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Grünoasen in der Nähe der aivilo Praxis

Falls Sie nach einer aivilo Stunde wieder zurück zur Arbeit müssen, empfiehlt es sich etwas Zeit einzuschieben, in der Sie in Gedanken noch etwas bei sich und Ihrem Körper bleiben können bevor Sie der Alltag wieder hat. Wie wäre es z.B. mit einem kleinen Spaziergang zum Augarten (ca. 15 Gehminuten von der aivilo Praxis entfernt), zum Liechtensteinpark (11 Gehminuten) oder zum Donaukanal (6 Gehminuten)?

 

Psychotherapie bei Essstörungen

Der nachfolgende Artikel wurde verfasst von meiner Kooperationspartnerin Mag. Doris Nowak-Schuh. Sie ist erfahrene Psychotherapeutin, unter anderem auf dem Gebiet Essstörungen.

In der Fachwelt herrscht die einhellige Meinung, dass bei Essstörungen wie Bulimie, Binge Eating Disorder oder Anorexie Psychotherapie die Behandlung der Wahl ist.

Warum?Weil der zugrunde liegende Konflikt immer ein psychischer ist und das Essen oder Nicht-Essen ein Symptom dieses inneren Ungleichgewichts ist.

Ich möchte diese Fachmeinung noch ergänzen: Für mich ist die Behandlung der Wahl die Kombination von Psychotherapie und Körperarbeit, und zwar durchgeführt durch TherapeutInnen, die in der Behandlung von Essproblemen erfahren sind. In meiner langjährigen Kooperation mit Olivia Wollinger hat sich immer wieder bestätigt, wie fruchtbar das Zusammenwirken von Psychotherapie und Shiatsu für unsere (fast immer weiblichen) Klientinnen ist und wie rasch sich Erfolge einstellen, wenn beide Ebenen – Körper und Psyche – genährt werden.

Was passiert in einer Psychotherapie…

In meiner therapeutischen Arbeit mit Frauen, die unter Essproblemen leiden, ist es mir wichtig, ihnen zuerst einmal ein Verständnis für sich selbst, ihre psychischen Muster und ihre Probleme zu vermitteln. Dabei lege ich großen Wert auf ein vertrauensvolles Klima, in dem alles gesagt werden darf. Meine psychotherapeutische Herangehensweise basiert auf einem „leistungsfreien Raum“: Denn Ziel der Psychotherapie ist nicht in erster Linie eine Zu- oder Abnahme, sondern die Schaffung eines Raums, in dem die Klientin endlich einmal so sein darf wie sie nun einmal ist. Mit all ihren Stärken, Schwächen, Ängsten, Sorgen, Ecken und Kanten. Denn dieser Weg führt zu einer weiblichen Identität, die auch unabhängig vom Druck der üblichen gesellschaftlichen Schönheitsnormen bestehen kann. Die Erfolge auf der Waage stellten sich bei meinen Klientinnen bisher fast immer nach einiger Zeit ganz von selber ein.

Ziele meiner psychotherapeutischen Arbeit mit Frauen mit Essproblemen…

  • Die Herstellung einer gesunden Beziehung zum eigenen Körper. Wahrnehmen was braucht er wann, was tut ihm gut, worauf kann er verzichten?
  • Die Ansprüche an mich selbst relativieren und überprüfen, was mich wirklich glücklich macht.
  • Mich selbst lieben lernen
  • Lernen, mit Konflikten umzugehen und an Frustrationen zu wachsen
  • Den Zugang zu den verschiedenen Gefühlen wieder finden und Ausdrucksmöglichkeiten entwickeln, die nicht gegen mich selbst gerichtet sind

Je nach individueller Situation und persönlichen Vorlieben können diese Themen in Einzelsitzungen oder in der Gruppe bearbeitet werden – mit beiden Settings habe ich gute Erfahrungen. Der Vorteil der Gruppe ist, dass die Menschen ein Zugehörigkeitsgefühl entwickeln und ihre Sorgen teilen können. Dadurch wird so manches leichter. Der Vorteil der Einzelarbeit wiederum ist, dass man eine Stunde in einem sehr geschützten Rahmen ganz für sich hat. Da spricht es sich oft leichter über Dinge, die bisher unaussprechlich waren.

Falls Sie über eine Psychotherapie nachdenken…

… können Sie gerne ein unverbindliches Erstgespräch vereinbaren. Es dient dem Kennenlernen und ist gleichzeitig eine Beratung über Therapiemöglichkeiten und Hilfsangebote abgestimmt auf Ihre individuelle Situation. Sollte ich im Moment keine freien Plätze haben, empfehle ich auf Wunsch andere TherapeutInnen, die in der Behandlung von Essproblemen erfahren sind.

Für welche Therapiemethode und welches Setting Sie sich auch immer entscheiden wollen – eines steht für mich jedenfalls fest: Niemand muss sich seinem Unglück fügen. Es gibt immer Wege zur Veränderung. Je früher man damit beginnt, umso leichter ist es.

Mag.a Doris Nowak-Schuh
www.nowak-schuh.at
Klinische und Gesundheitspsychologin
Arbeitspsychologin
Psychotherapeutin für Psychodrama, Soziometrie und Rollenspiel

Die Esssucht und meine persönliche Geschichte

Letztens in meiner Praxis erzählte ich einer Klientin ein wenig von meiner Geschichte, vor allem um ihr Mut zu machen. Diese Klientin schaute mich erstaunt an mit den Worten: „S-I-E hatten Esssucht? Wirklich? S-I-E???“

Das hat sich in meiner Praxis nun schon einige Male so oder so ähnlich zugetragen.

Mich überraschte es, dass dies offensichtlich nicht „alle“ wissen. Ich war mir sicher, dass man dies hier deutlich zwischen den Zeilen lesen kann.

Vielleicht ist es Zeit, meine Geschichte explizit öffentlich zu machen, nicht nur in den Seminaren sondern auch hier auf dieser Webseite.

Ja. Ich hatte Esssucht.

Und wie.

Richtig begann es, als ich 21 Jahre alt war.

Mein damaliger Freund hatte mich zuerst betrogen und dann verlassen. Nach einem Urlaub mit Freundinnen – ich weiß es noch wie heute – passte meine Hose nicht mehr und ich wollte unbedingt wieder hineinpassen. Dem voran ging eine Diät als ich 20 war, wo ich so richtig dünn wurde. Tja, mit dem Liebeskummer konnte ich meine Disziplin wohl nicht mehr halten. Und es sind nun mal die Süßigkeiten, die das Leben versüßen und nicht Karotten mit Hüttenkäse …..

Wobei der Liebeskummer der Auslöser war, bestimmt nicht die Ursache. Der Hang zum zwanghaften Essen schlummerte schon wesentlich länger in mir.

Ich begann damals mit dem Kreislauf fasten (z.B. nur eine gewisse Anzahl Stück Obst den ganzen Tag) Da nahm ich super ab, fühlte mich stark, erhaben, zielsicher. Wollte alle überzeugen, von meiner tollen, gesunden, vitalen Art zu leben.

Das hielt ich dann max. 10 Tage durch. Dann kam er, der Fressanfall mit allem verbotenen, fetten, kalorienreichen. Ich fühlte mich als unfähig, disziplinlos und schämte mich für mein maßloses Versagen. 

Massenweise Diätpläne ins Tagebuch geschrieben, super eingehalten um sie bald darauf wieder zu brechen.

Körperlich fühlte ich mich immer zu dick und aufgeschwemmt. Immer unwohl in meinem Körper. Oft plagten mich sehr schmerzhafte Blähungen und der damit verbundene harte Blähbauch.

Ich genierte mich baden zu gehen, ich genierte mich eigentlich immer für was ich war.

Geistig fühlte ich mich wie benebelt. Ich war ständig in Gedanken beim Essen und vor allem beim was ich alles nicht essen durfte.

Psychisch ging es mir sehr schlecht. Ich wollte nach dem Einschlafen nicht mehr aufwachen. (sterben, im Sinne von mich umbringen wollte ich aber glücklicherweise ganz und gar nicht).

Ich zwang mich zum Sport und hasste es. Ich war tot müde, manchmal extrem antriebslos. Ich war traurig. Ich war unglücklich, unzufrieden. Ich hasste mich. Ich hasste mein Leben. Ich war einsam (obwohl eigentlich fast ständig in Beziehung).

Nach außen hin führte ich ein normal erfolgreiches Leben, schloss „brav“ mein Studium ab und so weiter.

Die Wende brachte eine Freundin, als ich 24 Jahre alt war. Sie gab mir ein Buch über Bulimie. Bislang wusste ich nicht, dass ich Esssucht hatte, da ich ja nicht erbrach (ich hatte die Esssucht Form binge eating oder Bulimie non-purging-type wie ich heute weiß).

Das erste mal eine Erkenntnis: Hey, wow! Da steht ja mein Verhalten beschrieben.

Wobei „Wende“ bei weitem nicht hieß, dass ich keine Essanfälle hatte, ganz und gar nicht. Dieses Buch war der Anfang vom Weg aus der Esssucht, der allererste Schritt.

Es mussten noch viele Schritte folgen. Welche genau, können Sie in der Publikation nachlesen, siehe http://www.aivilo.at/?page_id=322

Dann, einige Jahre später, waren die Essanfälle weg. Aber meine Identität war noch nicht gefunden. Ich war so viele Jahre „Olivia mit Essanfällen“, dann „Olivia ohne Essanfälle“. Aber wer war Olivia?!?!

Rückblickend begann dann, im Jahr 2000 der wirklich spannende Weg, die echte Identitätssuche. Ich begann mit Therapie, begann mich beruflich weiterzuentwickeln und umzuorientieren.

Und hier stehe ich heute.

Mich fragen Klientinnen immer wieder: Kann man die Esssucht überwinden?

Ja, man kann!

Ja, Sie können es!

Sie können es, wenn Sie wirklich und wahrlich bereit sind, sich und Ihr Leben ehrlich anzusehen.
Wenn Sie mutig sind Änderungen zu machen, wenn sie anstehen.
Wenn sie der manchmal riesigen Angst vor den Änderungen begegnen, die da vielleicht in der Zukunft liegen könnten.

Wichtig auf dem Weg finde ich:
Weitergehen, einen Schritt nach dem anderen. Sich helfen lassen und den Weg gemeinsam gehen, vor allem in Zeiten des Zweifels. Realistisch bleiben, also sich keine raschen Ergebnisse erträumen sondern langfristige Änderungen anstreben. Sich ermuntern mit Sätzen wie: Das wird alles seinen Sinn haben, auch wenn ich ihn jetzt noch nicht sehen kann. Näheres dazu lesen Sie unter:
http://www.aivilo.at/?page_id=491

Ich habe heute keine Essanfälle mehr.

Wenn ich heißhungrig bin – ja, manchmal kommt das auch heute noch vor –  gehe ich zum Beispiel zum Wirten meines Vertrauens, bestelle mir die riesen Schokotorte mit doppelter Schlagobers Portion, esse die auf einen Sitz auf bis ich papp voll bin und gut ist es.

Die Unterschiede zu damals?

Ich entscheide mich. Bewusst. Ich könnte mich auch dagegen entscheiden, wenn ich wollte. Will ich aber nicht.

Ich habe kein schlechtes Gewissen sondern erfreue mich an den Gaumenfreuden und an die Entspannung und Ruhe die mir dieser Zuckerschub bringt.

Ich mache am nächsten Tag keine Diät sonder schaue – wie immer – was mein Körper gerade benötigt.

Ich mache es öffentlich. Mir kann jeder bei meinem Schlemmeranfall zusehen. Ich stehe dazu.

Ich habe nicht mehr die Angst, dass mir in der Sekunde die Oberschenkel und das Doppelkinn anwachsen. Es ist alles wie vorher, nur dass eben ein dickes Stück Torte in meinem Magen liegt.

Ich höre nach dem Stück auf, wenn es denn genug war. Wenn nicht, würde ich mir glatt ein zweites bestellen, normalerweise schaffe ich das aber nicht. Ich höre also auf meine Bedürfnisse und handle danach, auch in Phasen des Heißhungers. Ich darf alles, wofür ich mich entscheide und was ich wirklich möchte.

Ich brauche mich nicht mehr kontrollieren. Ich höre auf meinen Körper und gebe ihm freiwillig, was er möchte. Ich bin in ständigem liebevollen Kontakt mit meinem Körper.

Ja, meine Esssucht ist vorbei.

Nein, ich führe deswegen kein Leben ohne Probleme.

Ja, ich muss nach wie vor an mir arbeiten.

Ja, es kommen immer wieder Themen hoch und immer wieder und immer wieder, die ich schon bearbeitet habe aber scheinbar noch nicht genug.

Ja, das Leben fordert mich manchmal nach wie vor heraus, und wie!

Ja, es gibt Momente, in denen ich mich total unrund fühle. Wo ich mich frage: Muss das denn sein? Jetzt bist Du schon so erfahren und tappst noch immer in die gleiche Falle? Dann kann ich mich schon ganz schön über mich selbst ärgern. Oder ich verkrümel mich ins Bett und ziehe die Decke bis zur Nase und tu mir selbst mal so richtig leid. Manchmal braucht wohl jede/r Pause vor sich selbst, schließlich verbringen wir ja das ganze Leben mit uns selbst 🙂

Wobei, wenn ich diese heutigen down Stimmungen mit den damaligen vergleiche … da ist ein Vergleich eigentlich gar nicht möglich. Ich würde sogar so dreist sein und behaupten, dass ich mich in meinen heutigen down-phasen ungefähr so fühle, wie in meinen damaligen besseren Phasen.

Früher wechselte sich totale Tiefs mit totalen Hochs ab, mal so, mal so, kaum etwas dazwischen. Heute ist mein Leben ausgeglichener, die Freude ist stiller, dafür tiefer und anhaltender. Die Down-Phasen auf der anderen Seite kommen nicht mehr als riesen Drama daher. Sie sind eben da, manchmal. Und sie gehen auch wieder, garantiert.

Ich schaue hin. Ich verdränge nicht mehr durch ständige Essanfälle. Ich stelle mich meinen Gefühlen und handle adäquat. So weit es mir möglich ist, mit meinem aktuellen Wissen und meinen aktuellen Erfahrungen.

Und wachse. Jeden Tag aufs Neue.

In Summe führe ich heute ein glückliches, ausgeglichenes, aktives Leben.

Ich habe gelernt zu sehen, die Schönheiten des Augenblicks, des Tages und dieses Lebens. Meine Schönheiten, die Schönheiten anderer Menschen.

Ich habe meinen Sinn des Lebens gefunden.

Ohne Esssucht hätte ich diesen Handlungsdruck nicht gehabt. Ohne Esssucht wäre ich nicht gezwungen gewesen, mich selbst zu entdecken und zu suchen und zu finden, was mich glücklich macht.

Wer weiß, was ich dann für ein Leben geführt hätte?

Heute begleite ich andere Frauen mit Esssucht. Meine Klientinnen schätzen es, dass ich nachvollziehen kann, wie sich Esssucht anfühlt. Und wie ich das nachvollziehen kann! Ich kenne diesen angstvolle Blick, die angstvolle Frage: „Wird dieser Horror jemals enden?“

Ja! Es ist möglich!