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Ein Plädoyer für die Wintermüdigkeit

Tippt man das Wort „Wintermüdigkeit“ in Google ein, erhält man 16.600 Treffer.
Man kann die Wintermüdigkeit „besiegen“, „bekämpfen“, „überwinden“ und die besten Tipps und Tricks dagegen erfahren. Da kann man so einiges tun, gegen diese Wintermüdigkeit.

Tun tun tun tun.

Nur um sicher zu gehen, dass Sie mich nun nicht falsch verstehen sei erwähnt: Natürlich ist es wichtig gesund zu leben, sich zu bewegen, gesund zu essen, ans Licht zu gehen, positiv zu sein … keine Frage! Und wenn man sich Tag ein Tag aus halb fertig durchs Leben schleppt, egal ob Sommer oder Winter, dann muss wirklich etwas getan werden, natürlich!

Aber meine Güte, ab und zu darf es auch mal gut sein mit „tun“.Da dürfen wir uns auf die Couch legen und eben NICHTS tun. Außer vielleicht eine Tafel Schokolade essen oder zwei und … schlafen….Film schauen…. wieder schlafen… unproduktiv herum gammeln. Einfach: sich selbst mal sein lassen. Um danach dann wieder frisch gestärkt die Herausforderungen anzugehen.

Wieso nicht mal auf unseren Biorhythmus hören und im Winter – soweit möglich – einen Gang zurückschalten? Einkehren. Ruhe geben. Kerzen anzünden, Tee trinken, Früchte genießen sozusagen.

In meiner Praxis begegnen mir viele Frauen, die glauben, ständig leisten zu müssen. Dieses: “Ja, ich habe heute nichts getan“ auszusprechen, vor anderen und vor uns selbst, ist für viele keine leichte Übung! Wenn die ganze Welt um einen in Stress versinkt, wer traut sich schon zu sagen: „Ja, ich war heute faul und es hat Spaß gemacht“.

Die Pause wird dann oft über Umwege genommen, z.B. mit Schnupfen, grippalen Infekten, Hexenschüssen oder Essanfällen. Der Körper nimmt sich immer was er braucht.

Insofern lohnt es sich, den direkten Weg zu gehen. Doch sich Pausen zuzugestehen, muss erst mal (wieder) erlernt werden. Das ist keine banale Sache, denn dahinter stehen die Themen Leistungsanspruch und Perfektionismus: Was muss ich leisten, um eine Pause verdient zu haben? Ist das, was ich geleistet habe bereits genug? Wieviel muss ich leisten, um mich wertvoll zu fühlen? Was bin ich wert, wenn ich in meine Augen zu wenig leiste? Wie wichtig ist es wirklich, dass ich dieses oder jenes erledige? Was muss ich wirklich tun und was nicht? Was halten die anderen von mir, wenn ich nein sage?

Die dahinter stecken alten Muster und Glaubenssätze lassen sich nicht von heute auf morgen abschalten. Doch Schritt für Schritt  ist es möglich, immer mehr ein Leben für sich statt gegen sich zu führen. Immer mehr in die Qualität zu gehen, statt Quantität. Wie bei allen Änderungen gibt es auch hierfür leider kein „10-Punkte-so-funktioniert-es-garantiert-Programm“. Es geht um Erhöhung der Selbstliebe und einem mehr und mehr zu sich stehen. Wenn man dann irgendwann auf der Couch angekommen ist und mit völlig reinem Gewissen nichts Produktives tut – dann weiß man, dass es sich gelohnt hat 🙂

(Nur kurz erwähnt sei hier, dass es ein ebenso großer psychischer Stress sein kann, wenn man tatsächlich zu wenig zu tun hat, also unterfordert ist, aber das ist wieder ein anderes Thema…)