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Impressionen Workshop 16./17. Nov.

Hier ein paar Impressionen vom Workshop „Stopp den Esszwang“. Es waren wieder viele schöne, interessante, intensive gemeinsame Stunden und Begegnungen. Da uns die Vertraulichkeit wichtig ist, veröffentlichen wir auch diesmal selbstverständlich keine Bilder unserer Teilnehmerinnen.

Doch folgende Stimmen aus dem Workshop möchten wir gerne teilen:

Danke für …

… Professionelle Vorbereitung und Durchführung, trotzdem mit Herz
… liebevollen Worte bei den Körperübungen
… die Ehrlichkeit
… Eure Offenheit
… Vertrauen
… die tolle Zeit
… Offenheit von Olivia über eigene Geschichte und Probleme zu erzählen
… für das Schaffen einer angenehmen und sicheren Atmosphäre
… Gespräche
… Ehrlichkeit und Selbstoffenbarung
… Olivias Zitat „… und Punkt“
… sehr viele gute Tipps
… eure Wertschätzung
… neue Erfahrungen
… schönes Wochenende mit vielen neuen und sehr lieben Menschen

P.S. Danke wiedermal an Manfred Helmer für die Fotos!

Realismus am Weg aus der Esssucht

In meinem Praxisalltag erlebe ich immer wieder Frauen, die voller Motivation sind und quasi laut ausrufen: „JETZT schaffe ich es! Ab jetzt werde ich ALLES in den Griff bekommen! Ab jetzt wird Essen keine so wichtige Rolle mehr spielen!“

Ein Lebensthema mit Motivation in Angriff zu nehmen ist gut und wichtig. Doch es ist ebenso wichtig zu wissen, dass der Ausstieg aus der Esssucht – verglichen zu einem Lauf – keine Kurzstrecke ist, die mit voller Power in kürzester Zeit hinter sich gebracht werden kann.

Wie gerne würde ich meinen Klientinnen versprechen: Kommen Sie 10 Wochen zu mir und alles ist vorbei.

Aber so ist es leider nicht.

Der Ausstieg aus der Esssucht ist möglich, aber er braucht Zeit und er hat Höhen und Tiefen. Überlegen Sie, wie lange Sie in Ihren Mustern verhaften waren. Oft ein paar, meistens sehr viele Jahre. Da kann man nicht erwarten, dass ALLES, was bisher mit Essanfällen gelöst wurde, plötzlich und sofort auf GANZ andere Art und Weise gelöst werden kann. Die Essanfälle haben eine wichtige Funktion: Sie helfen zu spüren und mit unlösbaren, zT. noch nicht bewussten Problemen umzugehen.  Hier neue Muster einzuüben braucht Übung und Übung braucht Zeit.

Es ist wichtig, die Energie einzuteilen. Sich auf einen längeren Weg einzustellen. Das muss Sie nicht traurig machen. Denn bei einer Wanderung geht man auch längere Wege und kann sehr wohl den Weg genießen, bevor man auf der Hütte ankommt. Dies ist überhaupt sehr wichtig: Den Weg genießen. Denn selbst wenn die  Essanfälle weg sind eines Tages: Das Leben bieten immer noch Herausforderungen. Dann springt man nicht andauernd selig herum vor lauter Glück, nein, auch ohne Essanfälle – und gerade ohne Essanfälle – lebt man die Emotionen auf gesunde Weise aus: Tränen, Wut, Angst, Freude, Sehnsüchte … alles noch da. Die Herausforderungen bleiben. Was anders ist ist der Umgang damit. Der ist gesünder. Damit wird das Leben letztendlich in Summe leichter. Dieses Wissen ist sehr wichtig, um das „Wenn ich keine Essanfälle mehr haben DANN wird alles besser“ Denken zu relativieren.

Ich möchte hier gerne mit Ihnen noch folgendes teilen: Der Ausstieg aus der Esssucht geschieht nicht plötzlich. Viel mehr ist es so, dass mir meine Klientinnen irgendwann gegenüber sitzen und sagen: „Weißt Du, irgendwie bringt´s das Fressen ja voll nicht mehr um mit meinen Problemen zurecht zu kommen.“ Dann lächle ich in mich hinein weil ich weiß: DAS ist der Weg. Dann irgendwann kommen sie und sagen: „Also letztens hab ich mich so geärgert und meiner Kollegin gesagt, dass sie das lassen soll.“ Das beobachte ich dann einige Zeit und irgendwann frage ich: „Sag einmal, kann das denn sein, dass Du nicht mehr esssüchtig bist?“. Dann kommt meistens ein verdutztes Schauen oder ein Kichern und ein ganz verhaltenes: „Hmmm, vielleicht hast Du recht. Kann das denn sein???!!!“ Also: Der Ausstieg aus der Esssucht passiert langsam und schleichend. Kein abruptes Ende. Zumindest habe ich das in den über 10 Jahren Begleitung von Frauen mit Esssucht noch nie erlebt.

Also hier meine Tipps am Weg aus der Esssucht:

*) Teilen Sie sich Ihre Energie ein, gehen Sie langsam los, Schritt für Schritt .
*) Stellen Sie sich auf Höhen und Tiefen ein.
*) Rechnen Sie damit, dass Sie auch weiterhin Essanfälle haben werden, auch wenn Sie intensiv an sich arbeiten.
*) Definieren Sie Ihren Erfolg nicht anhand der Essanfälle sondern daran, was sich in Ihrem Leben zum Positiven verändert und daran, ob Sie mit gleichen Herausforderungen anders umgehen als früher.
*) Versuchen Sie sich Ihre zufriedenen Momente sehr bewusst zu machen, denn die gibt es, selbst in der tiefsten Krise.
*) Holen Sie sich Hilfe.

Mehr über den Weg aus der Esssucht erfahren Sie im aivilo Workshop „Ausweg aus dem zwanghaften Essen“ am 17./18. November

 

Wenn sich „nichts“ tut am Weg aus der Esssucht

Woran lässt sich festmachen, dass Sie gut am Weg aus der Esssucht sind? Welche Indikatoren gibt es? Ist es „nur“ der Essanfall, der als Kriterum für den Ausstieg aus der Esssucht hergenommen werden kann oder gibt es doch noch andere?

In meine Praxis kommen immer wieder Frauen mit Esssucht (Bulimie und/oder Binge Eating), die mir erzählen, das sie schon soooooo viel gemacht hätten und das hätte alles „nichts“ gebracht. Da frage ich dann meistens nach, was heißt denn „nichts“? Die Antwort ist meistens: Die Essanfälle sind noch da!!! Aha! Da liegt der Wurm!

Es ist sehr sehr wichtig zu wissen, dass die Tatsache ob Essanfälle da sind oder nicht kein geeigneter Indikator dafür ist, ob der Weg aus der Esssucht erfolgreich beschritten wird. Denn: Die Essanfälle werden solange bleiben, bis sie von uns nicht mehr gebraucht werden. Das heißt, es ist gut damit zu rechnen, das sie uns noch eine Weile begleiten werden und das ist gut so, denn sie erfüllen einen wichtigen Zweck in unserem Leben. (auch wenn wir das nur ungerne anerkennen möchten)

Wie kann also man dann „messen“, ob sich etwas getan hat? Es vor allem folgende Indikatoren:

Qualität der Essanfälle

Fragen Sie sich z.B.: Hat sich die Qualität meiner Essanfälle verändert im Vergleich zu vor 1 bis 2 bzw. 5 Jahren?  Schauen Sie genau hin! Essen Sie vielleicht weniger unappetitlich als damals? Essen Sie weniger verschiedene Speisen durcheinander? Sind es vielleicht „nur“ noch von einer Speise die doppelte Menge? Wechseln Sie noch immer wie wild zwischen süß und salzig hin und her? Brechen Sie seltener? Hat sich die Größe der Essanfälle vielleicht verändert? Also reichen vielleicht 100g Schokolade statt 500g? Prüfen Sie genau! Wie ist es jetzt, wie war es damals? Ist der Essanfall vielleicht weniger dringlich als damals, also wäre es nicht so schlimm, wenn Sie noch eine halbe Stunde länger warten müssten? Wenn sich hier Veränderungen ergeben haben, können Sie das als Erfolg werten! Nicht die Tatsache, dass der Essanfall noch da ist sondern die Veränderung der Qualität zählt.

Veränderungen im (Alltags-)Leben

Weiters betrachten Sie Ihr Leben und vergleichen Sie:  Kann ich öfters anders / besser umgehen mit schwierigen Situationen in meinen Leben als vor 1 bis 2 bzw. 5 Jahren? Hat sich in meiner Lebenssituation etwas verbessert im Vergleich zu vor 1 bis 2 bzw. 5 Jahren? Denken Sie beim prüfen der Veränderungen so klein wie möglich, also werten Sie nicht nur große Dinge wie Jobwechsel, Wohnungswechsel oder ähnliches. Unser Alltag ist eine Summe aus Banalitäten, aus kleinen Dingen und Gesten. Können Sie z.B. ab und zu nein sagen, wo es früher noch ein ja war? Achten Sie ein bisschen mehr auf Ihre Bedürfnisse als früher? Können Sie ab und zu so sein, wie Sie sind ohne sich zu genieren? Trauen Sie sich Dinge, die sie sich vor ein paar Jahren noch nicht getraut hätten? Wenn sich hier Änderungen ergeben haben, ist das als Erfolg zu werten!

Ich bin mir fast sicher, dass Sie bei genauer Prüfung wie oben beschrieben Änderungen feststellen werden. Vielleicht nicht die Änderungen, die Sie sich wünschen (z.B. keinen Essanfall sein, „immer“ glücklich und froh sein und sich „immer“ rank und schlank fühlen) dafür aber ganz viele andere Dinge.

Und sollte sich tatsächlich und wirklich rein überhaupt gar nichts getan haben, so ist eine Änderung Ihrer Strategie zu empfehlen oder vielleicht braucht es andere Professionisten für Ihre Begleitung. Sprechen Sie mit Ihrer/Ihrem Therapeuten/in darüber!

 

Perfektionismus in der Esssucht

Eine der Symptome der Esssucht ist es, sich so gut wie immer und überall als zu unpassend, zu unerwünscht, als zu dick, zu unfähig, als zu abnormal, als zu unperfekt, zu fehlerhaft, als zu hässlich … zu empfinden, immer als „zu … “ irgendetwas. Nie ist es gut wie es ist. Die Bulimie (Ess-Brech-Sucht) bzw. die Binge Eating Disorder helfen nur für einen viel zu kurzen süßen Moment über diesen Mangel hinweg.

Als eine meiner Aufgaben sehe ich es, Sie zu begleiten Ihre Stärke und Schönheit zu sehen. Das klingt für viele, die in der Esssucht stecken geradezu „verwegen“ … „Was, ich soll Stärke und Schönheit besitzen??“ Ja, denn jeder Mensch besitzt diese. Sie zu sehen geht bei einer langen Geschichte von Selbsthass nicht von heute auf morgen ist aber Schritt für Schritt möglich. Ich durfte es erfahren und tue es noch immer.

Ein bewegender Song zu diesem Thema ist Pink gelungen, der ausdrückt, was ich meine. Manchmal vermag es Musik neue Kanäle und Wege zu öffnen.

Made a wrong turn, once or twice
Dug my way out, blood and fire
Bad decisions, that’s alright
Welcome to my silly life
Mistreated, misplaced, misunderstood
Miss ‚No way, it’s all good‘, it didn’t slow me down
Mistaken, always second guessing, underestimated
Look, I’m still around

Pretty pretty please, don’t you ever ever feel
Like you’re less than f*ckin‘ perfect
Pretty pretty please, if you ever ever feel like you’re nothing
You’re f*ckin‘ perfect to me!

You’re so mean, when you talk about yourself, you were wrong
Change the voices in your head, make them like you instead
So complicated, look happy, you’ll make it!
Filled with so much hatred…such a tired game
It’s enough! I’ve done all I can think of
Chased down all my demons, I’ve seen you do the same

Oh, pretty pretty please, don’t you ever ever feel
Like you’re less than f*ckin‘ perfect
Pretty pretty please, if you ever ever feel like you’re nothing
You’re f*ckin‘ perfect to me

The whole world’s scared so I swallow the fear
The only thing I should be drinking is an ice cold beer
So cool in line, and we try try try, but we try too hard and it’s a waste of my time
Done looking for the critics, cause they’re everywhere
They dont like my jeans, they don’t get my hair
Exchange ourselves, and we do it all the time
Why do we do that? Why do I do that?

Why do I do that..?

Yeah, oh, oh baby, pretty baby..!
Pretty pretty please, don’t you ever ever feel
Like you’re less than f*ckin‘ perfect
Pretty pretty please, if you ever ever feel
Like you’re nothing, you’re fucking perfect to me
You’re perfect, you’re perfect!
Pretty pretty please, don’t you ever ever feel
Like you’re less thank f*kin‘ perfect,
Pretty pretty please, if you ever ever feel like you’re nothing
You’re perfect to me…

Psychotherapie bei Essstörungen

Der nachfolgende Artikel wurde verfasst von meiner Kooperationspartnerin Mag. Doris Nowak-Schuh. Sie ist erfahrene Psychotherapeutin, unter anderem auf dem Gebiet Essstörungen.

In der Fachwelt herrscht die einhellige Meinung, dass bei Essstörungen wie Bulimie, Binge Eating Disorder oder Anorexie Psychotherapie die Behandlung der Wahl ist.

Warum?Weil der zugrunde liegende Konflikt immer ein psychischer ist und das Essen oder Nicht-Essen ein Symptom dieses inneren Ungleichgewichts ist.

Ich möchte diese Fachmeinung noch ergänzen: Für mich ist die Behandlung der Wahl die Kombination von Psychotherapie und Körperarbeit, und zwar durchgeführt durch TherapeutInnen, die in der Behandlung von Essproblemen erfahren sind. In meiner langjährigen Kooperation mit Olivia Wollinger hat sich immer wieder bestätigt, wie fruchtbar das Zusammenwirken von Psychotherapie und Shiatsu für unsere (fast immer weiblichen) Klientinnen ist und wie rasch sich Erfolge einstellen, wenn beide Ebenen – Körper und Psyche – genährt werden.

Was passiert in einer Psychotherapie…

In meiner therapeutischen Arbeit mit Frauen, die unter Essproblemen leiden, ist es mir wichtig, ihnen zuerst einmal ein Verständnis für sich selbst, ihre psychischen Muster und ihre Probleme zu vermitteln. Dabei lege ich großen Wert auf ein vertrauensvolles Klima, in dem alles gesagt werden darf. Meine psychotherapeutische Herangehensweise basiert auf einem „leistungsfreien Raum“: Denn Ziel der Psychotherapie ist nicht in erster Linie eine Zu- oder Abnahme, sondern die Schaffung eines Raums, in dem die Klientin endlich einmal so sein darf wie sie nun einmal ist. Mit all ihren Stärken, Schwächen, Ängsten, Sorgen, Ecken und Kanten. Denn dieser Weg führt zu einer weiblichen Identität, die auch unabhängig vom Druck der üblichen gesellschaftlichen Schönheitsnormen bestehen kann. Die Erfolge auf der Waage stellten sich bei meinen Klientinnen bisher fast immer nach einiger Zeit ganz von selber ein.

Ziele meiner psychotherapeutischen Arbeit mit Frauen mit Essproblemen…

  • Die Herstellung einer gesunden Beziehung zum eigenen Körper. Wahrnehmen was braucht er wann, was tut ihm gut, worauf kann er verzichten?
  • Die Ansprüche an mich selbst relativieren und überprüfen, was mich wirklich glücklich macht.
  • Mich selbst lieben lernen
  • Lernen, mit Konflikten umzugehen und an Frustrationen zu wachsen
  • Den Zugang zu den verschiedenen Gefühlen wieder finden und Ausdrucksmöglichkeiten entwickeln, die nicht gegen mich selbst gerichtet sind

Je nach individueller Situation und persönlichen Vorlieben können diese Themen in Einzelsitzungen oder in der Gruppe bearbeitet werden – mit beiden Settings habe ich gute Erfahrungen. Der Vorteil der Gruppe ist, dass die Menschen ein Zugehörigkeitsgefühl entwickeln und ihre Sorgen teilen können. Dadurch wird so manches leichter. Der Vorteil der Einzelarbeit wiederum ist, dass man eine Stunde in einem sehr geschützten Rahmen ganz für sich hat. Da spricht es sich oft leichter über Dinge, die bisher unaussprechlich waren.

Falls Sie über eine Psychotherapie nachdenken…

… können Sie gerne ein unverbindliches Erstgespräch vereinbaren. Es dient dem Kennenlernen und ist gleichzeitig eine Beratung über Therapiemöglichkeiten und Hilfsangebote abgestimmt auf Ihre individuelle Situation. Sollte ich im Moment keine freien Plätze haben, empfehle ich auf Wunsch andere TherapeutInnen, die in der Behandlung von Essproblemen erfahren sind.

Für welche Therapiemethode und welches Setting Sie sich auch immer entscheiden wollen – eines steht für mich jedenfalls fest: Niemand muss sich seinem Unglück fügen. Es gibt immer Wege zur Veränderung. Je früher man damit beginnt, umso leichter ist es.

Mag.a Doris Nowak-Schuh
www.nowak-schuh.at
Klinische und Gesundheitspsychologin
Arbeitspsychologin
Psychotherapeutin für Psychodrama, Soziometrie und Rollenspiel

Die Esssucht und meine persönliche Geschichte

Letztens in meiner Praxis erzählte ich einer Klientin ein wenig von meiner Geschichte, vor allem um ihr Mut zu machen. Diese Klientin schaute mich erstaunt an mit den Worten: „S-I-E hatten Esssucht? Wirklich? S-I-E???“

Das hat sich in meiner Praxis nun schon einige Male so oder so ähnlich zugetragen.

Mich überraschte es, dass dies offensichtlich nicht „alle“ wissen. Ich war mir sicher, dass man dies hier deutlich zwischen den Zeilen lesen kann.

Vielleicht ist es Zeit, meine Geschichte explizit öffentlich zu machen, nicht nur in den Seminaren sondern auch hier auf dieser Webseite.

Ja. Ich hatte Esssucht.

Und wie.

Richtig begann es, als ich 21 Jahre alt war.

Mein damaliger Freund hatte mich zuerst betrogen und dann verlassen. Nach einem Urlaub mit Freundinnen – ich weiß es noch wie heute – passte meine Hose nicht mehr und ich wollte unbedingt wieder hineinpassen. Dem voran ging eine Diät als ich 20 war, wo ich so richtig dünn wurde. Tja, mit dem Liebeskummer konnte ich meine Disziplin wohl nicht mehr halten. Und es sind nun mal die Süßigkeiten, die das Leben versüßen und nicht Karotten mit Hüttenkäse …..

Wobei der Liebeskummer der Auslöser war, bestimmt nicht die Ursache. Der Hang zum zwanghaften Essen schlummerte schon wesentlich länger in mir.

Ich begann damals mit dem Kreislauf fasten (z.B. nur eine gewisse Anzahl Stück Obst den ganzen Tag) Da nahm ich super ab, fühlte mich stark, erhaben, zielsicher. Wollte alle überzeugen, von meiner tollen, gesunden, vitalen Art zu leben.

Das hielt ich dann max. 10 Tage durch. Dann kam er, der Fressanfall mit allem verbotenen, fetten, kalorienreichen. Ich fühlte mich als unfähig, disziplinlos und schämte mich für mein maßloses Versagen. 

Massenweise Diätpläne ins Tagebuch geschrieben, super eingehalten um sie bald darauf wieder zu brechen.

Körperlich fühlte ich mich immer zu dick und aufgeschwemmt. Immer unwohl in meinem Körper. Oft plagten mich sehr schmerzhafte Blähungen und der damit verbundene harte Blähbauch.

Ich genierte mich baden zu gehen, ich genierte mich eigentlich immer für was ich war.

Geistig fühlte ich mich wie benebelt. Ich war ständig in Gedanken beim Essen und vor allem beim was ich alles nicht essen durfte.

Psychisch ging es mir sehr schlecht. Ich wollte nach dem Einschlafen nicht mehr aufwachen. (sterben, im Sinne von mich umbringen wollte ich aber glücklicherweise ganz und gar nicht).

Ich zwang mich zum Sport und hasste es. Ich war tot müde, manchmal extrem antriebslos. Ich war traurig. Ich war unglücklich, unzufrieden. Ich hasste mich. Ich hasste mein Leben. Ich war einsam (obwohl eigentlich fast ständig in Beziehung).

Nach außen hin führte ich ein normal erfolgreiches Leben, schloss „brav“ mein Studium ab und so weiter.

Die Wende brachte eine Freundin, als ich 24 Jahre alt war. Sie gab mir ein Buch über Bulimie. Bislang wusste ich nicht, dass ich Esssucht hatte, da ich ja nicht erbrach (ich hatte die Esssucht Form binge eating oder Bulimie non-purging-type wie ich heute weiß).

Das erste mal eine Erkenntnis: Hey, wow! Da steht ja mein Verhalten beschrieben.

Wobei „Wende“ bei weitem nicht hieß, dass ich keine Essanfälle hatte, ganz und gar nicht. Dieses Buch war der Anfang vom Weg aus der Esssucht, der allererste Schritt.

Es mussten noch viele Schritte folgen. Welche genau, können Sie in der Publikation nachlesen, siehe http://www.aivilo.at/?page_id=322

Dann, einige Jahre später, waren die Essanfälle weg. Aber meine Identität war noch nicht gefunden. Ich war so viele Jahre „Olivia mit Essanfällen“, dann „Olivia ohne Essanfälle“. Aber wer war Olivia?!?!

Rückblickend begann dann, im Jahr 2000 der wirklich spannende Weg, die echte Identitätssuche. Ich begann mit Therapie, begann mich beruflich weiterzuentwickeln und umzuorientieren.

Und hier stehe ich heute.

Mich fragen Klientinnen immer wieder: Kann man die Esssucht überwinden?

Ja, man kann!

Ja, Sie können es!

Sie können es, wenn Sie wirklich und wahrlich bereit sind, sich und Ihr Leben ehrlich anzusehen.
Wenn Sie mutig sind Änderungen zu machen, wenn sie anstehen.
Wenn sie der manchmal riesigen Angst vor den Änderungen begegnen, die da vielleicht in der Zukunft liegen könnten.

Wichtig auf dem Weg finde ich:
Weitergehen, einen Schritt nach dem anderen. Sich helfen lassen und den Weg gemeinsam gehen, vor allem in Zeiten des Zweifels. Realistisch bleiben, also sich keine raschen Ergebnisse erträumen sondern langfristige Änderungen anstreben. Sich ermuntern mit Sätzen wie: Das wird alles seinen Sinn haben, auch wenn ich ihn jetzt noch nicht sehen kann. Näheres dazu lesen Sie unter:
http://www.aivilo.at/?page_id=491

Ich habe heute keine Essanfälle mehr.

Wenn ich heißhungrig bin – ja, manchmal kommt das auch heute noch vor –  gehe ich zum Beispiel zum Wirten meines Vertrauens, bestelle mir die riesen Schokotorte mit doppelter Schlagobers Portion, esse die auf einen Sitz auf bis ich papp voll bin und gut ist es.

Die Unterschiede zu damals?

Ich entscheide mich. Bewusst. Ich könnte mich auch dagegen entscheiden, wenn ich wollte. Will ich aber nicht.

Ich habe kein schlechtes Gewissen sondern erfreue mich an den Gaumenfreuden und an die Entspannung und Ruhe die mir dieser Zuckerschub bringt.

Ich mache am nächsten Tag keine Diät sonder schaue – wie immer – was mein Körper gerade benötigt.

Ich mache es öffentlich. Mir kann jeder bei meinem Schlemmeranfall zusehen. Ich stehe dazu.

Ich habe nicht mehr die Angst, dass mir in der Sekunde die Oberschenkel und das Doppelkinn anwachsen. Es ist alles wie vorher, nur dass eben ein dickes Stück Torte in meinem Magen liegt.

Ich höre nach dem Stück auf, wenn es denn genug war. Wenn nicht, würde ich mir glatt ein zweites bestellen, normalerweise schaffe ich das aber nicht. Ich höre also auf meine Bedürfnisse und handle danach, auch in Phasen des Heißhungers. Ich darf alles, wofür ich mich entscheide und was ich wirklich möchte.

Ich brauche mich nicht mehr kontrollieren. Ich höre auf meinen Körper und gebe ihm freiwillig, was er möchte. Ich bin in ständigem liebevollen Kontakt mit meinem Körper.

Ja, meine Esssucht ist vorbei.

Nein, ich führe deswegen kein Leben ohne Probleme.

Ja, ich muss nach wie vor an mir arbeiten.

Ja, es kommen immer wieder Themen hoch und immer wieder und immer wieder, die ich schon bearbeitet habe aber scheinbar noch nicht genug.

Ja, das Leben fordert mich manchmal nach wie vor heraus, und wie!

Ja, es gibt Momente, in denen ich mich total unrund fühle. Wo ich mich frage: Muss das denn sein? Jetzt bist Du schon so erfahren und tappst noch immer in die gleiche Falle? Dann kann ich mich schon ganz schön über mich selbst ärgern. Oder ich verkrümel mich ins Bett und ziehe die Decke bis zur Nase und tu mir selbst mal so richtig leid. Manchmal braucht wohl jede/r Pause vor sich selbst, schließlich verbringen wir ja das ganze Leben mit uns selbst 🙂

Wobei, wenn ich diese heutigen down Stimmungen mit den damaligen vergleiche … da ist ein Vergleich eigentlich gar nicht möglich. Ich würde sogar so dreist sein und behaupten, dass ich mich in meinen heutigen down-phasen ungefähr so fühle, wie in meinen damaligen besseren Phasen.

Früher wechselte sich totale Tiefs mit totalen Hochs ab, mal so, mal so, kaum etwas dazwischen. Heute ist mein Leben ausgeglichener, die Freude ist stiller, dafür tiefer und anhaltender. Die Down-Phasen auf der anderen Seite kommen nicht mehr als riesen Drama daher. Sie sind eben da, manchmal. Und sie gehen auch wieder, garantiert.

Ich schaue hin. Ich verdränge nicht mehr durch ständige Essanfälle. Ich stelle mich meinen Gefühlen und handle adäquat. So weit es mir möglich ist, mit meinem aktuellen Wissen und meinen aktuellen Erfahrungen.

Und wachse. Jeden Tag aufs Neue.

In Summe führe ich heute ein glückliches, ausgeglichenes, aktives Leben.

Ich habe gelernt zu sehen, die Schönheiten des Augenblicks, des Tages und dieses Lebens. Meine Schönheiten, die Schönheiten anderer Menschen.

Ich habe meinen Sinn des Lebens gefunden.

Ohne Esssucht hätte ich diesen Handlungsdruck nicht gehabt. Ohne Esssucht wäre ich nicht gezwungen gewesen, mich selbst zu entdecken und zu suchen und zu finden, was mich glücklich macht.

Wer weiß, was ich dann für ein Leben geführt hätte?

Heute begleite ich andere Frauen mit Esssucht. Meine Klientinnen schätzen es, dass ich nachvollziehen kann, wie sich Esssucht anfühlt. Und wie ich das nachvollziehen kann! Ich kenne diesen angstvolle Blick, die angstvolle Frage: „Wird dieser Horror jemals enden?“

Ja! Es ist möglich!

Wie werde ich mein quälendes Essverhalten los?

„Ich hasse sie, diese quälenden Essanfälle. Ich kann nichts gegen sie tun, sie überrollen mich unangemeldet mit einer enormen Wucht. Ich denke fast die ganze Zeit an Essen und Abnehmen. Ich halte das nicht mehr aus. Bitte sagen Sie mir, wie ich das loswerden kann. BITTE.“

Ungefähr so hört es sich an, wenn jemand, verzweifelt über sein zwanghaftes Essverhalten, nach Hilfe sucht.

Eigentlich ist die gestellte Frage denkbar einfach: „Wie werde ich meine quälendes Essverhalten los“. Wie schön wäre es, wenn ich Ihnen nun ein Erfolgsrezept präsentieren könnte nach dem Motto „Das 10 Schritte Programm aus Ihrer Esskrise in 10 Wochen, Rückfälle ausgeschlossen!“

Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass es unseriös wäre ein solches oder ähnliches Versprechen abzugeben. Dies gilt für jegliche Herausforderung im Leben: Den einen Weg, der für alle gültig ist, gibt es nicht. Jede ist unterschiedlich, jede hat ihre ganz eigene Geschichte und ihre ganz persönlichen Vorlieben. Was der Einen hilft, hilft dem Anderen überhaupt nicht und umgekehrt. Für jede Einzelne gilt es, ihren ganz persönlichen Weg zu finden – daher gibt es keine 08/15 Antworten und keine „Geheimrezepte“ – und genau darin liegt die Herausforderung, die es anzunehmen gilt.

Wenn das Essverhalten bereits quälend und belastend ist, dann könnte eine Esssucht dahinter stecken – und dieses Thema ist komplex. Die Essanfälle, das ständige Denken an Essen und Abnehmen sind nur das Symptom, quasi die Spitze des Eisberges. Darunter verborgen liegen die Ursachen, die es nach und nach zu entdecken und zu bearbeiten gilt.

Auch die Dauer des Genesungsprozesses lässt sich nicht abschätzen. Es ist meist ein längerer Prozess, auf den man sich einstellen sollte. Als Betroffene hört man das nicht gerne. Die Esssucht ist so quälend, so beängstigend, dass man meint, sie keine Sekunde mehr länger ertragen zu können.

Wenn ich Ihnen hierfür schon kein „10-Schritte-Erfolgsprogramm“ präsentieren kann, so gibt es doch einige Schritte, die meiner Erfahrung nach auf dem Weg aus der Esssucht eine wichtige Rolle spielen:

Das eigene Essverhalten verstehen lernen

Viele Frauen, die von Esssucht geplagt sind, möchten diese am liebsten so schnell wie möglich los werden. Dies ist verständlich, denn die Esssucht wird als belastend und störend erlebt. Trotzdem kann es von Bedeutung sein, die Esssucht genau zu betrachten um zu verstehen, warum sie im eigenen Leben eingezogen ist. Manchmal ist es bereits eine große Hilfe zu erfahren, dass die eigenen Symptome, unter denen man Tag für Tag leidet, auch anderen Frauen sehr gut bekannt sind.

Oft ist es schwierig den Tatsachen ins Auge zu sehen. Es ist nur möglich, einen Weg aus der Esssucht zu finden, wenn Sie wissen, womit genau Sie es zu tun haben. Als Informationsquellen hierfür dienen z.B. zahlreiche Internetseiten sowie einschlägige Bücher.

Sie müssen versuchen, ehrliche und möglichst konkrete Antworten auf folgende Fragen zu finden:

  • Wie oft am Tag beschäftige ich mich eigentlich mit den Themen Essen/Diät/Gewicht/Abnehmen/Essanfall?
  • Welche Bereiche meines Lebens beeinflusst meine Esssucht?
  • Gibt es bestimmte Situationen, die einen Essanfall auslösen?
  • Was genau würde sich in meinem Leben ändern, wenn ich mein Zielgewicht erreicht hätte?
  • Angenommen eine gute Fee würde über Nacht meine Esssucht bzw. meine Essanfälle wegzaubern: Was löst diese Vorstellung in mir aus?
  • und die vermutlich schwierigste Frage: Welche Funktionen übernimmt meine Esssucht in meinem Leben?

Nun ist es Zeit eine Entscheidung zu treffen: Entscheiden Sie sich dafür, die tausendste Diät in Ihrem Leben beginnen oder wollen Sie sich auf die Reise begeben und sich den Ursachen Ihres Essverhaltens stellen?

Einen Schritt nach dem anderen gehen

Der Weg aus der Esssucht beginnt meist damit, dass man verzweifelt vor einem großen Berg an undefinierbarem Gefühlschaos oder ungelösten Problemen steht. Unweigerlich tauchen quälende Fragen auf: „Das alles soll ich bewältigen? Wie soll das gehen?“ gepaart mit dem verzweifelten Ausruf: „Das schaffe ich nie!“

Lassen Sie sich von der Fülle der Informationen und von den Veränderungen, die vielleicht noch vor Ihnen stehen, nicht entmutigen. Sie leiden vermutlich schon jahrelang (wenn nicht Jahrzehnte) an Ihrer Essstörung! Sie lässt sich daher auch nicht von heute auf morgen beseitigen.

Stellen Sie sich Ihre Essstörung als einen Berg von großen Steinen vor: Jeder Stein steht für eine bestimmte Ursache Ihrer Essstörung. Ziel ist es, diesen Berg so weit als möglich abzutragen – also die Ursachen Ihrer Essstörung zu finden. Am liebsten würden Sie nun alle Steine auf einmal nehmen und sie weit von sich werfen. Stimmt´s? Dies ist leider nicht möglich, denn niemand hat die Kraft, einen großen Steinhaufen mit einem Mal abzutragen.

Sie können aber sehr wohl vor den Berg treten, einen einzelnen Stein nehmen und ihn wegtragen. Ein Stein scheint zu Beginn vielleicht wenig. Doch wenn Sie später noch einen Stein nehmen und noch einen und noch einen und immer fort, dann wird der Berg sichtlich kleiner und Sie haben noch genügend Kraft für die darauf folgenden Steine. Es kann sehr spannend sein, diese „Ursachensteine“ sorgfältig anzusehen, zu untersuchen, zu ergründen und Lösungen zu finden. Es ist wie ein Puzzle des Lebens, Ihres Lebens.

Wichtig ist, dass Sie den ersten Schritt gehen – um bei unserem Bild zu bleiben – den ersten Stein nehmen. Es ist eigentlich gleichgültig, welcher das ist.

Sie surfen gerade im Internet und informieren sich über Esssucht. Das ist ein wichtiger Schritt! Vielleicht finden Sie eine Idee, einen Gedanken, der Sie anspricht. Verfolgen Sie ihn weiter, das ist dann der nächste Schritt. Haben Sie Vertrauen, dass Sie den darauf folgenden Schritt sehen werden, wenn Sie so weit sind.

Es ist wie bei einer Wanderung. Manchmal sieht man die Wegmarkierung nicht mehr. Man geht ein Stück nach vorne, schaut nach links und nach rechts und siehe da, die Markierung ist wieder sichtbar. Man weiß plötzlich wieder, wie es weiter geht.

Gehen Sie Schritt für Schritt vorwärts. Überfordern Sie sich nicht. Neue Verhaltensmuster und Denkensweisen zu entwickeln, erfordern immer mehr Anstrengung und Mut, als bei den Alten zu bleiben. Wenn die neuen Muster und Gedanken einmal erworben sind, ersetzen sie ganz automatisch die Alten. Sie werden beständig und Sie möchten sie dann sicher nicht mehr aufgeben wollen.

Wie bei einer Wanderung ist es auch am Weg aus der Esssucht notwendig, Pausen einzulegen. Ständig an sich zu arbeiten, sich zu hinterfragen und sich seinen Problemen zu stellen ist mühsam und verlang einem viel ab. Gönnen Sie sich ganz bewusst Auszeiten. Seien Sie sich nicht böse, wenn der nächste Schritt auf sich warten lässt. Seien Sie nicht zu streng mit sich selbst auf Ihrem Weg.

Hilfe suchen

Vor allem zu Beginn stellt das Internet ein wunderbares Medium dar, um Hilfe zu suchen. Beispielsweise bieten Ihnen online Foren die Möglichkeit, sich anonym mit anderen Betroffenen auszutauschen. Auch aus Büchern sind zahlreiche Ideen zu holen.

Langfristig sollten Sie sich aber überlegen, den Schritt aus der Anonymität zu wagen und professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es ist sehr befreiend, endlich über seine Qualen zu sprechen um Verständnis und Mitgefühl zu erfahren. Professionisten können Ihnen helfen, nicht mehr im Symptom hängen zu bleiben, sondern an den Ursachen Ihrer Esssucht aktiv zu arbeiten.

Haben Sie keine Angst, ausgelacht zu werden. Seriöse Professionisten nehmen Sie ernst, gleichgültig welches Problem Sie beschäftigt.

Psychotherapie

Psychotherapie hilft bei der Bearbeitung von seelischen Problemen. Verlassen Sie sich bei der Suche Ihres Therapeuten auf Ihr Gefühl. Wenn Sie wirklich bereit für Therapie sind, werden Sie den für Sie richtigen Therapeuten finden.
Woran erkennen Sie, dass der Therapeut oder die Therapeutin gut zu Ihnen passt? Wichtig ist, dass Sie sich gut aufgehoben fühlen und dass Sie im Grunde gerne zur Therapie gehen, obwohl Therapie sehr anstrengend und schmerzhaft sein kann. Sie sollten das Gefühl haben, alles besprechen zu können und sich auf Ihrem Weg aus der Esssucht unterstützt fühlen. Wesentlich ist, dass Sie spüren, dass Ihre Therapie Sie weiter bringt. Sollten Sie diesen Eindruck nicht haben, so flüchten Sie nicht gleich, sondern besprechen Sie das mit Ihrer/m Therapeut/in. Vielleicht sind Ihre Erwartungen einfach zu hoch gesteckt.

Körperarbeit

Esssüchtige haben üblicherweise ein gespanntes Verhältnis zu ihrem Körper. Oft ist der Kopf (die Gedanken) übermächtig und der Körper wird kaum wahrgenommen oder gar gehasst. Um ein besseres Körpergefühl zu erlangen und um sich als Ganzes zu begreifen, kann Köperarbeit eine gute Unterstützung sein. Es gibt zahlreiche Methoden z.B. Shiatsu, Reiki, QiGong, Taiji, Yoga, CDs mit Köperreisen etc…. Wichtig ist es auch hier, dass es Ihnen Spaß macht und Sie sich wohl fühlen.

Selbsthilfegruppen, Vorträge, Seminare, Ex-Betroffene

Weitere Möglichkeiten bieten Selbsthilfegruppen, einschlägige Vorträge oder Seminare, in denen Sie auf Gleichgesinnte treffen. Es ist beruhigend zu erfahren, dass Sie nicht die Einzige auf dieser Welt mit diesen quälenden Problemen sind. Sie fühlen sich dann nicht mehr ganz so abnormal. Vielleicht haben Sie auch die Möglichkeit, mit Ex-Betroffenen zu sprechen, das macht Mut und gibt neue Hoffnung.

Ernährungsberatung

Hilfreich kann auch das Aufsuchen einer Ernährungsberatung sein, z.B. nach den 5-Elementen. Meiner Erfahrung nach ist es wichtig, bei der Wahl des/r Ernährungsberaters/in darauf zu achten, das sie/er mit Ihnen gemeinsam einen Schritt nach dem anderen geht. Es fällt vielen Menschen schwer, einen neuen Ernährungsplan lückenlos und vor allem dauerhaft zu befolgen – und das gilt nicht nur für Menschen mit Esssucht. Machen Sie sich bewusst, dass Ihre Ernährung das Symptom Ihrer Esssucht, keineswegs jedoch die Ursache ist.

Wichtig: Körperarbeit, Ernährungsberatung, Seminare u.ä. ersetzen keine Psychotherapie. Sie stellen bloß eine Ergänzung dar. Weiters sollten Sie bei körperlichen Beschwerden unbedingt ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen und den weiteren Weg abklären.

Essanfälle möglichst akzeptieren

Die Essanfälle zu akzeptieren ist schwierig. Die Essanfälle sind das, was Sie am meisten hassen. Sie sind das Symptom und sie werden gehen, wenn es an der Zeit ist.

Dies macht den meisten Betroffenen große Angst. „Soll das bedeuten, dass ich diese Essanfälle noch weiter ertragen muss?“ Bei dieser Frage kann ich Sie ein wenig beruhigen. Die Essanfälle werden Sie zwar vermutlich noch einige Zeit begleiten, doch nach und nach wird sich ihre Qualität verbessern. Beispielsweise werden Sie nicht mehr unzählig viele Speisen durcheinander essen, sondern „nur“ noch die dreifache Menge einer Speise. Sie werden nach einem Essanfall nur noch das halbe Chaos in der Küche hinterlassen, da er Sie nicht mehr mit Wucht völlig unerwartet überwältigt. Der Essanfall fühlt sich nicht mehr ganz so eklig an und ist leichter zu ertragen.

Am besten rechnen Sie damit, dass Sie wieder einen Essanfall haben werden. Dann überrascht er Sie nicht mehr und Sie müssen nicht das Gefühl haben, versagt zu haben. Aus meiner Erfahrung ist es hilfreich das Ziel „Ich will keine Essanfälle mehr“ zum Beispiel mit dem Ziel „Ich will lernen, meinem Körper und meiner Seele zu geben was sie brauchen“ zu ersetzen.

Wenn ein Essanfall Sie überrollt hat, versuchen Sie möglichst nett zu sich zu sein. Bestrafen Sie sich nicht noch weiter, denn Ihr Essanfall ist sowieso schon ein Aufschrei Ihrer Seele.

Konkret bleiben

Aussagen wie „Ich will nie wieder einen Essanfall haben“, „Ab jetzt werde ich immer nein sagen wenn mir etwas nicht passt“ oder „Ab jetzt werde ich mich selbst lieben“ sind sehr hochgesteckte Ziele, die kaum zu erfüllen sind. Wer kann schon immer alles „richtig“ machen.

Kleine Ziele wie: „Wenn ich merke, dass der Essanfall kommt, setze ich mich zunächst eine Minute lang hin“ oder „Wenn mich mein Chef nach Dienstschluss anruft werde ich nicht mehr automatisch abheben“ oder „Ich werde mich einmal täglich für etwas loben, das ich an mir mag.“ sind leichter zu erreichen.

Durch Ihre Wegbegleiter (TherapeutInnen, Literatur….) werden Sie zahlreiche Ideen für solche kleinen Ziele bekommen. Nehmen Sie sich nicht zu viel auf einmal vor. Eins nach dem anderen, ein Schritt nach dem anderen.

Selbstliebe erlernen

Sie haben bestimmt schon den gut gemeinten Ratschlag „Liebe dich selbst“ gehört. Leichter gesagt als getan.

Selbstliebe kann man lernen, dies benötigt aber Zeit und Geduld. Ein erster Schritt ist z.B. zu beobachten, wie Sie eigentlich mit sich selbst sprechen. Reden Sie so, wie Sie zu sich selbst reden auch mit anderen? Oder kann es sein, dass Sie sich selbst bei jeder erdenklichen Situation erniedrigen z.B. wenn Sie sich in den Spiegel sehen oder Sie sich strenge Vorwürfe machen wegen eines kleinen Missgeschicks. Versuchen Sie nach und nach netter mit sich zu sprechen, gut zu sich zu sein.

Wenn Sie sich selbst akzeptieren und mit sich selbst im Reinen sind, kann dies einiges bewirken. Hier einige Beispiele aus meiner Erfahrung:

  • Viele esssüchtige Frauen sind Perfektionistinnen: Ziel ist die perfekte Figur, die perfekte Ernährung, die perfekte Arbeitsleistung. Der Anspruch perfekt sein zu wollen programmiert das Scheitern geradezu vor. Wenn Sie sich selbst akzeptieren, verzeihen Sie sich Fehler viel leichter, Sie müssen nicht perfekt sein um sich selbst zu gefallen.
  • Ein oft wiederkehrendes Thema bei Esssüchtigen ist eine tief sitzende Einsamkeit, unabhängig davon, von wie vielen Leuten sie umgeben sind. Mit zunehmender Selbstliebe verschwindet dieses Gefühl. Sie sind es sich Wert, Beziehungen bzw. Freundschaften einzugehen, die Ihnen mehr Kraft geben als nehmen.
  • Viele Esssüchtige sind extrem sensibel und spüren, was Andere nicht wahrnehmen können (oder wollen). Oft bekommen Sie dann zu hören „das bildest du dir nur ein“. Bei genug Selbstliebe vertrauen Sie Ihrer Wahrnehmung und gehen sorgsam mit Ihrer Sensibilität um.
  • Selbstliebe bedeutet gut zu sich zu sein. Sie lernen sich kennen, schauen auf sich und Ihre Bedürfnisse, Sie wissen was Ihnen Freude macht und was nicht. Sie akzeptieren sich wie Sie sind, samt Ihrer guten und schlechten Eigenschaften. Sie werden Ihrer bewusst – selbstbewusst.
  • Selbstliebe hat auch einen erstaunlichen Effekt auf Beziehungen zu anderen Menschen. Wenn Sie nicht ständig damit beschäftigt sind, sich selbst zu hinterfragen, können Sie die anderen sehen wie diese wirklich sind. Wenn Sie sich selbst mögen, fällt es Ihnen leichter Ihrem Partner zu glauben, wenn er Ihnen sagt, dass er Sie liebt wie Sie sind.

Selbstliebe hat nichts zu tun mit Egoismus. Wer gut auf sich selbst schaut, hat viel mehr Kraft um für andere da zu sein.

Selbstliebe ist eng mit Selbstsicherheit verknüpft. Nachfolgend einige Anregungen, wie Sie Selbstsicherheit in täglichen, immer wieder kehrenden Situationen üben können:

  • Komplimente einfach mit einem „danke“ annehmen auch wenn Ihnen danach ist, diese sofort abzuschwächen.
  • Bei anderen Leuten das Schöne und Gute bewusst wahrnehmen und Komplimente machen, wenn diese stimmig und angebracht sind.
  • Bitten, Kritik und „nein“ direkt aussprechen, ohne eine lange und breite Begründung oder Entschuldigung vorauszustellen oder anzuhängen
  • Ab und zu den Aktionsradius erweitern und öfters Dinge tun, die Sie normalerweise nicht tun z.B. fremde Leute nach der Uhrzeit fragen oder vor anderen genussvoll in einen Schokoriegel beißen oder alleine in ein Kaffeehaus gehen.

Versuchen Sie kleine Übungen dieser Art in Ihrem Alltag einzubauen. So wie vieles im Leben kann auch die Selbstsicherheit durch Übung aktiv erhöht werden.

Der Realität ins Auge sehen

Wie geht es Ihnen mit nachfolgenden Aussagen?

  • Bei der Esssucht ist das Essen nur das Symptom, nicht die Ursache.
  • Der Weg aus der Esssucht braucht viel Zeit und noch viel mehr Geduld.
  • Die Essanfälle werden so lange bleiben, wie Sie diese brauchen.
  • Die Esssucht erfüllt einen wichtigen Sinn in Ihrem Leben, oft auch einen Sinn im Leben Ihrer engsten Angehörigen.
  • Auch wenn die Esssucht weg ist, wird nicht plötzlich alles rosig sein in Ihrem Leben. Es wird nach wie vor Probleme bzw. schwierige Situationen geben, die es zu lösen gilt. Sie werden sich auch ohne Esssucht dann und wann unwohl in Ihrer Haut fühlen.

Sich selbst nichts vorzumachen ist schwierig. Wir alle neigen dazu Dinge schön zu reden – Partnerschaft – Beziehung zu Freunden – Beziehung zu Angehörigen – Ausbildung – Job – Wohnung. Passt das wirklich alles?

Übrigens: Der Realität ins Auge sehen heißt nicht den Schuldigen zu finden.

Kleine Erfolge schätzen

Schon wieder ein Essanfall, daher voll versagt? Stimmt nicht. Nehmen Sie ein Blatt Papier und schreiben Sie auf, was sich in den letzten Monaten in Ihrem Leben verändert hat. Tun Sie dies möglichst konkret, denken Sie insbesondere auch an alltägliche Gegebenheiten, z.B. letzte Woche habe ich es geschafft am Freitag um 17:00 zu gehen, statt noch einen Auftrag meines Chefs zu übernehmen. Letzte Woche, als ich wirklich keine Lust auf Kino hatte, habe ich meine Freundin angerufen und ihr abgesagt.

Nehmen Sie auch kleine Veränderungen wahr, hängen Sie nicht alles auf „Essanfall ja oder nein“ auf. Erinnern Sie sich: der Essanfall ist nur das Symptom.

Neue Gedanken und Interessen finden

„Wenn ich nicht mehr ständig an Essen und Abnehmen denkt… woran soll ich dann eigentlich sonst denken? Wie soll ich dieses Vakuum füllen? Wie stoppe ich die ständig kreisenden Gedanken?“

Je mehr Sie an andere Dinge denken, je mehr andere Dinge an Wichtigkeit gewinnen, desto weniger werden Sie an Essen bzw. Abnehmen denken. Dies ist ein längerer Prozess. Die ewig um Essen und Gewicht kreisenden Gedanken verschwinden nicht so einfach. Es ist darüber hinaus gar nicht so leicht herauszufinden, was einem eigentlich richtig Freude macht.

Hier einige Anregungen für diesen Weg:

  • Täglich am Abend in ein Tagebuch schreiben: Was hat mir heute Freude gemacht? Denken Sie hier v.a. an Kleinigkeiten wie z.B. die Blumen im Blumenladen haben gut geduftet, der Buschauffeur hat mich noch einsteigen lassen, meine Freundin hat angerufen, etc. (und wieder fünf Minuten an etwas Anderes gedacht!)
  • Sich eine Stunde Massage (z.B. Shiatsu) gönnen und dabei den Körper spüren (und wieder eine Stunde an etwas Anderes gedacht!)
  • Lernen mehr im Moment zu sein, z.B. durch Taiji, QiGong, Yoga, MeditationsCDs (und wieder mindestens eine viertel Stunde an etwas Anderes gedacht)
  • Fragen Sie Ihre Freunde, Bekannte, Kollegen was diese am liebsten in der Freizeit tun. Vielleicht bekommen Sie so Anregungen.

Seien Sie auch hier geduldig mit sich selbst. Wenn Sie momentan keine Energie haben, in einem Stimmungstief sitzen, dann werden Sie vermutlich nur wenig Kraft haben, zu neuen Ufern aufzubrechen. Neues auszuprobieren gelingt am besten in Hochphasen. Nutzen Sie diese und machen Sie sich nichts vor, so auf die Art: „Mir geht es jetzt so gut, ich hab´s geschafft, ich brauch das alles nicht mehr!“

Parabel Hausbau

Ich finde, der Weg aus der Esssucht lässt sich gut mit dem Hausbau vergleichen:

Stellen Sie sich folgende Situation vor:
Sie stehen auf einem Berg, alleine. Plötzlich fängt es zu regnen und zu stürmen an (= die Herausforderungen des Lebens prasseln auf Sie ein, Sie sind verzweifelt, einsam, wissen nicht wohin). Ihnen wird kalt und Sie brauchen einen Platz, wohin Sie sich flüchten können. Sie brauchen ein (Schutz)Haus (=Selbstbewusstsein und Selbstliebe, sodass Sie sich allen Situationen stellen können ohne die Krücke Esssucht zur Hilfe zu nehmen).

Ein wirklich solides Haus lässt sich allerdings nicht von heute auf morgen bauen. Man muss zunächst einen Keller ausheben und damit eine gute Basis für das Haus schaffen. (= Herausfinden womit Sie es zu tun haben, was bedeutet es, Esssucht zu haben?).

Ein Haus kann man nicht alleine bauen, man braucht die Hilfe von Professionisten (=Psychotherapie, Körperarbeit, Seminare, Vorträge, …..). Gemeinsam wird ein Ziegel nach dem anderen gesetzt. (= Man kann immer nur einen Schritt nach dem Anderen gehen).

Irgendwann ist dann ein Raum fertig. Sie betreten ihn voller Stolz und freuen sich (= kleine Erfolge schätzen). In diesem Raum genießen Sie schon den ersten Schutz (=In vielen Situationen reagieren Sie bereits adäquat, ohne die Krücke Essanfall). Im Zuge des Hausbaus erwerben Sie viele neue Fähigkeiten, z.B. Sie wissen schon, was Sie machen müssen, wenn wieder einmal mal ein Abfluss nicht richtig dichtet (= z.B. können Sie Ihrem Chef schon sagen, wenn Sie wirklich keine Überstunden machen können). Zu Beginn war die Werkzeugkiste noch wie ein Buch mit sieben Siegeln für Sie, jetzt haben Sie einige wertvolle Werkzeuge darin liegen, und Sie wissen, wie Sie sie anwenden können (= adäquat auf Situationen reagieren, z.B. welche Worte benutzen Sie, um auf grundlose Anschuldigungen zu antworten?)

Tja und irgendwann ist das Haus fertig. Ihr Schutzhaus. Sie sind geschützt vor Regen und Wind, Sie sind zu Hause. (Regen und Wind wird es immer geben = ein Leben ohne herausfordernde Situationen gibt es nicht) Damit das Haus weiterhin so wohnlich bleibt und Ihnen genug Schutz bietet, müssen Sie drauf achten, dass es regelmäßig renoviert wird (= man lernt nie aus im Leben, denn es kommen immer wieder neue Situationen und Probleme auf einen zu). Einige Dinge können Sie selbst erledigen, für andere fragen Sie Professionisten. (= auch nach Bewältigung der Esssucht ist man nicht frei von Problemen und kann hin und wieder bei einem Coach oder Therapeuten/in Rat holen.)