich weniger zu essen, aus Angst, dass meine Gier offensichtlich wird. Außerdem weiß ich selbst nicht mehr, wann ich satt bin. In Restaurants wähle ich immer die gesunde Alternative also z.B. Salat. Und überhaupt: Warum möchten eigentlich alle Leute immer Essen gehen, wenn sie sich am Abend treffen? Das stresst mich wahnsinnig.

Ich meide Partys, Familienfeste, Buffets etc. da sonst mein aktueller Diätplan durchkreuzt werden könnte. Buffets sind überhaupt die Hölle für mich. So viel Essen und das alles gratis. Ich könnte dort unendlich viel essen, ich habe nur Angst, dass alle sehen was ich in mich hineinstopfe und sich über meine Maßlosigkeit wundern.

Wenn ich endlich wieder dünn bin fühlt sich das super an. Allerdings bekomme ich sofort wieder Panik, dass ich das Gewicht nicht halten kann. Aber eigentlich fühle ich mich immer zu dick. Wenn ich dünn wäre, dann würde ich nur noch im Minirock herumstolzieren und glücklich sein. Dann könnte mich nichts mehr aus der Ruhe bringen, ich würde einfach immer selig lächeln. Alle würden mich bewundern, für mein Durchhaltevermögen und für mein gutes Aussehen. Auf Partys würde ich ausgelassen und selbstbewusst tanzen. Auch meinem Chef würde ich dann endlich selbstbewusst meine Meinung sagen. Aber jetzt bin ich dick und fett. Also bleibe ich lieber zu Hause und halte meinen Mund. Dann werde ich wenigstens nicht ausgelacht oder angestarrt und ich kann nichts falsch machen.

Ich habe starke Stimmungsschwankungen – Himmel hoch jauchzend, zu Tode betrübt – abhängig vor allem von Gewicht bzw. Diäterfolg. Manchmal, wenn ich mehrere Tage meine Diät durchgehalten haben, ist das ein erhebendes Gefühl. Ich könnte die ganze Welt umarmen, einfach herrlich! Ich verstehe nicht, warum dann wieder dieser Essanfall kommen muss und alles zunichte macht.

Wenn ich frisch verliebt bin, denke ich überhaupt nicht ans Essen. Dann überlege ich mir vor allem, wie ich meinem neuen Freund gefallen könnte, wann er mich wohl das nächste Mal anruft, ob er mich lieb hat. Doch wenn Routine einkehrt in die Beziehung, holt mich mein schlechtes Essenverhalten wieder ein.

Wenn ich schon nicht meine Essenmengen kontrollieren kann, so wenigstens andere Bereiche meines Lebens. Ich bin z.B. extrem perfektionistisch wenn es um meine Arbeitsleistungen geht. Ich quäle mich ab beim Sport, um überschüssige Kalorien wieder zu verlieren. Spaß macht mir das schon lange nicht mehr.

Ich hasse mich und mein Leben. Ich fühle mich sehr oft einsam und unglücklich. Ich möchte nur noch schlafen und am besten nicht mehr aufwachen. Ich traue mich aber trotzdem nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich habe Angst ausgelacht zu werden. Außerdem habe ich doch keine Esssucht, ich habe einfach zu wenig Disziplin, das werde ich doch wohl alleine in den Griff bekommen. Ich geniere mich dafür, dass ich Essen so verschwende. Es gibt so viele hungernde Leute auf der ganzen Welt und ich kotze das Essen einfach ins Klo. Ich kann das niemandem erzählen. Ich fühle mich so schuldig.

Regelmäßige Essanfälle

Ein weiterer wichtiger Indikator für Esssucht sind die Essanfälle. Essanfälle sind begleitet von einem Gefühl von Zwanghaftigkeit, das Gefühl „Ich will es so sehr, dass ich alles umrennen werde, was sich mir in den Weg stellt“. Dem Esszwang zu widerstehen ist, wenn überhaupt, nur mit äußerster Willenskraft möglich. Er überkommt, überrollt einen geradezu.

Während eines Essanfalls stopfen die Betroffenen wahllos Nahrungsmittel in sich hinein, oft solange, bis ihre körperlichen Beschwerden sie zwingen aufzuhören. Sie essen hauptsächlich Lebensmittel, die sie sich verbieten. Essanfälle sind oft begleitet von schlimmen Schuld- und Schamgefühlen.

Lassen wir die Gefühle und Gedanken, die mit Essanfällen einher gehen wieder von Betroffenen beschreiben:

Ich habe oft panikartige Gier nach Essen. Es kommt öfters vor – meistens Abends – dass ich sehr große Mengen auf einmal esse. Bei diesen Essanfällen verliere ich komplett die Kontrolle darüber, was ich esse. Ich kann mich nicht mehr stoppen.

Ich versuche immer gesund zu essen. Die Lebensmittel, die ich während meiner Essanfälle herunter schlinge, sind allerdings alles andere als gesund. Tischmanieren sind bei diesen Essanfällen nicht mehr vorhanden. Ich grause mich vor mir selber.

Ich habe ein schlechtes Gewissen, da ich schon wieder ‚gesündigt‘ habe. Ich hasse meinen mangelnden Willens und meiner Disziplinlosigkeit. Ich nehme mir vor, noch viel härter mit mir umzugehen. Ich bestrafe mich mit einer ‚Überdosis‘ an Sport. Ich beschließe, nie wieder ‚verbotene‘ Nahrungsmittel zu essen. Ab jetzt aber wirklich!

Ich fühle mich nachher wie erschlagen und will eigentlich nur noch schlafen. Oft ist mir wahnsinnig schlecht. Warum tue ich mir das nur immer wieder an??

Ich bin verzweifelt und fühle mich fett. Ich fühle quasi mein Doppelkinn und meine Oberschenkel anwachsen. Mein Bauch spannt, ich bekomme keine Hose mehr zu. Ich überlege nach dem Essanfall mir sofort, welche Diät ich ‚ab morgen‘ machen werde bzw. wie viele Kalorien ich morgen zu mir nehmen darf. So darf das nicht mehr weiter gehen.

Am nächsten Morgen nach einem Essanfall fühle ich mich, als ob ich einen Kater hätte. Ich wache gerädert auf und habe einen entsetzlichen Geschmack im Mund. Ich habe so Angst vor dem nächsten Rückfall. Ich darf heute nichts essen!

Wenn Ihnen diese Aussagen mehr als bekannt vorkommen, ist es höchste Zeit, sich mit dem Thema Esssucht intensiv auseinanderzusetzen.

Wie werde ich mein quälendes Essverhalten los?

„Ich hasse sie, diese quälenden Essanfälle. Ich kann nichts gegen sie tun, sie überrollen mich unangemeldet mit einer enormen Wucht. Ich denke fast die ganze Zeit an Essen und Abnehmen. Ich halte das nicht mehr aus. Bitte sagen Sie mir, wie ich das loswerden kann. BITTE.“

Ungefähr so hört es sich an, wenn jemand, verzweifelt über sein zwanghaftes Essverhalten, nach Hilfe sucht.

Eigentlich ist die gestellte Frage denkbar einfach: „Wie werde ich meine quälendes Essverhalten los“. Wie schön wäre es, wenn ich Ihnen nun ein Erfolgsrezept präsentieren könnte nach dem Motto „Das 10 Schritte Programm aus Ihrer Esskrise in 10 Wochen, Rückfälle ausgeschlossen!“

Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass es unseriös wäre ein solches oder ähnliches Versprechen abzugeben. Dies gilt für jegliche Herausforderung im Leben: Den einen Weg, der für alle gültig ist, gibt es nicht. Jede ist unterschiedlich, jede hat ihre ganz eigene Geschichte und ihre ganz persönlichen Vorlieben. Was der Einen hilft, hilft dem Anderen überhaupt nicht und umgekehrt. Für jede Einzelne gilt es, ihren ganz persönlichen Weg zu finden – daher gibt es keine 08/15 Antworten und keine „Geheimrezepte“ – und genau darin liegt die Herausforderung, die es anzunehmen gilt.

Wenn das Essverhalten bereits quälend und belastend ist, dann könnte eine Esssucht dahinter stecken – und dieses Thema ist komplex. Die Essanfälle, das ständige Denken an Essen und Abnehmen sind nur das Symptom, quasi die Spitze des Eisberges. Darunter verborgen liegen die Ursachen, die es nach und nach zu entdecken und zu bearbeiten gilt.

Auch die Dauer des Genesungsprozesses lässt sich nicht abschätzen. Es ist meist ein längerer Prozess, auf den man sich einstellen sollte. Als Betroffene hört man das nicht gerne. Die Esssucht ist so quälend, so beängstigend, dass man meint, sie keine Sekunde mehr länger ertragen zu können.

Wenn ich Ihnen hierfür schon kein „10-Schritte-Erfolgsprogramm“ präsentieren kann, so gibt es doch einige Schritte, die meiner Erfahrung nach auf dem Weg aus der Esssucht eine wichtige Rolle spielen:

Das eigene Essverhalten verstehen lernen

Viele Frauen, die von Esssucht geplagt sind, möchten diese am liebsten so schnell wie möglich los werden. Dies ist verständlich, denn die Esssucht wird als belastend und störend erlebt. Trotzdem kann es von Bedeutung sein, die Esssucht genau zu betrachten um zu verstehen, warum sie im eigenen Leben eingezogen ist. Manchmal ist es bereits eine große Hilfe zu erfahren, dass die eigenen Symptome, unter denen man Tag für Tag leidet, auch anderen Frauen sehr gut bekannt sind.

Oft ist es schwierig den Tatsachen ins Auge zu sehen. Es ist nur möglich, einen Weg aus der Esssucht zu finden, wenn Sie wissen, womit genau Sie es zu tun haben. Als Informationsquellen hierfür dienen z.B. zahlreiche Internetseiten sowie einschlägige Bücher.

Sie müssen versuchen, ehrliche und möglichst konkrete Antworten auf folgende Fragen zu finden:

  • Wie oft am Tag beschäftige ich mich eigentlich mit den Themen Essen/Diät/Gewicht/Abnehmen/Essanfall?
  • Welche Bereiche meines Lebens beeinflusst meine Esssucht?
  • Gibt es bestimmte Situationen, die einen Essanfall auslösen?
  • Was genau würde sich in meinem Leben ändern, wenn ich mein Zielgewicht erreicht hätte?
  • Angenommen eine gute Fee würde über Nacht meine Esssucht bzw. meine Essanfälle wegzaubern: Was löst diese Vorstellung in mir aus?
  • und die vermutlich schwierigste Frage: Welche Funktionen übernimmt meine Esssucht in meinem Leben?

Nun ist es Zeit eine Entscheidung zu treffen: Entscheiden Sie sich dafür, die tausendste Diät in Ihrem Leben beginnen oder wollen Sie sich auf die Reise begeben und sich den Ursachen Ihres Essverhaltens stellen?

Einen Schritt nach dem anderen gehen

Der Weg aus der Esssucht beginnt meist damit, dass man verzweifelt vor einem großen Berg an undefinierbarem Gefühlschaos oder ungelösten Problemen steht. Unweigerlich tauchen quälende Fragen auf: „Das alles soll ich bewältigen? Wie soll das gehen?“ gepaart mit dem verzweifelten Ausruf: „Das schaffe ich nie!“

Lassen Sie sich von der Fülle der Informationen und von den Veränderungen, die vielleicht noch vor Ihnen stehen, nicht entmutigen. Sie leiden vermutlich schon jahrelang (wenn nicht Jahrzehnte) an Ihrer Essstörung! Sie lässt sich daher auch nicht von heute auf morgen beseitigen.

Stellen Sie sich Ihre Essstörung als einen Berg von großen Steinen vor: Jeder Stein steht für eine bestimmte Ursache Ihrer Essstörung. Ziel ist es, diesen Berg so weit als möglich abzutragen – also die Ursachen Ihrer Essstörung zu finden. Am liebsten würden Sie nun alle Steine auf einmal nehmen und sie weit von sich werfen. Stimmt´s? Dies ist leider nicht möglich, denn niemand hat die Kraft, einen großen Steinhaufen mit einem Mal abzutragen.

Sie können aber sehr wohl vor den Berg treten, einen einzelnen Stein nehmen und ihn wegtragen. Ein Stein scheint zu Beginn vielleicht wenig. Doch wenn Sie später noch einen Stein nehmen und noch einen und noch einen und immer fort, dann wird der Berg sichtlich kleiner und Sie haben noch genügend Kraft für die darauf folgenden Steine. Es kann sehr spannend sein, diese „Ursachensteine“ sorgfältig anzusehen, zu untersuchen, zu ergründen und Lösungen zu finden. Es ist wie ein Puzzle des Lebens, Ihres Lebens.

Wichtig ist, dass Sie den ersten Schritt gehen – um bei unserem Bild zu bleiben – den ersten Stein nehmen. Es ist eigentlich gleichgültig, welcher das ist.

Sie surfen gerade im Internet und informieren sich über Esssucht. Das ist ein wichtiger Schritt! Vielleicht finden Sie eine Idee, einen Gedanken, der Sie anspricht. Verfolgen Sie ihn weiter, das ist dann der nächste Schritt. Haben Sie Vertrauen, dass Sie den darauf folgenden Schritt sehen werden, wenn Sie so weit sind.

Es ist wie bei einer Wanderung. Manchmal sieht man die Wegmarkierung nicht mehr. Man geht ein Stück nach vorne, schaut nach links und nach rechts und siehe da, die Markierung ist wieder sichtbar. Man weiß plötzlich wieder, wie es weiter geht.

Gehen Sie Schritt für Schritt vorwärts. Überfordern Sie sich nicht. Neue Verhaltensmuster und Denkensweisen zu entwickeln, erfordern immer mehr Anstrengung und Mut, als bei den Alten zu bleiben. Wenn die neuen Muster und Gedanken einmal erworben sind, ersetzen sie ganz automatisch die Alten. Sie werden beständig und Sie möchten sie dann sicher nicht mehr aufgeben wollen.

Wie bei einer Wanderung ist es auch am Weg aus der Esssucht notwendig, Pausen einzulegen. Ständig an sich zu arbeiten, sich zu hinterfragen und sich seinen Problemen zu stellen ist mühsam und verlang einem viel ab. Gönnen Sie sich ganz bewusst Auszeiten. Seien Sie sich nicht böse, wenn der nächste Schritt auf sich warten lässt. Seien Sie nicht zu streng mit sich selbst auf Ihrem Weg.

Hilfe suchen

Vor allem zu Beginn stellt das Internet ein wunderbares Medium dar, um Hilfe zu suchen. Beispielsweise bieten Ihnen online Foren die Möglichkeit, sich anonym mit anderen Betroffenen auszutauschen. Auch aus Büchern sind zahlreiche Ideen zu holen.

Langfristig sollten Sie sich aber überlegen, den Schritt aus der Anonymität zu wagen und professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es ist sehr befreiend, endlich über seine Qualen zu sprechen um Verständnis und Mitgefühl zu erfahren. Professionisten können Ihnen helfen, nicht mehr im Symptom hängen zu bleiben, sondern an den Ursachen Ihrer Esssucht aktiv zu arbeiten.

Haben Sie keine Angst, ausgelacht zu werden. Seriöse Professionisten nehmen Sie ernst, gleichgültig welches Problem Sie beschäftigt.

Psychotherapie

Psychotherapie hilft bei der Bearbeitung von seelischen Problemen. Verlassen Sie sich bei der Suche Ihres Therapeuten auf Ihr Gefühl. Wenn Sie wirklich bereit für Therapie sind, werden Sie den für Sie richtigen Therapeuten finden.
Woran erkennen Sie, dass der Therapeut oder die Therapeutin gut zu Ihnen passt? Wichtig ist, dass Sie sich gut aufgehoben fühlen und dass Sie im Grunde gerne zur Therapie gehen, obwohl Therapie sehr anstrengend und schmerzhaft sein kann. Sie sollten das Gefühl haben, alles besprechen zu können und sich auf Ihrem Weg aus der Esssucht unterstützt fühlen. Wesentlich ist, dass Sie spüren, dass Ihre Therapie Sie weiter bringt. Sollten Sie diesen Eindruck nicht haben, so flüchten Sie nicht gleich, sondern besprechen Sie das mit Ihrer/m Therapeut/in. Vielleicht sind Ihre Erwartungen einfach zu hoch gesteckt.

Körperarbeit

Esssüchtige haben üblicherweise ein gespanntes Verhältnis zu ihrem Körper. Oft ist der Kopf (die Gedanken) übermächtig und der Körper wird kaum wahrgenommen oder gar gehasst. Um ein besseres Körpergefühl zu erlangen und um sich als Ganzes zu begreifen, kann Köperarbeit eine gute Unterstützung sein. Es gibt zahlreiche Methoden z.B. Shiatsu, Reiki, QiGong, Taiji, Yoga, CDs mit Köperreisen etc…. Wichtig ist es auch hier, dass es Ihnen Spaß macht und Sie sich wohl fühlen.

Selbsthilfegruppen, Vorträge, Seminare, Ex-Betroffene

Weitere Möglichkeiten bieten Selbsthilfegruppen, einschlägige Vorträge oder Seminare, in denen Sie auf Gleichgesinnte treffen. Es ist beruhigend zu erfahren, dass Sie nicht die Einzige auf dieser Welt mit diesen quälenden Problemen sind. Sie fühlen sich dann nicht mehr ganz so abnormal. Vielleicht haben Sie auch die Möglichkeit, mit Ex-Betroffenen zu sprechen, das macht Mut und gibt neue Hoffnung.

Ernährungsberatung

Hilfreich kann auch das Aufsuchen einer Ernährungsberatung sein, z.B. nach den 5-Elementen. Meiner Erfahrung nach ist es wichtig, bei der Wahl des/r Ernährungsberaters/in darauf zu achten, das sie/er mit Ihnen gemeinsam einen Schritt nach dem anderen geht. Es fällt vielen Menschen schwer, einen neuen Ernährungsplan lückenlos und vor allem dauerhaft zu befolgen – und das gilt nicht nur für Menschen mit Esssucht. Machen Sie sich bewusst, dass Ihre Ernährung das Symptom Ihrer Esssucht, keineswegs jedoch die Ursache ist.

Wichtig: Körperarbeit, Ernährungsberatung, Seminare u.ä. ersetzen keine Psychotherapie. Sie stellen bloß eine Ergänzung dar. Weiters sollten Sie bei körperlichen Beschwerden unbedingt ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen und den weiteren Weg abklären.

Essanfälle möglichst akzeptieren

Die Essanfälle zu akzeptieren ist schwierig. Die Essanfälle sind das, was Sie am meisten hassen. Sie sind das Symptom und sie werden gehen, wenn es an der Zeit ist.

Dies macht den meisten Betroffenen große Angst. „Soll das bedeuten, dass ich diese Essanfälle noch weiter ertragen muss?“ Bei dieser Frage kann ich Sie ein wenig beruhigen. Die Essanfälle werden Sie zwar vermutlich noch einige Zeit begleiten, doch nach und nach wird sich ihre Qualität verbessern. Beispielsweise werden Sie nicht mehr unzählig viele Speisen durcheinander essen, sondern „nur“ noch die dreifache Menge einer Speise. Sie werden nach einem Essanfall nur noch das halbe Chaos in der Küche hinterlassen, da er Sie nicht mehr mit Wucht völlig unerwartet überwältigt. Der Essanfall fühlt sich nicht mehr ganz so eklig an und ist leichter zu ertragen.

Am besten rechnen Sie damit, dass Sie wieder einen Essanfall haben werden. Dann überrascht er Sie nicht mehr und Sie müssen nicht das Gefühl haben, versagt zu haben. Aus meiner Erfahrung ist es hilfreich das Ziel „Ich will keine Essanfälle mehr“ zum Beispiel mit dem Ziel „Ich will lernen, meinem Körper und meiner Seele zu geben was sie brauchen“ zu ersetzen.

Wenn ein Essanfall Sie überrollt hat, versuchen Sie möglichst nett zu sich zu sein. Bestrafen Sie sich nicht noch weiter, denn Ihr Essanfall ist sowieso schon ein Aufschrei Ihrer Seele.

Konkret bleiben

Aussagen wie „Ich will nie wieder einen Essanfall haben“, „Ab jetzt werde ich immer nein sagen wenn mir etwas nicht passt“ oder „Ab jetzt werde ich mich selbst lieben“ sind sehr hochgesteckte Ziele, die kaum zu erfüllen sind. Wer kann schon immer alles „richtig“ machen.

Kleine Ziele wie: „Wenn ich merke, dass der Essanfall kommt, setze ich mich zunächst eine Minute lang hin“ oder „Wenn mich mein Chef nach Dienstschluss anruft werde ich nicht mehr automatisch abheben“ oder „Ich werde mich einmal täglich für etwas loben, das ich an mir mag.“ sind leichter zu erreichen.

Durch Ihre Wegbegleiter (TherapeutInnen, Literatur….) werden Sie zahlreiche Ideen für solche kleinen Ziele bekommen. Nehmen Sie sich nicht zu viel auf einmal vor. Eins nach dem anderen, ein Schritt nach dem anderen.

Selbstliebe erlernen

Sie haben bestimmt schon den gut gemeinten Ratschlag „Liebe dich selbst“ gehört. Leichter gesagt als getan.

Selbstliebe kann man lernen, dies benötigt aber Zeit und Geduld. Ein erster Schritt ist z.B. zu beobachten, wie Sie eigentlich mit sich selbst sprechen. Reden Sie so, wie Sie zu sich selbst reden auch mit anderen? Oder kann es sein, dass Sie sich selbst bei jeder erdenklichen Situation erniedrigen z.B. wenn Sie sich in den Spiegel sehen oder Sie sich strenge Vorwürfe machen wegen eines kleinen Missgeschicks. Versuchen Sie nach und nach netter mit sich zu sprechen, gut zu sich zu sein.

Wenn Sie sich selbst akzeptieren und mit sich selbst im Reinen sind, kann dies einiges bewirken. Hier einige Beispiele aus meiner Erfahrung:

  • Viele esssüchtige Frauen sind Perfektionistinnen: Ziel ist die perfekte Figur, die perfekte Ernährung, die perfekte Arbeitsleistung. Der Anspruch perfekt sein zu wollen programmiert das Scheitern geradezu vor. Wenn Sie sich selbst akzeptieren, verzeihen Sie sich Fehler viel leichter, Sie müssen nicht perfekt sein um sich selbst zu gefallen.
  • Ein oft wiederkehrendes Thema bei Esssüchtigen ist eine tief sitzende Einsamkeit, unabhängig davon, von wie vielen Leuten sie umgeben sind. Mit zunehmender Selbstliebe verschwindet dieses Gefühl. Sie sind es sich Wert, Beziehungen bzw. Freundschaften einzugehen, die Ihnen mehr Kraft geben als nehmen.
  • Viele Esssüchtige sind extrem sensibel und spüren, was Andere nicht wahrnehmen können (oder wollen). Oft bekommen Sie dann zu hören „das bildest du dir nur ein“. Bei genug Selbstliebe vertrauen Sie Ihrer Wahrnehmung und gehen sorgsam mit Ihrer Sensibilität um.
  • Selbstliebe bedeutet gut zu sich zu sein. Sie lernen sich kennen, schauen auf sich und Ihre Bedürfnisse, Sie wissen was Ihnen Freude macht und was nicht. Sie akzeptieren sich wie Sie sind, samt Ihrer guten und schlechten Eigenschaften. Sie werden Ihrer bewusst – selbstbewusst.
  • Selbstliebe hat auch einen erstaunlichen Effekt auf Beziehungen zu anderen Menschen. Wenn Sie nicht ständig damit beschäftigt sind, sich selbst zu hinterfragen, können Sie die anderen sehen wie diese wirklich sind. Wenn Sie sich selbst mögen, fällt es Ihnen leichter Ihrem Partner zu glauben, wenn er Ihnen sagt, dass er Sie liebt wie Sie sind.

Selbstliebe hat nichts zu tun mit Egoismus. Wer gut auf sich selbst schaut, hat viel mehr Kraft um für andere da zu sein.

Selbstliebe ist eng mit Selbstsicherheit verknüpft. Nachfolgend einige Anregungen, wie Sie Selbstsicherheit in täglichen, immer wieder kehrenden Situationen üben können:

  • Komplimente einfach mit einem „danke“ annehmen auch wenn Ihnen danach ist, diese sofort abzuschwächen.
  • Bei anderen Leuten das Schöne und Gute bewusst wahrnehmen und Komplimente machen, wenn diese stimmig und angebracht sind.
  • Bitten, Kritik und „nein“ direkt aussprechen, ohne eine lange und breite Begründung oder Entschuldigung vorauszustellen oder anzuhängen
  • Ab und zu den Aktionsradius erweitern und öfters Dinge tun, die Sie normalerweise nicht tun z.B. fremde Leute nach der Uhrzeit fragen oder vor anderen genussvoll in einen Schokoriegel beißen oder alleine in ein Kaffeehaus gehen.

Versuchen Sie kleine Übungen dieser Art in Ihrem Alltag einzubauen. So wie vieles im Leben kann auch die Selbstsicherheit durch Übung aktiv erhöht werden.

Der Realität ins Auge sehen

Wie geht es Ihnen mit nachfolgenden Aussagen?

  • Bei der Esssucht ist das Essen nur das Symptom, nicht die Ursache.
  • Der Weg aus der Esssucht braucht viel Zeit und noch viel mehr Geduld.
  • Die Essanfälle werden so lange bleiben, wie Sie diese brauchen.
  • Die Esssucht erfüllt einen wichtigen Sinn in Ihrem Leben, oft auch einen Sinn im Leben Ihrer engsten Angehörigen.
  • Auch wenn die Esssucht weg ist, wird nicht plötzlich alles rosig sein in Ihrem Leben. Es wird nach wie vor Probleme bzw. schwierige Situationen geben, die es zu lösen gilt. Sie werden sich auch ohne Esssucht dann und wann unwohl in Ihrer Haut fühlen.

Sich selbst nichts vorzumachen ist schwierig. Wir alle neigen dazu Dinge schön zu reden – Partnerschaft – Beziehung zu Freunden – Beziehung zu Angehörigen – Ausbildung – Job – Wohnung. Passt das wirklich alles?

Übrigens: Der Realität ins Auge sehen heißt nicht den Schuldigen zu finden.

Kleine Erfolge schätzen

Schon wieder ein Essanfall, daher voll versagt? Stimmt nicht. Nehmen Sie ein Blatt Papier und schreiben Sie auf, was sich in den letzten Monaten in Ihrem Leben verändert hat. Tun Sie dies möglichst konkret, denken Sie insbesondere auch an alltägliche Gegebenheiten, z.B. letzte Woche habe ich es geschafft am Freitag um 17:00 zu gehen, statt noch einen Auftrag meines Chefs zu übernehmen. Letzte Woche, als ich wirklich keine Lust auf Kino hatte, habe ich meine Freundin angerufen und ihr abgesagt.

Nehmen Sie auch kleine Veränderungen wahr, hängen Sie nicht alles auf „Essanfall ja oder nein“ auf. Erinnern Sie sich: der Essanfall ist nur das Symptom.

Neue Gedanken und Interessen finden

„Wenn ich nicht mehr ständig an Essen und Abnehmen denkt… woran soll ich dann eigentlich sonst denken? Wie soll ich dieses Vakuum füllen? Wie stoppe ich die ständig kreisenden Gedanken?“

Je mehr Sie an andere Dinge denken, je mehr andere Dinge an Wichtigkeit gewinnen, desto weniger werden Sie an Essen bzw. Abnehmen denken. Dies ist ein längerer Prozess. Die ewig um Essen und Gewicht kreisenden Gedanken verschwinden nicht so einfach. Es ist darüber hinaus gar nicht so leicht herauszufinden, was einem eigentlich richtig Freude macht.

Hier einige Anregungen für diesen Weg:

  • Täglich am Abend in ein Tagebuch schreiben: Was hat mir heute Freude gemacht? Denken Sie hier v.a. an Kleinigkeiten wie z.B. die Blumen im Blumenladen haben gut geduftet, der Buschauffeur hat mich noch einsteigen lassen, meine Freundin hat angerufen, etc. (und wieder fünf Minuten an etwas Anderes gedacht!)
  • Sich eine Stunde Massage (z.B. Shiatsu) gönnen und dabei den Körper spüren (und wieder eine Stunde an etwas Anderes gedacht!)
  • Lernen mehr im Moment zu sein, z.B. durch Taiji, QiGong, Yoga, MeditationsCDs (und wieder mindestens eine viertel Stunde an etwas Anderes gedacht)
  • Fragen Sie Ihre Freunde, Bekannte, Kollegen was diese am liebsten in der Freizeit tun. Vielleicht bekommen Sie so Anregungen.

Seien Sie auch hier geduldig mit sich selbst. Wenn Sie momentan keine Energie haben, in einem Stimmungstief sitzen, dann werden Sie vermutlich nur wenig Kraft haben, zu neuen Ufern aufzubrechen. Neues auszuprobieren gelingt am besten in Hochphasen. Nutzen Sie diese und machen Sie sich nichts vor, so auf die Art: „Mir geht es jetzt so gut, ich hab´s geschafft, ich brauch das alles nicht mehr!“

Parabel Hausbau

Ich finde, der Weg aus der Esssucht lässt sich gut mit dem Hausbau vergleichen:

Stellen Sie sich folgende Situation vor:
Sie stehen auf einem Berg, alleine. Plötzlich fängt es zu regnen und zu stürmen an (= die Herausforderungen des Lebens prasseln auf Sie ein, Sie sind verzweifelt, einsam, wissen nicht wohin). Ihnen wird kalt und Sie brauchen einen Platz, wohin Sie sich flüchten können. Sie brauchen ein (Schutz)Haus (=Selbstbewusstsein und Selbstliebe, sodass Sie sich allen Situationen stellen können ohne die Krücke Esssucht zur Hilfe zu nehmen).

Ein wirklich solides Haus lässt sich allerdings nicht von heute auf morgen bauen. Man muss zunächst einen Keller ausheben und damit eine gute Basis für das Haus schaffen. (= Herausfinden womit Sie es zu tun haben, was bedeutet es, Esssucht zu haben?).

Ein Haus kann man nicht alleine bauen, man braucht die Hilfe von Professionisten (=Psychotherapie, Körperarbeit, Seminare, Vorträge, …..). Gemeinsam wird ein Ziegel nach dem anderen gesetzt. (= Man kann immer nur einen Schritt nach dem Anderen gehen).

Irgendwann ist dann ein Raum fertig. Sie betreten ihn voller Stolz und freuen sich (= kleine Erfolge schätzen). In diesem Raum genießen Sie schon den ersten Schutz (=In vielen Situationen reagieren Sie bereits adäquat, ohne die Krücke Essanfall). Im Zuge des Hausbaus erwerben Sie viele neue Fähigkeiten, z.B. Sie wissen schon, was Sie machen müssen, wenn wieder einmal mal ein Abfluss nicht richtig dichtet (= z.B. können Sie Ihrem Chef schon sagen, wenn Sie wirklich keine Überstunden machen können). Zu Beginn war die Werkzeugkiste noch wie ein Buch mit sieben Siegeln für Sie, jetzt haben Sie einige wertvolle Werkzeuge darin liegen, und Sie wissen, wie Sie sie anwenden können (= adäquat auf Situationen reagieren, z.B. welche Worte benutzen Sie, um auf grundlose Anschuldigungen zu antworten?)

Tja und irgendwann ist das Haus fertig. Ihr Schutzhaus. Sie sind geschützt vor Regen und Wind, Sie sind zu Hause. (Regen und Wind wird es immer geben = ein Leben ohne herausfordernde Situationen gibt es nicht) Damit das Haus weiterhin so wohnlich bleibt und Ihnen genug Schutz bietet, müssen Sie drauf achten, dass es regelmäßig renoviert wird (= man lernt nie aus im Leben, denn es kommen immer wieder neue Situationen und Probleme auf einen zu). Einige Dinge können Sie selbst erledigen, für andere fragen Sie Professionisten. (= auch nach Bewältigung der Esssucht ist man nicht frei von Problemen und kann hin und wieder bei einem Coach oder Therapeuten/in Rat holen.)

Gibt es Esssucht ohne Erbrechen oder mager sein?

Landläufig sind die Essstörungsformen Magersucht und Bulimie bekannt. Ersteres wird vor allem mit wenig bis gar nichts essen bzw. mager sein assoziiert, letzteres mit Erbrechen des Essens. Plakativ wird dies manchmal von Zeitungen aufgegriffen: Da sieht man dann ein Bild von einem Mädchen die kaum mehr als ihr Skelett ist oder eines von einer Frau, die über der Kloschüssel hängt.

Diese Extreme schaffen allerdings wenig Identifikationsfläche. Denn Esssucht spielt sich meistens mitten unter uns ab, im Alltag. Davon betroffen sind Menschen, „wie Du und ich“, die täglich ihrem Job und ihren familiären Pflichten nachgehen. Es sind Menschen mit Doppelleben – nach außen hin heile Fassade, nach innen hin zutiefst unglücklich.

Man kann an einer Esssucht leiden, ohne mager zu sein. Esssüchtige Frauen haben jede Figur, von sehr schlank über normal bis hin zu sehr übergewichtig. Die Figur hängt einerseits von der Veranlagung ab, andererseits von den Ausgleichshandlungen, die die Betroffenen dem Essen gegenüber stellen. Dies kann sein: Erbrechen, Fasten, Sport und / oder Abführmittel.

Wobei das Brechen nicht zwangsläufig zu einer Esssucht dazu gehört. Es gibt sehr viele Frauen, die nach den Essanfällen nicht erbrechen, diese Form der Esssucht nennt man „Binge Eating“ oder „Bulimie non purging“.

Überhaupt gibt es zwischen den beiden Hauptformen der Esssucht zahlreiche Abstufungen: Beispielweise gibt es BulimikerInnen, die zwischen Phasen von Essattacken fasten. Es gibt Magersüchtige, die das Wenige, das sie zu sich nehmen, erbrechen. Es gibt Betroffene, die das Essen lange kauen und ausspucken, bevor sie es schlucken.

Allen Essstörungen ist eine intensive Beschäftigung mit dem eigenen Körper sowie mit den zu sich genommenen Nahrungsmitteln gemeinsam. Die Gedanken der Betroffenen kreisen so gut wie ständig um Gewicht, Kalorien, essen bzw. nicht essen.

Dies zu wissen ist wichtig, um den Ernst der Situation zu erkennen in der man steckt. Denn vielfach handelt es sich eben nicht um einen bloßen „Diättick“ oder „zu wenig Disziplin“ sondern um eine Essstörung. Ich habe viele Frauen erlebt, denen lange nicht bewusst war, dass sie überhaupt eine Esssucht haben und sich daher sehr lange in dem Teufelskreise Essen-Diät-schlechtes Gewissen bewegt haben.

Die Beschäftigung mit den Symptomen und Ursachen und die Einsicht in das Krankheitsbild ist für Betroffene wesentlich, den ersten Schritt aus der Sucht gehen zu können.

Noch zu erwähnen ist, dass immer mehr Männer an Essstörungen leiden. Wenn also hier von Frauen die Rede ist, sind Männer und Frauen gleichermaßen gemeint.