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Wann kippt ein „Diät-Tick“ in Esssucht?

Auf seine Ernährung und seinen Körper zu achten ist eine gute Sache, keine Frage! Doch es gibt eine Grenze, in der dieses liebevolle auf sich achten umschlägt in Selbstkontrolle, Selbstbestrafung und Sucht … Esssucht. Wo liegt diese Grenze? Ab wann ist es ein „gut auf sich schauen“, ab wann ist es „Esssucht“?

Die Gedanken an Essen beherrschen das Leben

Esssucht ist es dann, wenn die Gedanken ständig um Figur oder Essen kreisen. Diese Gedankenkreise beherrschen das tägliche Leben. Die Gedanken an Essen haben mit „liebevoll“ nichts mehr zu tun, sie sind eher mit „angstvoll“ oder „hassbesetzt“ zu beschreiben.

Um zu verstehen, was damit gemeint ist, lassen wir Betroffene selbst zu Wort kommen:

Das Essen beherrscht meine Gedanken und mein Leben. Es beginnt, wenn ich am Morgen die Augen öffne: Was habe ich gestern gegessen? Wie viel darf ich jetzt frühstücken, oder verzichte ich am besten ganz auf das Frühstück? Dann geht es weiter auf dem Weg zur Arbeit. Praktisch an jeder Ecke lauert die Gefahr, es gibt überall Bäcker, Supermärkte, Restaurants… Diesen Verlockungen zu widerstehen fällt mir sehr schwer. Wie sehr beneide ich die Anderen, die einfach zugreifen, wann immer sie möchten.

Ständig rechne ich aus, wie viel Kalorien ich noch essen darf. Auf der Straße blicke ich neidisch auf schlanke Frauen. Die Gedanken an Essen lassen mich so gut wie nie los, egal wo ich bin – in der Arbeit, im Kino, im Theater,… Sogar der letzte Gedanke des Tages gehört dem Essen: Bevor ich einschlafe lasse ich die gegessenen Kalorien revue passieren und überlege den Diätplan für den nächsten Tag. Beim Einschlafen stelle ich mir oft vor, wie ich ein Schokoladenstück nach dem anderen esse. Diese Gedanken machen mich wenigstens nicht fett, so hoffe ich.

Ich hasse meinen Körper. Ich fühle mich ständig beobachtet und habe das Gefühl, dass sich jeder über meine Figur lustig macht. Das geht sogar so weit, dass ich es nicht wage, während eines Vortrags die Toilette aufzusuchen. Ich habe Angst, dass mir dann alle auf meinen Hintern starren. Im Schwimmbad war ich schon lange nicht mehr. Wenn ich dort hin muss, so ist das eine richtige Qual für mich. Die vielen Schaufenster in der Stadt machen mich wahnsinnig. Ständig spiegelt sich darin mein fetter Hintern. Ich möchte mich nicht andauernd ansehen müssen.

Ich teile Lebensmittel in ‚erlaubte‘ (z.B. Obst, Salat, Gemüse, Joghurt, Vollkornprodukte) und ’nicht erlaubte‘ (z.B. Süßigkeiten, Mehlspeisen, Fettiges) ein. Wenn ich etwas ‚Verbotenes‘ (z.B. Schokolade) esse, denke ich „jetzt ist es eh schon egal“ und esse so viel, bis ich nicht mehr kann. Während ich esse, beschließe ich, ab morgen nie wieder zu ’sündigen‘.

Ich habe Schuld- und Reuegefühle, wenn ich esse. Ich habe das Gefühl, schon bei den geringsten Essensmengen zuzunehmen. Das einzige, was ich mir erlauben kann sind Sachen ohne Kalorien, die ich auch in großen Mengen zu mir nehme, z.B. Cola-light, schwarzer Kaffee oder Tee, zuckerfreier Kaugummi, Süßungsmittel.

Ich habe Angst mit dem Essen zu beginnen, da ich fürchte nicht aufhören zu können. Oft ist es nur ein Bissen, der zu viel ist und schon befinde ich mich mitten in einem Essanfall. Während des Essens ist der Gedanke an das herannahende Ende der Mahlzeit fast unerträglich. Mein Appetit und meine Gier scheinen unendlich groß zu sein.

Manchmal, wenn ich mir einen Toast mache, kann ich es gar nicht erwarten, bis er fertig getoastet ist und esse ihn halbfertig auf. Es ist auch schon vorgekommen, dass ich Essen, das ich bereits weggeworfen habe, wieder aus dem Mistkübel heraushole und esse. Eigentlich grauslich, was ich da tue. Ich ekle mich vor mir selbst.

Oft ist mir gar nicht bewusst, dass ich esse. Ein Bissen hier, ein Bissen dort und plötzlich finde ich mich in einem Essanfall wieder. Ich gebe sehr viel – viel zu viel – Geld für Essen aus. Ich bin leider unfähig, echten physischen Hunger zu erkennen, von Sättigung ganz zu schweigen. Ich habe ein sehr unregelmäßiges Essverhalten. Überessen und Fasten wechseln einander ab. Ich halte ständig Diät und zähle die Kalorien aller Speisen, die ich zu mir nehme. Ich habe enorme Panik vor dem Zunehmen. Ich halte mich immer für zu dick.

Ich stelle mich mindestens 1x täglich auf die Waage, meistens öfters. Wenn ich mehr wiege als gestern, und sind es nur ein paar Gramm, so ist der Tag für mich gelaufen, meine Stimmung sinkt dann in den Keller. Wenn ich ein bisschen weniger wiege, so ist alles super. Wenn die Batterie meiner Waage kaputt ist, verfalle ich in regelrechte Panik.

Manchmal kann ich mich stundenlang mit Essen beschäftigen ohne etwas zu essen. Ich streife manchmal durch den Supermarkt, nehme Lebensmittel in die Hand, rieche an ihnen, berühre sie, aber kaufe sie nicht.(wenn ich einen guten Tag habe schaffe ich das! Dann bin ich sehr stolz auf mich). Oder ich schaue mir Kochbücher an, stundenlang. Das ist dann irgendwie ein Ersatz. Ich habe auch schon für meine Verwandten gekocht, ohne selbst etwas zu essen. Die haben alles aufgegessen, aber ich war stark! Gemeinsames Essen ist mir überhaupt unangenehm, ich sage denen meistens, das ich schon gegessen habe. Mir ist es am liebsten, wenn ich meine Essensmenge einteile. Wenn ich esse teile ich das Essen dann in kleine Stücke und kaue ganz oft, denn ich habe gehört, dass das gesund ist. Ansonsten sitze ich nicht gerne still, denn da verbrennt man ja nichts. Ich habe entdeckt, dass ich sogar im Kino- oder Theatersessel unauffällig Übungen zur Muskelstärkung machen kann.

Manchmal ist mir so richtig eiskalt, im Winter eigentlich ständig. Wenn ich ganz ehrlich bin habe ich schon lange keine Monatsblutung mehr gehabt. Aber das stört mich eigentlich gar nicht. Meine Haut ist total trocken, da creme ich mich aber regelmäßig ein. Das mag ich gar nicht, weil ich mich so ungerne berühre. Achja, apropos Haut: Manchmal habe ich so richtige fette Pickel, da fühle ich mich dann immer besonders hässlich. Ich bin auch sehr oft sehr müde. Vielleicht hat das ja auch mit den Abführmittel zu tun, aber ich habe Angst zuzunehmen, wenn ich die weglasse.

Mein Wohlbefinden bzw. meine Laune hängen davon ab, ob ich einen ‚guten‘ oder ’schlechten‘ Esstag hatte. Wenn ich es schon wieder nicht geschafft habe, meine Diät einzuhalten, fühle ich mich als Versagerin. Wenn ich krank bin, oder wirklich große Sorgen habe, ist mein erster Gedanke: Toll, vielleicht nehme ich ja ein wenig ab. Eigentlich pervers. Ich sollte mir doch wünschen, dass es mir gut geht!

Ich habe starke Gewichtsschwankungen, ich besitze mittlerweile drei verschiedene Konfektionsgrößen. Ich hasse mich, wenn ich wieder die größte Größe anziehen muss. Mein größter Wunsch ist es, wieder in die zu klein gewordenen Kleidungsstücke zu passen.

Meistens gelingt es mir unter Tags recht gut meinen Diätplan durchzuhalten, doch meistens am Abend überkommt mich dann der Essanfall. Ich verstehe das nicht. Warum kann ich am Abend nicht diszipliniert sein? Ich schäme mich für meine Essgewohnheiten. Daher esse ich in Gegenwart anderer gemäßigt und hole dann das Versäumte nach, sobald ich alleine bin. Ich lebe ein Doppelleben. Ich lebe mit einer riesengroßen Lüge.

Letzens war ich mich einer Freundin in einem Restaurant und wir aßen je eine Pizza. Meine Freundin meinte danach, dass sie nun nicht einmal mehr einen Bissen hinunterbringen würde. Seltsam, ich hätte noch locker weiteressen können, was ich natürlich nicht tat und auch nicht zugab. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich maßlos bin. Ich kenne keine Grenzen.

Es ist mir unmöglich, Essen übrig zu lassen. Ich schaffe es auch dann nicht, wenn ich schon zum „Platzen“ voll bin. Essen z.B. ins Büro mitzunehmen stellt für mich ein Problem dar. Ich esse alles vorzeitig auf. Bereits am Vormittag ist dann alles längst geplündert. Auch bei einer Wanderung etwas mitzunehmen ist sehr schwierig für mich. Ich muss ständig an das Essen denken, das ich in meinem Rucksack mit mir trage. Am liebsten würde ich alles sofort aufessen, wären da nicht meine Freundinnen, denen ich meine Gier nicht offenbaren will. Essen zu Hause zu haben, ist auch ein großes Problem für mich. Selbst Joghurt, Obst, Müsli und Nudeln ‚überleben‘ nicht lange.

Essen abzulehnen ist für mich praktisch unmöglich. Ich hasse meine KollegInnen, wenn sie wieder einmal für alle einen Kuchen mitbringen. Ich habe das Gefühl, dass meine Freundinnen jeden meiner Bissen beobachten und sich innerlich über meine Gier wundern. Mir ist also ob mir jeder Passant die bereits gegessenen Mengen von weitem ansieht.

Ich vergleiche meine Essensmengen ständig mit jenen meiner Freundinnen. Meistens versuche ich weniger zu essen, aus Angst, dass meine Gier offensichtlich wird. Außerdem weiß ich selbst nicht mehr, wann ich satt bin. In Restaurants wähle ich immer die gesunde Alternative also z.B. Salat. Und überhaupt: Warum möchten eigentlich alle Leute immer Essen gehen, wenn sie sich am Abend treffen? Das stresst mich wahnsinnig.

Ich meide Partys, Familienfeste, Buffets etc. da sonst mein aktueller Diätplan durchkreuzt werden könnte. Buffets sind überhaupt die Hölle für mich. So viel Essen und das alles gratis. Ich könnte dort unendlich viel essen, ich habe nur Angst, dass alle sehen was ich in mich hineinstopfe und sich über meine Maßlosigkeit wundern.

Wenn ich endlich wieder dünn bin fühlt sich das super an. Allerdings bekomme ich sofort wieder Panik, dass ich das Gewicht nicht halten kann. Aber eigentlich fühle ich mich immer zu dick. Wenn ich dünn wäre, dann würde ich nur noch im Minirock herumstolzieren und glücklich sein. Dann könnte mich nichts mehr aus der Ruhe bringen, ich würde einfach immer selig lächeln. Alle würden mich bewundern, für mein Durchhaltevermögen und für mein gutes Aussehen. Auf Partys würde ich ausgelassen und selbstbewusst tanzen. Auch meinem Chef würde ich dann endlich selbstbewusst meine Meinung sagen. Aber jetzt bin ich dick und fett. Also bleibe ich lieber zu Hause und halte meinen Mund. Dann werde ich wenigstens nicht ausgelacht oder angestarrt und ich kann nichts falsch machen.

Ich habe starke Stimmungsschwankungen – Himmel hoch jauchzend, zu Tode betrübt – abhängig vor allem von Gewicht bzw. Diäterfolg. Manchmal, wenn ich mehrere Tage meine Diät durchgehalten haben, ist das ein erhebendes Gefühl. Ich könnte die ganze Welt umarmen, einfach herrlich! Ich verstehe nicht, warum dann wieder dieser Essanfall kommen muss und alles zunichte macht.

Wenn ich frisch verliebt bin, denke ich überhaupt nicht ans Essen. Dann überlege ich mir vor allem, wie ich meinem neuen Freund gefallen könnte, wann er mich wohl das nächste Mal anruft, ob er mich lieb hat. Doch wenn Routine einkehrt in die Beziehung, holt mich mein schlechtes Essenverhalten wieder ein.

Wenn ich schon nicht meine Essenmengen kontrollieren kann, so wenigstens andere Bereiche meines Lebens. Ich bin z.B. extrem perfektionistisch wenn es um meine Arbeitsleistungen geht. Ich quäle mich ab beim Sport, um überschüssige Kalorien wieder zu verlieren. Spaß macht mir das schon lange nicht mehr.

Ich hasse mich und mein Leben. Ich fühle mich sehr oft einsam und unglücklich. Ich möchte nur noch schlafen und am besten nicht mehr aufwachen. Ich traue mich aber trotzdem nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich habe Angst ausgelacht zu werden. Außerdem habe ich doch keine Esssucht, ich habe einfach zu wenig Disziplin, das werde ich doch wohl alleine in den Griff bekommen. Ich geniere mich dafür, dass ich Essen so verschwende. Es gibt so viele hungernde Leute auf der ganzen Welt und ich kotze das Essen einfach ins Klo. Ich kann das niemandem erzählen. Ich fühle mich so schuldig.

Regelmäßige Essanfälle

Ein weiterer wichtiger Indikator für Esssucht sind die Essanfälle. Essanfälle sind begleitet von einem Gefühl von Zwanghaftigkeit, das Gefühl „Ich will es so sehr, dass ich alles umrennen werde, was sich mir in den Weg stellt“. Dem Esszwang zu widerstehen ist, wenn überhaupt, nur mit äußerster Willenskraft möglich. Er überkommt, überrollt einen geradezu.

Während eines Essanfalls stopfen die Betroffenen wahllos Nahrungsmittel in sich hinein, oft solange, bis ihre körperlichen Beschwerden sie zwingen aufzuhören. Sie essen hauptsächlich Lebensmittel, die sie sich verbieten. Essanfälle sind oft begleitet von schlimmen Schuld- und Schamgefühlen.

Lassen wir die Gefühle und Gedanken, die mit Essanfällen einher gehen wieder von Betroffenen beschreiben:

Ich habe oft panikartige Gier nach Essen. Es kommt öfters vor – meistens Abends – dass ich sehr große Mengen auf einmal esse. Bei diesen Essanfällen verliere ich komplett die Kontrolle darüber, was ich esse. Ich kann mich nicht mehr stoppen.

Ich versuche immer gesund zu essen. Die Lebensmittel, die ich während meiner Essanfälle herunter schlinge, sind allerdings alles andere als gesund. Tischmanieren sind bei diesen Essanfällen nicht mehr vorhanden. Ich grause mich vor mir selber.

Ich habe ein schlechtes Gewissen, da ich schon wieder ‚gesündigt‘ habe. Ich hasse meinen mangelnden Willens und meiner Disziplinlosigkeit. Ich nehme mir vor, noch viel härter mit mir umzugehen. Ich bestrafe mich mit einer ‚Überdosis‘ an Sport. Ich beschließe, nie wieder ‚verbotene‘ Nahrungsmittel zu essen. Ab jetzt aber wirklich!

Ich fühle mich nachher wie erschlagen und will eigentlich nur noch schlafen. Oft ist mir wahnsinnig schlecht. Warum tue ich mir das nur immer wieder an??

Ich bin verzweifelt und fühle mich fett. Ich fühle quasi mein Doppelkinn und meine Oberschenkel anwachsen. Mein Bauch spannt, ich bekomme keine Hose mehr zu. Ich überlege nach dem Essanfall mir sofort, welche Diät ich ‚ab morgen‘ machen werde bzw. wie viele Kalorien ich morgen zu mir nehmen darf. So darf das nicht mehr weiter gehen.

Am nächsten Morgen nach einem Essanfall fühle ich mich, als ob ich einen Kater hätte. Ich wache gerädert auf und habe einen entsetzlichen Geschmack im Mund. Ich habe so Angst vor dem nächsten Rückfall. Ich darf heute nichts essen!

Wenn Ihnen diese Aussagen mehr als bekannt vorkommen, ist es höchste Zeit, sich mit dem Thema Esssucht intensiv auseinanderzusetzen.

Wie werde ich mein quälendes Essverhalten los?

„Ich hasse sie, diese quälenden Essanfälle. Ich kann nichts gegen sie tun, sie überrollen mich unangemeldet mit einer enormen Wucht. Ich denke fast die ganze Zeit an Essen und Abnehmen. Ich halte das nicht mehr aus. Bitte sagen Sie mir, wie ich das loswerden kann. BITTE.“

Ungefähr so hört es sich an, wenn jemand, verzweifelt über sein zwanghaftes Essverhalten, nach Hilfe sucht.

Eigentlich ist die gestellte Frage denkbar einfach: „Wie werde ich meine quälendes Essverhalten los“. Wie schön wäre es, wenn ich Ihnen nun ein Erfolgsrezept präsentieren könnte nach dem Motto „Das 10 Schritte Programm aus Ihrer Esskrise in 10 Wochen, Rückfälle ausgeschlossen!“

Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass es unseriös wäre ein solches oder ähnliches Versprechen abzugeben. Dies gilt für jegliche Herausforderung im Leben: Den einen Weg, der für alle gültig ist, gibt es nicht. Jede ist unterschiedlich, jede hat ihre ganz eigene Geschichte und ihre ganz persönlichen Vorlieben. Was der Einen hilft, hilft dem Anderen überhaupt nicht und umgekehrt. Für jede Einzelne gilt es, ihren ganz persönlichen Weg zu finden – daher gibt es keine 08/15 Antworten und keine „Geheimrezepte“ – und genau darin liegt die Herausforderung, die es anzunehmen gilt.

Wenn das Essverhalten bereits quälend und belastend ist, dann könnte eine Esssucht dahinter stecken – und dieses Thema ist komplex. Die Essanfälle, das ständige Denken an Essen und Abnehmen sind nur das Symptom, quasi die Spitze des Eisberges. Darunter verborgen liegen die Ursachen, die es nach und nach zu entdecken und zu bearbeiten gilt.

Auch die Dauer des Genesungsprozesses lässt sich nicht abschätzen. Es ist meist ein längerer Prozess, auf den man sich einstellen sollte. Als Betroffene hört man das nicht gerne. Die Esssucht ist so quälend, so beängstigend, dass man meint, sie keine Sekunde mehr länger ertragen zu können.

Wenn ich Ihnen hierfür schon kein „10-Schritte-Erfolgsprogramm“ präsentieren kann, so gibt es doch einige Schritte, die meiner Erfahrung nach auf dem Weg aus der Esssucht eine wichtige Rolle spielen:

Das eigene Essverhalten verstehen lernen

Viele Frauen, die von Esssucht geplagt sind, möchten diese am liebsten so schnell wie möglich los werden. Dies ist verständlich, denn die Esssucht wird als belastend und störend erlebt. Trotzdem kann es von Bedeutung sein, die Esssucht genau zu betrachten um zu verstehen, warum sie im eigenen Leben eingezogen ist. Manchmal ist es bereits eine große Hilfe zu erfahren, dass die eigenen Symptome, unter denen man Tag für Tag leidet, auch anderen Frauen sehr gut bekannt sind.

Oft ist es schwierig den Tatsachen ins Auge zu sehen. Es ist nur möglich, einen Weg aus der Esssucht zu finden, wenn Sie wissen, womit genau Sie es zu tun haben. Als Informationsquellen hierfür dienen z.B. zahlreiche Internetseiten sowie einschlägige Bücher.

Sie müssen versuchen, ehrliche und möglichst konkrete Antworten auf folgende Fragen zu finden:

  • Wie oft am Tag beschäftige ich mich eigentlich mit den Themen Essen/Diät/Gewicht/Abnehmen/Essanfall?
  • Welche Bereiche meines Lebens beeinflusst meine Esssucht?
  • Gibt es bestimmte Situationen, die einen Essanfall auslösen?
  • Was genau würde sich in meinem Leben ändern, wenn ich mein Zielgewicht erreicht hätte?
  • Angenommen eine gute Fee würde über Nacht meine Esssucht bzw. meine Essanfälle wegzaubern: Was löst diese Vorstellung in mir aus?
  • und die vermutlich schwierigste Frage: Welche Funktionen übernimmt meine Esssucht in meinem Leben?

Nun ist es Zeit eine Entscheidung zu treffen: Entscheiden Sie sich dafür, die tausendste Diät in Ihrem Leben beginnen oder wollen Sie sich auf die Reise begeben und sich den Ursachen Ihres Essverhaltens stellen?

Einen Schritt nach dem anderen gehen

Der Weg aus der Esssucht beginnt meist damit, dass man verzweifelt vor einem großen Berg an undefinierbarem Gefühlschaos oder ungelösten Problemen steht. Unweigerlich tauchen quälende Fragen auf: „Das alles soll ich bewältigen? Wie soll das gehen?“ gepaart mit dem verzweifelten Ausruf: „Das schaffe ich nie!“

Lassen Sie sich von der Fülle der Informationen und von den Veränderungen, die vielleicht noch vor Ihnen stehen, nicht entmutigen. Sie leiden vermutlich schon jahrelang (wenn nicht Jahrzehnte) an Ihrer Essstörung! Sie lässt sich daher auch nicht von heute auf morgen beseitigen.

Stellen Sie sich Ihre Essstörung als einen Berg von großen Steinen vor: Jeder Stein steht für eine bestimmte Ursache Ihrer Essstörung. Ziel ist es, diesen Berg so weit als möglich abzutragen – also die Ursachen Ihrer Essstörung zu finden. Am liebsten würden Sie nun alle Steine auf einmal nehmen und sie weit von sich werfen. Stimmt´s? Dies ist leider nicht möglich, denn niemand hat die Kraft, einen großen Steinhaufen mit einem Mal abzutragen.

Sie können aber sehr wohl vor den Berg treten, einen einzelnen Stein nehmen und ihn wegtragen. Ein Stein scheint zu Beginn vielleicht wenig. Doch wenn Sie später noch einen Stein nehmen und noch einen und noch einen und immer fort, dann wird der Berg sichtlich kleiner und Sie haben noch genügend Kraft für die darauf folgenden Steine. Es kann sehr spannend sein, diese „Ursachensteine“ sorgfältig anzusehen, zu untersuchen, zu ergründen und Lösungen zu finden. Es ist wie ein Puzzle des Lebens, Ihres Lebens.

Wichtig ist, dass Sie den ersten Schritt gehen – um bei unserem Bild zu bleiben – den ersten Stein nehmen. Es ist eigentlich gleichgültig, welcher das ist.

Sie surfen gerade im Internet und informieren sich über Esssucht. Das ist ein wichtiger Schritt! Vielleicht finden Sie eine Idee, einen Gedanken, der Sie anspricht. Verfolgen Sie ihn weiter, das ist dann der nächste Schritt. Haben Sie Vertrauen, dass Sie den darauf folgenden Schritt sehen werden, wenn Sie so weit sind.

Es ist wie bei einer Wanderung. Manchmal sieht man die Wegmarkierung nicht mehr. Man geht ein Stück nach vorne, schaut nach links und nach rechts und siehe da, die Markierung ist wieder sichtbar. Man weiß plötzlich wieder, wie es weiter geht.

Gehen Sie Schritt für Schritt vorwärts. Überfordern Sie sich nicht. Neue Verhaltensmuster und Denkensweisen zu entwickeln, erfordern immer mehr Anstrengung und Mut, als bei den Alten zu bleiben. Wenn die neuen Muster und Gedanken einmal erworben sind, ersetzen sie ganz automatisch die Alten. Sie werden beständig und Sie möchten sie dann sicher nicht mehr aufgeben wollen.

Wie bei einer Wanderung ist es auch am Weg aus der Esssucht notwendig, Pausen einzulegen. Ständig an sich zu arbeiten, sich zu hinterfragen und sich seinen Problemen zu stellen ist mühsam und verlang einem viel ab. Gönnen Sie sich ganz bewusst Auszeiten. Seien Sie sich nicht böse, wenn der nächste Schritt auf sich warten lässt. Seien Sie nicht zu streng mit sich selbst auf Ihrem Weg.

Hilfe suchen

Vor allem zu Beginn stellt das Internet ein wunderbares Medium dar, um Hilfe zu suchen. Beispielsweise bieten Ihnen online Foren die Möglichkeit, sich anonym mit anderen Betroffenen auszutauschen. Auch aus Büchern sind zahlreiche Ideen zu holen.

Langfristig sollten Sie sich aber überlegen, den Schritt aus der Anonymität zu wagen und professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es ist sehr befreiend, endlich über seine Qualen zu sprechen um Verständnis und Mitgefühl zu erfahren. Professionisten können Ihnen helfen, nicht mehr im Symptom hängen zu bleiben, sondern an den Ursachen Ihrer Esssucht aktiv zu arbeiten.

Haben Sie keine Angst, ausgelacht zu werden. Seriöse Professionisten nehmen Sie ernst, gleichgültig welches Problem Sie beschäftigt.

Psychotherapie

Psychotherapie hilft bei der Bearbeitung von seelischen Problemen. Verlassen Sie sich bei der Suche Ihres Therapeuten auf Ihr Gefühl. Wenn Sie wirklich bereit für Therapie sind, werden Sie den für Sie richtigen Therapeuten finden.
Woran erkennen Sie, dass der Therapeut oder die Therapeutin gut zu Ihnen passt? Wichtig ist, dass Sie sich gut aufgehoben fühlen und dass Sie im Grunde gerne zur Therapie gehen, obwohl Therapie sehr anstrengend und schmerzhaft sein kann. Sie sollten das Gefühl haben, alles besprechen zu können und sich auf Ihrem Weg aus der Esssucht unterstützt fühlen. Wesentlich ist, dass Sie spüren, dass Ihre Therapie Sie weiter bringt. Sollten Sie diesen Eindruck nicht haben, so flüchten Sie nicht gleich, sondern besprechen Sie das mit Ihrer/m Therapeut/in. Vielleicht sind Ihre Erwartungen einfach zu hoch gesteckt.

Körperarbeit

Esssüchtige haben üblicherweise ein gespanntes Verhältnis zu ihrem Körper. Oft ist der Kopf (die Gedanken) übermächtig und der Körper wird kaum wahrgenommen oder gar gehasst. Um ein besseres Körpergefühl zu erlangen und um sich als Ganzes zu begreifen, kann Köperarbeit eine gute Unterstützung sein. Es gibt zahlreiche Methoden z.B. Shiatsu, Reiki, QiGong, Taiji, Yoga, CDs mit Köperreisen etc…. Wichtig ist es auch hier, dass es Ihnen Spaß macht und Sie sich wohl fühlen.

Selbsthilfegruppen, Vorträge, Seminare, Ex-Betroffene

Weitere Möglichkeiten bieten Selbsthilfegruppen, einschlägige Vorträge oder Seminare, in denen Sie auf Gleichgesinnte treffen. Es ist beruhigend zu erfahren, dass Sie nicht die Einzige auf dieser Welt mit diesen quälenden Problemen sind. Sie fühlen sich dann nicht mehr ganz so abnormal. Vielleicht haben Sie auch die Möglichkeit, mit Ex-Betroffenen zu sprechen, das macht Mut und gibt neue Hoffnung.

Ernährungsberatung

Hilfreich kann auch das Aufsuchen einer Ernährungsberatung sein, z.B. nach den 5-Elementen. Meiner Erfahrung nach ist es wichtig, bei der Wahl des/r Ernährungsberaters/in darauf zu achten, das sie/er mit Ihnen gemeinsam einen Schritt nach dem anderen geht. Es fällt vielen Menschen schwer, einen neuen Ernährungsplan lückenlos und vor allem dauerhaft zu befolgen – und das gilt nicht nur für Menschen mit Esssucht. Machen Sie sich bewusst, dass Ihre Ernährung das Symptom Ihrer Esssucht, keineswegs jedoch die Ursache ist.

Wichtig: Körperarbeit, Ernährungsberatung, Seminare u.ä. ersetzen keine Psychotherapie. Sie stellen bloß eine Ergänzung dar. Weiters sollten Sie bei körperlichen Beschwerden unbedingt ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen und den weiteren Weg abklären.

Essanfälle möglichst akzeptieren

Die Essanfälle zu akzeptieren ist schwierig. Die Essanfälle sind das, was Sie am meisten hassen. Sie sind das Symptom und sie werden gehen, wenn es an der Zeit ist.

Dies macht den meisten Betroffenen große Angst. „Soll das bedeuten, dass ich diese Essanfälle noch weiter ertragen muss?“ Bei dieser Frage kann ich Sie ein wenig beruhigen. Die Essanfälle werden Sie zwar vermutlich noch einige Zeit begleiten, doch nach und nach wird sich ihre Qualität verbessern. Beispielsweise werden Sie nicht mehr unzählig viele Speisen durcheinander essen, sondern „nur“ noch die dreifache Menge einer Speise. Sie werden nach einem Essanfall nur noch das halbe Chaos in der Küche hinterlassen, da er Sie nicht mehr mit Wucht völlig unerwartet überwältigt. Der Essanfall fühlt sich nicht mehr ganz so eklig an und ist leichter zu ertragen.

Am besten rechnen Sie damit, dass Sie wieder einen Essanfall haben werden. Dann überrascht er Sie nicht mehr und Sie müssen nicht das Gefühl haben, versagt zu haben. Aus meiner Erfahrung ist es hilfreich das Ziel „Ich will keine Essanfälle mehr“ zum Beispiel mit dem Ziel „Ich will lernen, meinem Körper und meiner Seele zu geben was sie brauchen“ zu ersetzen.

Wenn ein Essanfall Sie überrollt hat, versuchen Sie möglichst nett zu sich zu sein. Bestrafen Sie sich nicht noch weiter, denn Ihr Essanfall ist sowieso schon ein Aufschrei Ihrer Seele.

Konkret bleiben

Aussagen wie „Ich will nie wieder einen Essanfall haben“, „Ab jetzt werde ich immer nein sagen wenn mir etwas nicht passt“ oder „Ab jetzt werde ich mich selbst lieben“ sind sehr hochgesteckte Ziele, die kaum zu erfüllen sind. Wer kann schon immer alles „richtig“ machen.

Kleine Ziele wie: „Wenn ich merke, dass der Essanfall kommt, setze ich mich zunächst eine Minute lang hin“ oder „Wenn mich mein Chef nach Dienstschluss anruft werde ich nicht mehr automatisch abheben“ oder „Ich werde mich einmal täglich für etwas loben, das ich an mir mag.“ sind leichter zu erreichen.

Durch Ihre Wegbegleiter (TherapeutInnen, Literatur….) werden Sie zahlreiche Ideen für solche kleinen Ziele bekommen. Nehmen Sie sich nicht zu viel auf einmal vor. Eins nach dem anderen, ein Schritt nach dem anderen.

Selbstliebe erlernen

Sie haben bestimmt schon den gut gemeinten Ratschlag „Liebe dich selbst“ gehört. Leichter gesagt als getan.

Selbstliebe kann man lernen, dies benötigt aber Zeit und Geduld. Ein erster Schritt ist z.B. zu beobachten, wie Sie eigentlich mit sich selbst sprechen. Reden Sie so, wie Sie zu sich selbst reden auch mit anderen? Oder kann es sein, dass Sie sich selbst bei jeder erdenklichen Situation erniedrigen z.B. wenn Sie sich in den Spiegel sehen oder Sie sich strenge Vorwürfe machen wegen eines kleinen Missgeschicks. Versuchen Sie nach und nach netter mit sich zu sprechen, gut zu sich zu sein.

Wenn Sie sich selbst akzeptieren und mit sich selbst im Reinen sind, kann dies einiges bewirken. Hier einige Beispiele aus meiner Erfahrung:

  • Viele esssüchtige Frauen sind Perfektionistinnen: Ziel ist die perfekte Figur, die perfekte Ernährung, die perfekte Arbeitsleistung. Der Anspruch perfekt sein zu wollen programmiert das Scheitern geradezu vor. Wenn Sie sich selbst akzeptieren, verzeihen Sie sich Fehler viel leichter, Sie müssen nicht perfekt sein um sich selbst zu gefallen.
  • Ein oft wiederkehrendes Thema bei Esssüchtigen ist eine tief sitzende Einsamkeit, unabhängig davon, von wie vielen Leuten sie umgeben sind. Mit zunehmender Selbstliebe verschwindet dieses Gefühl. Sie sind es sich Wert, Beziehungen bzw. Freundschaften einzugehen, die Ihnen mehr Kraft geben als nehmen.
  • Viele Esssüchtige sind extrem sensibel und spüren, was Andere nicht wahrnehmen können (oder wollen). Oft bekommen Sie dann zu hören „das bildest du dir nur ein“. Bei genug Selbstliebe vertrauen Sie Ihrer Wahrnehmung und gehen sorgsam mit Ihrer Sensibilität um.
  • Selbstliebe bedeutet gut zu sich zu sein. Sie lernen sich kennen, schauen auf sich und Ihre Bedürfnisse, Sie wissen was Ihnen Freude macht und was nicht. Sie akzeptieren sich wie Sie sind, samt Ihrer guten und schlechten Eigenschaften. Sie werden Ihrer bewusst – selbstbewusst.
  • Selbstliebe hat auch einen erstaunlichen Effekt auf Beziehungen zu anderen Menschen. Wenn Sie nicht ständig damit beschäftigt sind, sich selbst zu hinterfragen, können Sie die anderen sehen wie diese wirklich sind. Wenn Sie sich selbst mögen, fällt es Ihnen leichter Ihrem Partner zu glauben, wenn er Ihnen sagt, dass er Sie liebt wie Sie sind.

Selbstliebe hat nichts zu tun mit Egoismus. Wer gut auf sich selbst schaut, hat viel mehr Kraft um für andere da zu sein.

Selbstliebe ist eng mit Selbstsicherheit verknüpft. Nachfolgend einige Anregungen, wie Sie Selbstsicherheit in täglichen, immer wieder kehrenden Situationen üben können:

  • Komplimente einfach mit einem „danke“ annehmen auch wenn Ihnen danach ist, diese sofort abzuschwächen.
  • Bei anderen Leuten das Schöne und Gute bewusst wahrnehmen und Komplimente machen, wenn diese stimmig und angebracht sind.
  • Bitten, Kritik und „nein“ direkt aussprechen, ohne eine lange und breite Begründung oder Entschuldigung vorauszustellen oder anzuhängen
  • Ab und zu den Aktionsradius erweitern und öfters Dinge tun, die Sie normalerweise nicht tun z.B. fremde Leute nach der Uhrzeit fragen oder vor anderen genussvoll in einen Schokoriegel beißen oder alleine in ein Kaffeehaus gehen.

Versuchen Sie kleine Übungen dieser Art in Ihrem Alltag einzubauen. So wie vieles im Leben kann auch die Selbstsicherheit durch Übung aktiv erhöht werden.

Der Realität ins Auge sehen

Wie geht es Ihnen mit nachfolgenden Aussagen?

  • Bei der Esssucht ist das Essen nur das Symptom, nicht die Ursache.
  • Der Weg aus der Esssucht braucht viel Zeit und noch viel mehr Geduld.
  • Die Essanfälle werden so lange bleiben, wie Sie diese brauchen.
  • Die Esssucht erfüllt einen wichtigen Sinn in Ihrem Leben, oft auch einen Sinn im Leben Ihrer engsten Angehörigen.
  • Auch wenn die Esssucht weg ist, wird nicht plötzlich alles rosig sein in Ihrem Leben. Es wird nach wie vor Probleme bzw. schwierige Situationen geben, die es zu lösen gilt. Sie werden sich auch ohne Esssucht dann und wann unwohl in Ihrer Haut fühlen.

Sich selbst nichts vorzumachen ist schwierig. Wir alle neigen dazu Dinge schön zu reden – Partnerschaft – Beziehung zu Freunden – Beziehung zu Angehörigen – Ausbildung – Job – Wohnung. Passt das wirklich alles?

Übrigens: Der Realität ins Auge sehen heißt nicht den Schuldigen zu finden.

Kleine Erfolge schätzen

Schon wieder ein Essanfall, daher voll versagt? Stimmt nicht. Nehmen Sie ein Blatt Papier und schreiben Sie auf, was sich in den letzten Monaten in Ihrem Leben verändert hat. Tun Sie dies möglichst konkret, denken Sie insbesondere auch an alltägliche Gegebenheiten, z.B. letzte Woche habe ich es geschafft am Freitag um 17:00 zu gehen, statt noch einen Auftrag meines Chefs zu übernehmen. Letzte Woche, als ich wirklich keine Lust auf Kino hatte, habe ich meine Freundin angerufen und ihr abgesagt.

Nehmen Sie auch kleine Veränderungen wahr, hängen Sie nicht alles auf „Essanfall ja oder nein“ auf. Erinnern Sie sich: der Essanfall ist nur das Symptom.

Neue Gedanken und Interessen finden

„Wenn ich nicht mehr ständig an Essen und Abnehmen denkt… woran soll ich dann eigentlich sonst denken? Wie soll ich dieses Vakuum füllen? Wie stoppe ich die ständig kreisenden Gedanken?“

Je mehr Sie an andere Dinge denken, je mehr andere Dinge an Wichtigkeit gewinnen, desto weniger werden Sie an Essen bzw. Abnehmen denken. Dies ist ein längerer Prozess. Die ewig um Essen und Gewicht kreisenden Gedanken verschwinden nicht so einfach. Es ist darüber hinaus gar nicht so leicht herauszufinden, was einem eigentlich richtig Freude macht.

Hier einige Anregungen für diesen Weg:

  • Täglich am Abend in ein Tagebuch schreiben: Was hat mir heute Freude gemacht? Denken Sie hier v.a. an Kleinigkeiten wie z.B. die Blumen im Blumenladen haben gut geduftet, der Buschauffeur hat mich noch einsteigen lassen, meine Freundin hat angerufen, etc. (und wieder fünf Minuten an etwas Anderes gedacht!)
  • Sich eine Stunde Massage (z.B. Shiatsu) gönnen und dabei den Körper spüren (und wieder eine Stunde an etwas Anderes gedacht!)
  • Lernen mehr im Moment zu sein, z.B. durch Taiji, QiGong, Yoga, MeditationsCDs (und wieder mindestens eine viertel Stunde an etwas Anderes gedacht)
  • Fragen Sie Ihre Freunde, Bekannte, Kollegen was diese am liebsten in der Freizeit tun. Vielleicht bekommen Sie so Anregungen.

Seien Sie auch hier geduldig mit sich selbst. Wenn Sie momentan keine Energie haben, in einem Stimmungstief sitzen, dann werden Sie vermutlich nur wenig Kraft haben, zu neuen Ufern aufzubrechen. Neues auszuprobieren gelingt am besten in Hochphasen. Nutzen Sie diese und machen Sie sich nichts vor, so auf die Art: „Mir geht es jetzt so gut, ich hab´s geschafft, ich brauch das alles nicht mehr!“

Parabel Hausbau

Ich finde, der Weg aus der Esssucht lässt sich gut mit dem Hausbau vergleichen:

Stellen Sie sich folgende Situation vor:
Sie stehen auf einem Berg, alleine. Plötzlich fängt es zu regnen und zu stürmen an (= die Herausforderungen des Lebens prasseln auf Sie ein, Sie sind verzweifelt, einsam, wissen nicht wohin). Ihnen wird kalt und Sie brauchen einen Platz, wohin Sie sich flüchten können. Sie brauchen ein (Schutz)Haus (=Selbstbewusstsein und Selbstliebe, sodass Sie sich allen Situationen stellen können ohne die Krücke Esssucht zur Hilfe zu nehmen).

Ein wirklich solides Haus lässt sich allerdings nicht von heute auf morgen bauen. Man muss zunächst einen Keller ausheben und damit eine gute Basis für das Haus schaffen. (= Herausfinden womit Sie es zu tun haben, was bedeutet es, Esssucht zu haben?).

Ein Haus kann man nicht alleine bauen, man braucht die Hilfe von Professionisten (=Psychotherapie, Körperarbeit, Seminare, Vorträge, …..). Gemeinsam wird ein Ziegel nach dem anderen gesetzt. (= Man kann immer nur einen Schritt nach dem Anderen gehen).

Irgendwann ist dann ein Raum fertig. Sie betreten ihn voller Stolz und freuen sich (= kleine Erfolge schätzen). In diesem Raum genießen Sie schon den ersten Schutz (=In vielen Situationen reagieren Sie bereits adäquat, ohne die Krücke Essanfall). Im Zuge des Hausbaus erwerben Sie viele neue Fähigkeiten, z.B. Sie wissen schon, was Sie machen müssen, wenn wieder einmal mal ein Abfluss nicht richtig dichtet (= z.B. können Sie Ihrem Chef schon sagen, wenn Sie wirklich keine Überstunden machen können). Zu Beginn war die Werkzeugkiste noch wie ein Buch mit sieben Siegeln für Sie, jetzt haben Sie einige wertvolle Werkzeuge darin liegen, und Sie wissen, wie Sie sie anwenden können (= adäquat auf Situationen reagieren, z.B. welche Worte benutzen Sie, um auf grundlose Anschuldigungen zu antworten?)

Tja und irgendwann ist das Haus fertig. Ihr Schutzhaus. Sie sind geschützt vor Regen und Wind, Sie sind zu Hause. (Regen und Wind wird es immer geben = ein Leben ohne herausfordernde Situationen gibt es nicht) Damit das Haus weiterhin so wohnlich bleibt und Ihnen genug Schutz bietet, müssen Sie drauf achten, dass es regelmäßig renoviert wird (= man lernt nie aus im Leben, denn es kommen immer wieder neue Situationen und Probleme auf einen zu). Einige Dinge können Sie selbst erledigen, für andere fragen Sie Professionisten. (= auch nach Bewältigung der Esssucht ist man nicht frei von Problemen und kann hin und wieder bei einem Coach oder Therapeuten/in Rat holen.)

Gibt es Esssucht ohne Erbrechen oder mager sein?

Landläufig sind die Essstörungsformen Magersucht und Bulimie bekannt. Ersteres wird vor allem mit wenig bis gar nichts essen bzw. mager sein assoziiert, letzteres mit Erbrechen des Essens. Plakativ wird dies manchmal von Zeitungen aufgegriffen: Da sieht man dann ein Bild von einem Mädchen die kaum mehr als ihr Skelett ist oder eines von einer Frau, die über der Kloschüssel hängt.

Diese Extreme schaffen allerdings wenig Identifikationsfläche. Denn Esssucht spielt sich meistens mitten unter uns ab, im Alltag. Davon betroffen sind Menschen, „wie Du und ich“, die täglich ihrem Job und ihren familiären Pflichten nachgehen. Es sind Menschen mit Doppelleben – nach außen hin heile Fassade, nach innen hin zutiefst unglücklich.

Man kann an einer Esssucht leiden, ohne mager zu sein. Esssüchtige Frauen haben jede Figur, von sehr schlank über normal bis hin zu sehr übergewichtig. Die Figur hängt einerseits von der Veranlagung ab, andererseits von den Ausgleichshandlungen, die die Betroffenen dem Essen gegenüber stellen. Dies kann sein: Erbrechen, Fasten, Sport und / oder Abführmittel.

Wobei das Brechen nicht zwangsläufig zu einer Esssucht dazu gehört. Es gibt sehr viele Frauen, die nach den Essanfällen nicht erbrechen, diese Form der Esssucht nennt man „Binge Eating“ oder „Bulimie non purging“.

Überhaupt gibt es zwischen den beiden Hauptformen der Esssucht zahlreiche Abstufungen: Beispielweise gibt es BulimikerInnen, die zwischen Phasen von Essattacken fasten. Es gibt Magersüchtige, die das Wenige, das sie zu sich nehmen, erbrechen. Es gibt Betroffene, die das Essen lange kauen und ausspucken, bevor sie es schlucken.

Allen Essstörungen ist eine intensive Beschäftigung mit dem eigenen Körper sowie mit den zu sich genommenen Nahrungsmitteln gemeinsam. Die Gedanken der Betroffenen kreisen so gut wie ständig um Gewicht, Kalorien, essen bzw. nicht essen.

Dies zu wissen ist wichtig, um den Ernst der Situation zu erkennen in der man steckt. Denn vielfach handelt es sich eben nicht um einen bloßen „Diättick“ oder „zu wenig Disziplin“ sondern um eine Essstörung. Ich habe viele Frauen erlebt, denen lange nicht bewusst war, dass sie überhaupt eine Esssucht haben und sich daher sehr lange in dem Teufelskreise Essen-Diät-schlechtes Gewissen bewegt haben.

Die Beschäftigung mit den Symptomen und Ursachen und die Einsicht in das Krankheitsbild ist für Betroffene wesentlich, den ersten Schritt aus der Sucht gehen zu können.

Noch zu erwähnen ist, dass immer mehr Männer an Essstörungen leiden. Wenn also hier von Frauen die Rede ist, sind Männer und Frauen gleichermaßen gemeint.

Feindbild Essen

Es gibt viele Wege aus der Essstörung, doch der erste Schritt muss getan werden und danach einer nach dem anderen.

Essstörung. Für nicht Betroffene ist sie kaum nachvollziehbar, für Betroffene bedeutet sie meist die Hölle. Das Denken kreist andauernd um das Thema Essen, sodass fast alle Handlungen darauf ausgerichtet sind. Die Gemütsverfassung hängt davon ab, ob ein „guter“ oder „schlechter“ Esstag war. Oft werden sogar Treffen mit Freunden gemieden, da das Essen in der Öffentlichkeit zur Qual wird. Hunger- und Sättigungsgefühl können nicht mehr wahrgenommen werden. Nach dem Essen wird lange mit dem schlechten Gewissen gekämpft und mit der panischen Angst, zuzunehmen. Viele Betroffene leiden außerdem an unkontrollierbaren Essattacken, die ausgeglichen werden durch Hungerperioden, absichtliches Erbrechen, Abführmittel und/oder durch die eigenen Kräfte überfordernden Sport. Es wird versucht, die Gier nach Essen zu zügeln, weniger bzw. gesund zu essen und sich abzulenken. Doch meistens führen genau diese Maßnahmen nicht zu dem heiß ersehnten Ziel der Sucht-Freiheit. Warum ist das so?

Das liegt daran, dass hier nur das Symptom und nicht die Ursache des Problems bearbeitet wird, also nur die sichtbare Spitze des Eisbergs, nicht aber jener viel größere Teil, der unter der Wasseroberfläche liegt. Die Essstörung ist ein deutliches Zeichen dafür, dass etwas im Leben nicht stimmt. Beispielsweise haben die Betroffenen zu wenig Selbstbewusstsein, sie haben verlernt, Gefühle zuzulassen oder sie sind unglücklich über ihre Lebenssituation (Beruf, Partner, Eltern, Freunde etc.). Die ständige Beschäftigung mit dem Essen bewirkt allerdings, dass sich die Betroffenen nicht mehr mit diesen ursächlichen Problemen und Ängsten auseinandersetzen müssen.

Was würde eigentlich geschehen, wenn die Essstörung plötzlich weg wäre? Angenommen, es kommt eines Tages die berühmte gute Fee, schnippt mit den Fingern und erfüllt diesen sehnlichsten Wunsch der Betroffenen. Wäre dann auch gleichzeitig der Traumjob, die ideale Partnerschaft und ein idyllisches Familienleben vorhanden? Ohne Essstörung müsste nicht mehr ständig an das Essen bzw. Zunehmen gedacht werden; doch woran sonst? Was tun in all den Stunden, die zuvor für das Einkaufen und das Verstecken von Lebensmitteln, für das Beseitigen der Spuren und für das schlechte Gewissen aufgewendet wurden? Wohin mit Wut und Trauer, wenn sie nicht mehr hinuntergeschluckt werden?

Die Essstörung bleibt demnach solange bestehen, wie sie gebraucht wird. Sie wird erst dann langsam verschwinden, wenn die Betroffenen lernen, auf Probleme anders zu reagieren, bzw. wenn sie lernen, mit Situationen, die immer nur Probleme schaffen, richtig umzugehen. Einer der ersten Schritte ist es, diesen Zusammenhang zwischen der Essstörung und der gesamten Persönlichkeit bzw. dem Umfeld zu begreifen. Doch gerade diese Einsicht macht große Angst: Früher war es „nur“ das Essen, die Figur, jetzt sind es plötzlich so viele Dinge, die überdacht werden müssen. Das Positive daran ist, dass das Leben mit jedem gelösten Problem lebenswerter wird. Wer es versucht, kann also nur gewinnen. Es gibt viele Wege aus der Essstörung, doch eines haben alle gemeinsam: Der erste Schritt muss getan werden und danach einer nach dem anderen.