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Essanfall ohne Grund?!

Manchmal, wenn ein Essanfall passiert ist, zermartern wir uns den Kopf. Denn als geübte Esssüchtige wissen wir: Jeder Essanfall ist ein Alarmsignal für etwas, das in unserem Leben nicht passt. Also überlegen wir: Passt etwas in der Arbeit nicht? In der Beziehung? Sonst wo? Wir überlegen und überlegen und kommen doch auf keinen grünen Zweig.

In diesem Fall kann es schlicht und einfach sein, dass eine sogenannte Überstimmulierung stattgefunden hat. Also eine Überreizung der Sinne, die insbesondere hochsensible Personen (= HSP) berührt.

Presslufthammer

Was bedeutet das? Es passieren an einem Tag zu viele Sinneseindrücke, die nicht mehr verarbeitet werden können. Verwirrend ist, dass dies nicht notwendigerweise unangenehme Reize sein müssen. Es kann auch eine Anhäufung von angenehmen Dingen sein, die in Summe aber trotzdem zu viel sind. Also zu viel des Guten, wie z.B. zuerst Einkaufen, dann Besuch eines Weihnachtsmarktes mit Freunden, dann noch Kino.

Resultat ist eine Gefühl im Körper, das sich wie Unrast, Hibbeligkeit, Aufgedrehtheit anspürt. Wie wenn die Haut bebt. Da hilft essen um zu sedieren, also runter zu kommen. Essen entspannt.

Was hilft in diesem Fall?

Erstmal erkennen: Wie spürt sich Überstimmulation in mir an? In welchen Situationen treten diese Gefühle auf? Beispiele: Laute Musik, Menschenansammlung, Kunstlicht, schlechte Luft, viele unausgesprochene Dinge zwischen Menschen, starke visuelle Eindrücke.

Werten Sie die Situation nicht, beobachten Sie einfach nur Ihre Reaktion.  Dies ist besonders schwierig, denn wir neigen dazu, unsere Wahrnehmung herunterzuspielen. So auf die Art: „Meine Güte! Ich war doch NUR auf einen Weihnachtsmarkt und NUR Einkaufen, was ist denn nun schon wieder mit mir los??!!“ Hier geht es um Anerkennen was wir sind. Gerade bei mangelndem Selbstvertrauen keine leichte Sache!

Nur wenn wir dieses Muster in uns genau kennen, können wir es frühzeitig erspüren und uns einbremsen. Also im Beispiel oben nach dem Weihnachtsmarkt z.B. statt ins Kino (= sehr viele Sinneseindrücke v.a. bei 3D Filmen) in ein ruhiges Cafe gehen. Das erfordert Mut, weil man Pläne ändern muss, stehen muss zu dem was man ist. Aber mit etwas Übung gelingt das. Zumal unser Gegenüber manchmal auch ganz froh ist über Ruhe, öfters als wir annehmen. Langfristig kann dies auch bedeutet, sein Umfeld so zu verändern, dass unsere Sensibilität sein darf.

Wenn es schon zu spät ist, also wir im Zustand der Überstimmulation sind, dann hilft nur: Aushalten der Gefühle. Sich sagen: Es ist nichts schlimmes passiert, ich bin nur völlig überreizt. Mehr nicht. Lasst mich alle mal in Ruhe, ja ich darf mich jetzt zurückziehen. Auch nichts mehr von mir selbst verlangen. Ich brauche nicht den Umweg über den Essanfall zu gehen.

Auch hier geht es wieder um anerkennen was ist und sich sein lassen. Sich nicht noch große Dinge wie Wohnungsputz vornehmen. Sondern einfach nur wie das Rumpelstilzchen herumhüpfen und herumgranteln für eine Weile. Sich gehen lassen im Sinne von sich sein lassen.

Darum geht es beim Ausstieg aus der Esssucht: Schrittweise lernen auf Situationen adäquat zu reagieren statt zu fressen. Frustation aushalten. Sich sein lassen statt zu versuchen Gefühle mit Essanfällen vor sich selbst zu verheimlichen. Dies alles braucht Zeit und Übung, doch es ist möglich. Im Workshop „Wege aus dem Esszwang“ haben Sie die Gelegenheit zu üben 🙂

wir leben wovon wir reden

melangeWie bereiten sich Claudia Knief und ich auf den nächsten Workshop „Wege aus dem Esszwang“ vor?

Ganz einfach indem wir das leben, was wir im Workshop mit unseren Teilnehmerinnen üben:

Wir schauen bei unseren Vorbereitungstreffen gut auf unsere Bedürfnisse, indem wir unsere gemeinsame Zeit genau dort verbringen, wo wir wirklich sein möchten. Wir geben uns Zeit und Raum um zu spüren, welche kulinarischen Genüsse zu unserer Stimmung passen und genießen diese. Wir stehen bei unseren Treffen zu dem was wir sind. Launen dürfen sein wie sie gerade sind, wir teilen, was uns gerade beschäftigt, ohne zu werten. Alles darf sein. Wir müssen nichts darstellen, was wir im Moment nicht sind. Es dürfen auch miese Laune sein oder Müdigkeit, genauso wie Unrast oder Fröhlichkeit. Das ist herrlich und gibt letztendlich viel Energie!

Wir haben uns bei diesem Treffen überlegt, welche Strategien wir eigentlich anwenden, wenn es mal im Alltag rumpelt. Für mich ist es immer wieder interessant zu sehen, wie ich heute Dinge löse, wo es damals nur eine Lösung gab, nämlich essen. Die Ergebnisse unserer Treffen werden in einigen Blog Artikel sichtbar werden 🙂 

Der Ausstieg aus der Esssucht fängt damit an, auf unsere Bedürfnisse im Alltag zu achten, sodass es irgendwann nicht mehr notwendig ist, mit Hilfe von Fressanfällen Raum für sich zu nehmen.

Unser nächster Workshop „Stopp den Esszwang“  findet am 15. März statt. Anmeldungen sind jetzt schon willkommen und bekommen den Frühbucherinnenpreis.

Selbsttest: Bin ich esssüchtig?!

vreboten_erlaubt-Längsformat_kleinSeit einiger Zeit schon gibt es auf der aivilo Seite den Selbsttest: Bin ich esssüchtig?

Der aivilo Test besteht aus 50 Fragen und wird Ihnen Klarheit verschaffen, ob Sie (bzw. eine Freundin oder Angehörige) unter Esssucht leiden.

Durch das wache Auge meines lieben Bruders Thomas Wollinger ist uns aufgefallen, dass durch eine Umgestaltung im Blog die Verlinkungen im Test ins Nichts führten, d.h. die Auswertungen waren nicht zu lesen. Dafür entschuldige ich mich.

Der Test sollte nun wieder korrekt funktionieren und somit vielen Menschen Klarheit bringen. Denn der erste – und vielleicht auch schwierigste – Schritt aus der Esssucht ist es, sich einzugestehen: Ja, ich habe Esssucht.

 

 

Binge Eating & Bulimie: Die Suche nach den Ursachen

Frauen, die unter Essanfällen leiden, stellen sich häufig die Frage: Wieso?!

Bei Esssucht geht es ums essen. Natürlich, denn in der Esssucht dreht sich alles – und damit meine ich wirklich alles –  um das „was darf ich essen“, „wann“, „wieviel“ und „werde ich davon dick“. Doch die Beschäftigung mit dem Essen und der Figur lenkt uns von dem ab, was da tiefer liegt. Doch was liegt denn da tiefer?

Es gibt ein paar Themen, die mir in der Begleitung von Frauen mit Esssucht immer wieder begegnen.

Fülle des Lebens

  • Mangel
    Mangel fühlt sich an, als wäre man ein Fass ohne Boden. Man kann einfüllen und einfüllen und trotzdem bleibt das Gefühl: Das ist zu wenig. Zu wenig Anerkennung, zu wenig Lob, zu wenig Liebe, zu wenig Glück, zu wenig Erfolg. Da hilft nur Essen, denn Essen füllt mich, Essen macht mich glücklich – leider nur kurze Zeit.
    Langfristig gilt dem Fass einen Boden zu geben.
    Ein Anfang wäre: Täglich vor dem Schlafen gehen, 5 Dinge überlegen, für die ich heute dankbar war.
    Wichtig weiters Psychotherapie und/oder Körpertherapie, es geht um die nachträgliche Nährung des Mangels, der Seele. Sehr wichtig dabei: Geduld. Der Mangel braucht Zeit und stetige Zuwendung.
    Manchmal geht es um ein neu bewerten der Vergangenheit: Habe ich wirklich so wenig bekommen, wie ich denke? Wenn ich tatsächlich so wenig bekommen habe, wie kann ich mir heute das was mir fehlt geben?
  • Scham
    Menschen mit toxischem Schamgefühl fühlen sich minderwertig und verachten sich selbst. Sie halten es nicht für möglich, dass sie irgendein Mensch genauso lieben könnte, wie sie sind. Komplimente anzunehmen ist fast unmöglich. „Die können doch nicht mich meinen, die irren sich!“
    Deshalb werden Masken ausgesetzt und man versucht so zu sein, wie man denkt, dass es „gut“ und „richtig“ wäre. Doch tief im inneren spüren diese Menschen sehr deutlich die Maskarade, den tiefen Selbsthass, die gespürte Unzulänglichkeit.
    Die Sucht hilft diese belastenden Gefühle auszuhalten.
    Doch das Problem dabei ist, dass die Sucht die Scham erhöht: Je öfters Essanfälle auftreten, desto größer wird die Scham, die Situation nicht im Griff und schon wieder versagt zu haben.
    Süchtige können sich nicht selbst lieben. Sie sind für sich selbst ein Gegenstand der Verachtung. Dies führt zu einer Verzerrung des Denkens. Sie denken, sie wären nur dann in Ordnung wenn … wenn sie gesünder essen würden, wenn sie erfolgreicher oder schlanker wären etc. Diese hohen Ziele sind jedoch nie erreichbar, wodurch die Scham noch größer wird. Ein Teufelskreis.
    Was tun? Das Zauberwort heißt: Selbstliebe. Doch wie kann man lieben was man so hasst? Es ist ein Weg der kleinen Schritte. Beginnen kann man indem man mal überlegt, was man an sich eigentlich mag. Viele Menschen müssen hier sehr lange nachdenken. Macht nichts! Nehmen Sie sich die Zeit. Beobachten Sie und suchen Sie solange bis sie etwas finden. Das schreiben Sie dann in ein schönes Büchlein. Und forschen und suchen weiter.
    Weiters gilt auch hier: Hilfe annehmen in Form von Psychotherapie und/oder Workshops.
  • Kontrolle
    Dieses Thema ist eng verbunden mit der Scham: Wenn ich das Gefühl habe, nicht zu genügen, dann kontrolliere ich mich damit ich werde, wie ich mich haben möchte: ich esse immer die perfekte Nahrung, immer bin immer gut drauf (nach außen), bin immer zu allen freundlich.
    Die Kontrolle funktioniert eine Weile sehr gut … dann kommt der Essanfall, der komplette Kontrollverlust. Sich immer und ständig zu kontrollieren kann nicht funktionieren, deswegen haben wir Essanfälle. So weh diese tun, sie erlauben uns komplett von allen Ansprüchen loszulassen, auch wenn es nur für kurze Zeit ist.
    Die Lösung liegt daran, uns anzunehmen wir wir sind. Wir kommen immer und immer wieder zum Thema „Selbstliebe“ zurück 🙂
  • Führe ich das Leben, das ich möchte?
    Dieses Thema ist ebenfalls eng verbunden mit Mangel und Scham. Denn wenn ich mich selbst hasse und immer spüre, das „alles“ zu wenig ist, wie will ich dann herausfinden, was ich möchte oder noch viel wichtiger: Wer bin ich eigentlich, hinter den Masken, hinter dem was andere von mir erwarten, hinter dem was ich so gerne sein würde? Wer bin ich?! Hier geht es um das, was innen drinnen ist, versus dem ewig nach außen gerichtetem. Es geht um die Frage:  Habe ich es verdient, ein glückliches Leben zu führen?
    Hilfreich ist auch hier wieder die Selbstbeobachtung: Bei welchen Aktivitäten, Themen werde ich hellwach? Wann werde ich tot müde? Kann ich beobachten, ob ich nach bestimmten Ereignissen (z.B. Treffen mit bestimmten Menschen, vor bestimmten Terminen) Essanfälle habe (ein gutes Zeichen dafür, dass an dem Ereignis etwas nicht stimmt und eine Änderung ansteht).
  • Angst
    Es macht weniger Angst sich „nur“ um Diäten Gedanken zu machen als sein Leben umzukrempeln. Das Leben mit Esssucht ist zwar nicht angenehm, aber wenigstens planbar: Ein paar Tage strenge Diät, dann ein Essanfall, dann der Selbsthass, dann wieder ein neuer Diätplan, wieder voller Elan einen neuen Diätplan ausarbeiten … Sich sein Leben ehrlich anzusehen kann Angst machen, denn das könnte bedeuten, dass man Änderungen vornehmen muss oder meint die Kontrolle zu verlieren. Kontrollverlust macht Angst. Diese Angst lähmt und ist manchmal schlimmer zu ertragen als die Grauslichkeit der Essanfälle.
  • Körper
    Der Körper ist Schauplatz der Esssucht. Auf dem wird alles ausgetragen. Er ist nie so, wie er sein sollte. Dies beobachte ich bei allen Klientinnen mit Esssucht, wirklich ganz egal ob die Frau Übergewichtig ist, normal gewichtig oder untergewichtig ist (wenn man sich hier nach dem Bodymaß Index BMI orientiert)
    Interessant ist auch, dass es sich die normal gewichtigen und schlanken Frauen meistens genau 5 Kilo abnehmen möchten.  Ich denke das ist weil dies ein Ziel ist, das erreichbar scheint aber doch schwerer zu erreichen ist als nur 2 Kilo. Also wie eine immer etwas zu hoch hängende Belohnung, wie wenn man sich den Erfolg nicht vergönnen könnte und immer etwas braucht, das einem stört, damit man da seine ganze Energie hineinlegen kann. (statt sie auf die Dinge zu lenken, die schmerzen können, siehe den Absatz über Angst)
    Letztendlich geht es darum zu akzeptieren, dass wir ab dem Zeitpunkt wo wir älter als 20 werden und dann v.a. wenn wir Richtung 30 und darüber gehen, eben nicht mehr den Körper einer 16 jährigen haben können.
    Wir müssen uns entscheiden: Akzeptieren wir die Makel oder wollen wir tatsächlich jeden Tag mehrere Stunden harten Sport machen und jeglichen Zucker weglassen? Eine androgyne Figur zu behalten hat ihren Preis, sind wir bereit den zu zahlen? Wenn nein, dann hilft kein raunzen, kein selbst hassen. Dann gilt es die Entscheidung zu akzeptieren und den Körper anzunehmen. Wissend, dass diesem Selbsthass auch eine verzerrte Wahrnehmung zugrunde liegt. Nein, keine Sorge, wenn Sie sich auf diesen Weg begeben, werden Sie nicht dick und fett werden. Ich z.B. habe heute 5-7 Kilo mehr als damals, wo ich mit der Esssucht begonnen hatte. Und fühle mich heute trotzdem schlanker und schöner als damals.
    Wie akzeptiert man seinen Körper, den man doch so hasst? Auch hier wieder der Weg der kleinen Schritte. Gibt es vielleicht ein kleines Detail, das Sie heute schon an sich mögen? Wenn nein, suchen Sie so lange, bis Sie etwas finden. Und hier kann das: „Oh, also das hier ist ja schon mal ganz OK“ beginnen.
    Zum Körper gehört auch Hunger / Sättigung wieder wahrnehmen und damit umgehen lernen.

Was kann aivilo bei diesen Themen für Sie tun?

Tja, was tut man nun mit dem Wissen um diese Themen?

Von Themen zu wissen schafft Bewusstsein, Erweiterung des Blickwinkels. Wenn man sich Themen bewusst wird, stößt man auch immer wieder – scheinbar zufällig – über entsprechende Angebote, Bücher, Seminare etc.

Bei aivilo gibt es unseren Workshops „Stopp den Esszwang“: Da lernen Sie Ihr Hunger / Sättigungsgefühl kennen und Ihren Körper spüren. Durch das „outen“ in der Gruppe nimmt die Scham ab, denn Sie spüren: Ich bin nicht alleine und andere nehmen mich trotz meines Makels an. Hilfreich ist auch zu sehen, dass Sie die anderen genauso wenig verurteilen. Der nächste Termin ist 16/17. Nov 2013

Dann gibt es die Einzelarbeit in der aivilo Praxis. Hier suchen wir gemeinsam den Zugang zu Ihren Körper. Wir geben Ihrem Körper Raum und Zeit seine Bedürfnisse auszudrücken.

Meine Esssucht Geschichte und meinen Ausweg daraus können Sie hier nachlesen: Online pdf zum bestellen

Im aivilo Blog finden Sie laufend Anregungen. Diesen Blog können Sie abonnieren, sodass Sie per Mail über aktuelle Postings informiert werden. Diese finden Sie auch auf Facebook, wenn Sie sich mit „aivilo – ankommen im Körper“ befreunden.

Wenn Sie nach Psychotherapie suchen: Ich arbeite seit Jahren erfolgreich mit der Psychotherapeutin Doris Nowak-Schuh zusammen, die ich wärmstens weiterempfehlen kann.

nur bei Hunger Essen und gleichzeitig Essanfall zulassen!?

Letztens eierreichte mich folgende E-Mail Anfrage zum Thema: Widerspruch zwischen „nur Essen wenn man hungrig ist“ und „Essanfälle zulassen“

Liebe Frau Wollinger,
ich habe vor zwei Tagen Ihr E-Book bekommen und sofort begonnen zu lesen 😉 Jetzt habe ich auch schon eine Frage: In Ihrem Buch steht immer wieder, dass man nur essen soll, wenn man Hunger hat.
Gleichzeitig geben Sie den Tipp, dass man seine Essanfälle akzeptieren soll. Ich bin ein bisschen verwirrt, weil sich das für mich gegenseitig ausschließt. Sollte ich versuchen, solange durchzuhalten, bis mein Magen wirklich knurrt oder dem Essensdrang immer nachgeben, auch wenn ich keinen Hunger habe? Und auch wenn ich am Tag schon zu viel gegessen habe?
Liebe Grüße!
L. (vollständiger Name ist mir bekannt)

Liebe L.,

vielen Dank für Ihre interessante Frage! Die Antwort ist komplex (so wie die Esssucht eben ist 😉 ) , daher möchte ich auf mehreren Ebenen antworten:

1.) Wie ist (physischer) Hunger spürbar?

Hunger ist nicht immer mit Magenknurren gleichzusetzen. Hunger kann auf viele unterschiedliche Weisen erkannt werden. Fragen Sie mal in Ihrem Umfeld nach, wie Ihre Freundinnen Hunger empfinden und Sie werden überrascht sein über die Vielfältigkeit der Antworten.
Wenn man an Esssucht leidet braucht es Zeit und Übung, den eigenen Hunger (wieder) kennenzulernen und spüren zu können. Denn genau dieser Hunger nach Nahrung ist es ja, den man in der Esssucht am liebsten negieren möchte. Die Gleichung einer Esssüchtigen könnte lauten: „Hunger = ich muss essen = HILFE dann nehme ich zu = also spüre ich Hunger am liebsten gar nicht“ sowie „Sättigung = ich darf nicht mehr essen = HILFE ich will doch so gerne unendlich essen = also spüre ich Sättigung gar nicht“. Diese Gleichungen machen es so schwierig, Hunger bzw. Sättigung wahrzunehmen.

Um den eigenen Hunger kennenzulernen ist es hilfreich, die in der Publikation beschriebene Hunger / Sättigungsskala zur Hilfe zu nehmen. Je nach körperlichen oder psychischen Anzeichen teilt man den Hunger ein in leichten Hunger (Hungerskala 1) oder sehr starken Hunger (Hungerskala 10).

Essen sollte man bei +/- 5, also genau in der Mitte.

Anzeichen für Hunger könnte sein: leichter Kopfschmerz, plötzliche Müdigkeit, Konzentrationsmangel, plötzliches Umschlagen der Stimmung, Agressivität, Magenknurren, Zittrigkeit, Fahrigkeit, Ungeduld, leichtes Ziehen im Hals.
Wo man auf der Hunger/Sättigungsskala steht lernt man am besten, indem man sich immer wieder mit sich selbst im Laufe des Tages an mehreren Tagen vergleicht. Hunger ist ausschließlich ein subjektives Empfinden.

2.) I-S-S wenn Du hungrig bist versus N-U-R Essen wenn Du hungrig bist

Magenknurren ist meist schon bei Hungerskala 10 einzustufen. Das heißt es gilt zu lernen zu essen nicht erst wenn man komplett ausgehungert ist sondern schon davor.

Dabei geht es um das sich erlauben.

Die Betonung des Satzes am Weg aus der Esssucht liegt also vor allem in der Betonung des „iss“, also I-S-S wenn Du hungrig bist (und nicht erst wenn Du vor Hunger halb kollabierst). Denn bei extremen Hunger ist es fast unmöglich die feinen Zeichen des Körpers zu spüren (z.B. Sättigung) bzw. das Essen geduldig zu essen, sich schön herzurichten (siehe online Publikation) , da der ganze Organismus auf „Essen und zwar JETZT und SCHNELL gepolt ist.

Den Satz kann man auch lesen mit der Betonung auf „nur“. Also „iss N-U-R wenn du Hungrig bist“. Dies empfehle ich in der Esssucht in den guten Phasen, denn in Esssucht-Phasen ist dies schwer durchzuführen, weil der Hunger der Seele einfach riesig ist. Nur zu Essen bei Hunger braucht Disziplin. Langfristig ist das das Ziel, denn wenn man nur isst wenn man hungrig ist und aufhört wenn man satt ist, wird das Gewicht gehalten.
Aber in der Esssucht geht es zunächst um etwas anderes, nämlich um das zulassen statt zählen und kontrollieren. Das „iss NUR wenn du hungrig bist“ empfehle ich meist erst, wenn der Weg aus der Esssucht schon ein Stück vorangeschritten wurde.

3.) Essanfälle akzeptieren

Wenn der Essanfall (bzw. das ständige „grasen“ bzw. ein „ich kann nicht mehr aufhören zu essen“) einmal da ist, sind wir auf einer anderen Ebene. Hier geht es nicht mehr um den PHYSISCHEN Hunger sondern um den PSYCHISCHEN. Hier hungert die Seele. Beim Hunger der Seele geht es nicht mehr um Hunger oder Sättigung des Körpers. Es geht darum, dass da irgendeine Leere ist, vielleicht tiefe Traurigkeit, Einsamkeit, Sehnsucht, Unsicherheit, Angst. Wenn man Esssucht hat, dann wird dieses Loch mit Essen gestopft. Dies gilt es zu akzeptieren. Wenn man dagegen ankämpft, kämpft man gegen sich statt für sich.

Am Weg aus der Esssucht gilt es zu lernen, welche Bedürfnisse die Seele hat und ihr das immer mehr zu geben. Denn dann braucht es die Esssucht nicht mehr. Weiters geht es um das adäquate ausleben von Gefühlen. Dieser Weg braucht Zeit und Geduld (ich weiß, das hört keine Esssüchtige gerne, aber so ist es nun mal)

 4.) Unterscheiden zwischen physischen und psychischen Hunger

Das heißt es gilt zu unterschieden zwischen physischen und psychischen Hunger. Wenn es Ihnen gut geht, dann machen Sie die Summer/Zuwinker Übung und die Hunger/Sättigungsskala Übung, sowie hinsetzen und Essen schön anrichten, wie in der Online Publikation beschrieben. Versuchen Sie zu erkennen, wann Ihr Körper genug hat und wann die Seele beginnt zu essen. (das ist z.B. wenn Ihre Gedanken nicht mehr an Essen interessiert sind und Sie nichts mehr schmecken können)

Wenn es Ihnen nicht gut geht, also wenn die Seele schreit, dann seien Sie vor allem liebevoll zu sich und zwingen Sie sich nicht zu den Übungen, denn sie werden an diesen Tagen nur schwer gelingen, wenn überhaupt.

Insofern ist das Akzeptieren des Essanfalls und das Essen nur bei Hunger kein Widerspruch. Beides findet in unterschiedlichen Phasen innerhalb derselben Esssucht statt.

Es geht darum zu erkennen, dass das Essen Teil des Symptoms ist. Diese Ebene muss angesehen werden aber immer nur parallel zu den seelischen Faktoren.

Die Esssucht zu verstehen braucht seine Zeit. Dies ist natürlich, denn wer mag schon etwas verstehen, was man nicht haben möchte. Doch je eher man im Herzen versteht, dass die Esssucht da ist, weil man sie braucht, desto eher darf Heilung geschehen.

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Infos zur Online-Publikation finden Sie hier.

 

Vom Mut zur Esssucht zu stehen

„Ich habe Esssucht“ – Drei einfache Worte – Und doch kommen sie nur schwer über die Lippen – Wieso ist das so?

Immer wieder berichten mir Teilnehmerinnen unseres Workshops „Ausweg aus dem zwanghaften Essen“, dass es sehr viel Mut brauchte sich anzumelden und wie froh sie sind, diese Hürde genommen zu haben.Letztens mailte ich darüber mit einer dieser Frauen. Sie meinte, es läge nicht an der Workshop Beschreibung auf der Webseite. Dieser sei informativ und ansprechend. Es läge vielmehr daran, dass der Besuch eines Esssucht Workshops ein weiteres Eingeständnis wäre, sich selbst und Fremden gegenüber, dass man ein Problem mit dem Essen hat.

Dabei lässt sich die Existenz der Esssucht kaum verleugnen: Da sind diese ungeliebten Essanfälle und die ständig kreisenden Gedanken rund um Figur und Essen. Ein „ich kann nicht mehr aufhören zu essen“, eine schier unendliche Gier nach Essen, oft besonders nach „Verbotenen“ wie z.B. Süßspeisen.

Natürlich wissen wir das. Aber gleichzeitig möchten wir verdrängen und uns vormachen, dass alles gut ist. Ist es ja auch … bis zum nächsten Essanfall. Dann werden Vorsätze gefasst, Pläne geschmiedet, doch dann … wenn dieser Essanfall wieder gut genug verdrängt ist, sind die Pläne wieder vergessen, bis zum nächsten Essanfall. Und so weiter und so fort. So kann man Jahre verbringen und sich schön im Kreis drehen.

Das Eingeständnis „Ich habe Esssucht“ bedeutet gleichzeitig das Eingeständnis, dass es notwendig ist, etwas zu unternehmen. Doch so sehr diese Essanfälle gehasst werden, so sehr werden sie gleichzeitig gebraucht. Also bedeutet der Satz „ich habe Esssucht“ für viele gleichzeitig die Angst vor „Ich muss meine Essanfälle aufgeben“. Dies erzeugt ein riesen großes „HILFE!!!!!!“, denn wir haben noch nicht gelernt mit all den Gefühlen umzugehen ohne dem Hilfsmittel Essanfall.

Dazu möchte ich sagen, dass wir im Workshop niemanden die Essanfälle „wegnehmen“. Wir wissen, wie wichtig diese sind. Wir lernen zu verstehen, wieso diese Esssucht in unserem Leben ist . Wir nehmen Kontakt mit unserem Körper auf um zu spüren statt nur zu denken. Insbesondere Hunger, Sättigung und unsere Bedürfnisse. Und … wir essen gemeinsam. Das heißt, dass wir uns der Esssucht mit Respekt und Wertschätzung annähern und Veränderungen immer im Tempo der jeweiligen Teilnehmerin geschehen. Es gibt kein Messen, kein Wettrennen, kein besser oder schlechter. Jeder Weg ist individuell.

Zur Esssucht zu stehen bedeutet nicht, dass man überall herum erzählen soll, dass man davon betroffen ist. Nein. Es ist sehr wichtig, selektiv und achtsam auszuwählen, wem man sich anvertrauen kann, bei wem man sich öffnen möchte. Zur Esssucht zu stehen bedeutet aufzuhören mit dem Weglaufen und dem sich selbst belügen. Die Angst behutsam betrachten. Möglichst liebevoll darauf vertrauen, dass ein Schritt nach dem anderen kommen wird und nicht alle auf einmal.

Wenn man versteht, dass das Eingeständnis „Ich habe Esssucht“ nicht bedeutet von heute auf morgen alles im Leben umkrempeln zu müssen und von heute auf morgen die Essanfälle zu streichen, dann kommt der Mut vielleicht leichter zu uns. Auf dem Weg aus der Esssucht sind das Verstehen und Annehmen der Esssucht übrigens zwei sehr wichtige Schritte.

Ich würde mich sehr über online Rückmeldungen zu diesem Thema freuen! Diese sind übrigens auch anonym möglich! (eh klar, wer möchte schon seinen Namen unter einem Esssucht Artikel stehen haben)