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Selbsttest: Bin ich esssüchtig?!

vreboten_erlaubt-Längsformat_kleinSeit einiger Zeit schon gibt es auf der aivilo Seite den Selbsttest: Bin ich esssüchtig?

Der aivilo Test besteht aus 50 Fragen und wird Ihnen Klarheit verschaffen, ob Sie (bzw. eine Freundin oder Angehörige) unter Esssucht leiden.

Durch das wache Auge meines lieben Bruders Thomas Wollinger ist uns aufgefallen, dass durch eine Umgestaltung im Blog die Verlinkungen im Test ins Nichts führten, d.h. die Auswertungen waren nicht zu lesen. Dafür entschuldige ich mich.

Der Test sollte nun wieder korrekt funktionieren und somit vielen Menschen Klarheit bringen. Denn der erste – und vielleicht auch schwierigste – Schritt aus der Esssucht ist es, sich einzugestehen: Ja, ich habe Esssucht.

 

 

Binge Eating & Bulimie: Die Suche nach den Ursachen

Frauen, die unter Essanfällen leiden, stellen sich häufig die Frage: Wieso?!

Bei Esssucht geht es ums essen. Natürlich, denn in der Esssucht dreht sich alles – und damit meine ich wirklich alles –  um das „was darf ich essen“, „wann“, „wieviel“ und „werde ich davon dick“. Doch die Beschäftigung mit dem Essen und der Figur lenkt uns von dem ab, was da tiefer liegt. Doch was liegt denn da tiefer?

Es gibt ein paar Themen, die mir in der Begleitung von Frauen mit Esssucht immer wieder begegnen.

Fülle des Lebens

  • Mangel
    Mangel fühlt sich an, als wäre man ein Fass ohne Boden. Man kann einfüllen und einfüllen und trotzdem bleibt das Gefühl: Das ist zu wenig. Zu wenig Anerkennung, zu wenig Lob, zu wenig Liebe, zu wenig Glück, zu wenig Erfolg. Da hilft nur Essen, denn Essen füllt mich, Essen macht mich glücklich – leider nur kurze Zeit.
    Langfristig gilt dem Fass einen Boden zu geben.
    Ein Anfang wäre: Täglich vor dem Schlafen gehen, 5 Dinge überlegen, für die ich heute dankbar war.
    Wichtig weiters Psychotherapie und/oder Körpertherapie, es geht um die nachträgliche Nährung des Mangels, der Seele. Sehr wichtig dabei: Geduld. Der Mangel braucht Zeit und stetige Zuwendung.
    Manchmal geht es um ein neu bewerten der Vergangenheit: Habe ich wirklich so wenig bekommen, wie ich denke? Wenn ich tatsächlich so wenig bekommen habe, wie kann ich mir heute das was mir fehlt geben?
  • Scham
    Menschen mit toxischem Schamgefühl fühlen sich minderwertig und verachten sich selbst. Sie halten es nicht für möglich, dass sie irgendein Mensch genauso lieben könnte, wie sie sind. Komplimente anzunehmen ist fast unmöglich. „Die können doch nicht mich meinen, die irren sich!“
    Deshalb werden Masken ausgesetzt und man versucht so zu sein, wie man denkt, dass es „gut“ und „richtig“ wäre. Doch tief im inneren spüren diese Menschen sehr deutlich die Maskarade, den tiefen Selbsthass, die gespürte Unzulänglichkeit.
    Die Sucht hilft diese belastenden Gefühle auszuhalten.
    Doch das Problem dabei ist, dass die Sucht die Scham erhöht: Je öfters Essanfälle auftreten, desto größer wird die Scham, die Situation nicht im Griff und schon wieder versagt zu haben.
    Süchtige können sich nicht selbst lieben. Sie sind für sich selbst ein Gegenstand der Verachtung. Dies führt zu einer Verzerrung des Denkens. Sie denken, sie wären nur dann in Ordnung wenn … wenn sie gesünder essen würden, wenn sie erfolgreicher oder schlanker wären etc. Diese hohen Ziele sind jedoch nie erreichbar, wodurch die Scham noch größer wird. Ein Teufelskreis.
    Was tun? Das Zauberwort heißt: Selbstliebe. Doch wie kann man lieben was man so hasst? Es ist ein Weg der kleinen Schritte. Beginnen kann man indem man mal überlegt, was man an sich eigentlich mag. Viele Menschen müssen hier sehr lange nachdenken. Macht nichts! Nehmen Sie sich die Zeit. Beobachten Sie und suchen Sie solange bis sie etwas finden. Das schreiben Sie dann in ein schönes Büchlein. Und forschen und suchen weiter.
    Weiters gilt auch hier: Hilfe annehmen in Form von Psychotherapie und/oder Workshops.
  • Kontrolle
    Dieses Thema ist eng verbunden mit der Scham: Wenn ich das Gefühl habe, nicht zu genügen, dann kontrolliere ich mich damit ich werde, wie ich mich haben möchte: ich esse immer die perfekte Nahrung, immer bin immer gut drauf (nach außen), bin immer zu allen freundlich.
    Die Kontrolle funktioniert eine Weile sehr gut … dann kommt der Essanfall, der komplette Kontrollverlust. Sich immer und ständig zu kontrollieren kann nicht funktionieren, deswegen haben wir Essanfälle. So weh diese tun, sie erlauben uns komplett von allen Ansprüchen loszulassen, auch wenn es nur für kurze Zeit ist.
    Die Lösung liegt daran, uns anzunehmen wir wir sind. Wir kommen immer und immer wieder zum Thema „Selbstliebe“ zurück 🙂
  • Führe ich das Leben, das ich möchte?
    Dieses Thema ist ebenfalls eng verbunden mit Mangel und Scham. Denn wenn ich mich selbst hasse und immer spüre, das „alles“ zu wenig ist, wie will ich dann herausfinden, was ich möchte oder noch viel wichtiger: Wer bin ich eigentlich, hinter den Masken, hinter dem was andere von mir erwarten, hinter dem was ich so gerne sein würde? Wer bin ich?! Hier geht es um das, was innen drinnen ist, versus dem ewig nach außen gerichtetem. Es geht um die Frage:  Habe ich es verdient, ein glückliches Leben zu führen?
    Hilfreich ist auch hier wieder die Selbstbeobachtung: Bei welchen Aktivitäten, Themen werde ich hellwach? Wann werde ich tot müde? Kann ich beobachten, ob ich nach bestimmten Ereignissen (z.B. Treffen mit bestimmten Menschen, vor bestimmten Terminen) Essanfälle habe (ein gutes Zeichen dafür, dass an dem Ereignis etwas nicht stimmt und eine Änderung ansteht).
  • Angst
    Es macht weniger Angst sich „nur“ um Diäten Gedanken zu machen als sein Leben umzukrempeln. Das Leben mit Esssucht ist zwar nicht angenehm, aber wenigstens planbar: Ein paar Tage strenge Diät, dann ein Essanfall, dann der Selbsthass, dann wieder ein neuer Diätplan, wieder voller Elan einen neuen Diätplan ausarbeiten … Sich sein Leben ehrlich anzusehen kann Angst machen, denn das könnte bedeuten, dass man Änderungen vornehmen muss oder meint die Kontrolle zu verlieren. Kontrollverlust macht Angst. Diese Angst lähmt und ist manchmal schlimmer zu ertragen als die Grauslichkeit der Essanfälle.
  • Körper
    Der Körper ist Schauplatz der Esssucht. Auf dem wird alles ausgetragen. Er ist nie so, wie er sein sollte. Dies beobachte ich bei allen Klientinnen mit Esssucht, wirklich ganz egal ob die Frau Übergewichtig ist, normal gewichtig oder untergewichtig ist (wenn man sich hier nach dem Bodymaß Index BMI orientiert)
    Interessant ist auch, dass es sich die normal gewichtigen und schlanken Frauen meistens genau 5 Kilo abnehmen möchten.  Ich denke das ist weil dies ein Ziel ist, das erreichbar scheint aber doch schwerer zu erreichen ist als nur 2 Kilo. Also wie eine immer etwas zu hoch hängende Belohnung, wie wenn man sich den Erfolg nicht vergönnen könnte und immer etwas braucht, das einem stört, damit man da seine ganze Energie hineinlegen kann. (statt sie auf die Dinge zu lenken, die schmerzen können, siehe den Absatz über Angst)
    Letztendlich geht es darum zu akzeptieren, dass wir ab dem Zeitpunkt wo wir älter als 20 werden und dann v.a. wenn wir Richtung 30 und darüber gehen, eben nicht mehr den Körper einer 16 jährigen haben können.
    Wir müssen uns entscheiden: Akzeptieren wir die Makel oder wollen wir tatsächlich jeden Tag mehrere Stunden harten Sport machen und jeglichen Zucker weglassen? Eine androgyne Figur zu behalten hat ihren Preis, sind wir bereit den zu zahlen? Wenn nein, dann hilft kein raunzen, kein selbst hassen. Dann gilt es die Entscheidung zu akzeptieren und den Körper anzunehmen. Wissend, dass diesem Selbsthass auch eine verzerrte Wahrnehmung zugrunde liegt. Nein, keine Sorge, wenn Sie sich auf diesen Weg begeben, werden Sie nicht dick und fett werden. Ich z.B. habe heute 5-7 Kilo mehr als damals, wo ich mit der Esssucht begonnen hatte. Und fühle mich heute trotzdem schlanker und schöner als damals.
    Wie akzeptiert man seinen Körper, den man doch so hasst? Auch hier wieder der Weg der kleinen Schritte. Gibt es vielleicht ein kleines Detail, das Sie heute schon an sich mögen? Wenn nein, suchen Sie so lange, bis Sie etwas finden. Und hier kann das: „Oh, also das hier ist ja schon mal ganz OK“ beginnen.
    Zum Körper gehört auch Hunger / Sättigung wieder wahrnehmen und damit umgehen lernen.

Was kann aivilo bei diesen Themen für Sie tun?

Tja, was tut man nun mit dem Wissen um diese Themen?

Von Themen zu wissen schafft Bewusstsein, Erweiterung des Blickwinkels. Wenn man sich Themen bewusst wird, stößt man auch immer wieder – scheinbar zufällig – über entsprechende Angebote, Bücher, Seminare etc.

Bei aivilo gibt es unseren Workshops „Stopp den Esszwang“: Da lernen Sie Ihr Hunger / Sättigungsgefühl kennen und Ihren Körper spüren. Durch das „outen“ in der Gruppe nimmt die Scham ab, denn Sie spüren: Ich bin nicht alleine und andere nehmen mich trotz meines Makels an. Hilfreich ist auch zu sehen, dass Sie die anderen genauso wenig verurteilen. Der nächste Termin ist 16/17. Nov 2013

Dann gibt es die Einzelarbeit in der aivilo Praxis. Hier suchen wir gemeinsam den Zugang zu Ihren Körper. Wir geben Ihrem Körper Raum und Zeit seine Bedürfnisse auszudrücken.

Meine Esssucht Geschichte und meinen Ausweg daraus können Sie hier nachlesen: Online pdf zum bestellen

Im aivilo Blog finden Sie laufend Anregungen. Diesen Blog können Sie abonnieren, sodass Sie per Mail über aktuelle Postings informiert werden. Diese finden Sie auch auf Facebook, wenn Sie sich mit „aivilo – ankommen im Körper“ befreunden.

Wenn Sie nach Psychotherapie suchen: Ich arbeite seit Jahren erfolgreich mit der Psychotherapeutin Doris Nowak-Schuh zusammen, die ich wärmstens weiterempfehlen kann.

Impressionen Workshop 03/2013

Letztes Wochenende durften Claudia Knief und ich den Workshop „Stopp den Esszwang“ leiten. Danke an jede Teilnehmerin für euer da sein, für euer Vertrauen, für euer Öffnen, für Euer Feedback.

Hier ein paar Impressionen. Da wir Vertraulichkeit groß schreiben selbstverständlich ohne Abbildungen von Teilnehmerinnen. Den nächsten Workshop gibt es im November 2013.

 

Verzweiflung am Weg aus der Esssucht

Gestern erreichte mich folgender online Kommentar von Frau e. zum Artikel: Realismus am Weg aus der Esssucht

hallo,
ich bin gerade verzweifelt. seit 2 jahren bin ich nun schon auf dem wirklichen weg aus der esssucht (nachdem ich vorher schon 8 jahre darunter gelitten habe und meine versuche in der therapie darüber zu sprechen meist abgeblockt wurden). ich habe eine gruppentherapie (für essgestörte) von etwas über einem jahr und einen klinikaufenthalt in einer psychosomatischen klinik (nicht spezifisch für essgestörte) hinter mir. nach dem klinikaufenthalt ging es mir knapp drei monate sehr gut und dann noch ungefähr drei monate gut. ich hatte enrgie, fühlte mich wohl in meiner haut, aß normal und nahm dadurch tatsächlich auch etwas ab, ganz ohne diät, bis sich das zu viele essen wieder einschlich. wie lange dauert es denn noch bis es endlich vorbei ist und vor allem, müsste es nach dieser zeit nicht schon durchgestanden sein? habe das gefühl mich zurück anstatt nach vorne zu bewegen. essanfälle treten wieder vermehrt auf und ich esse fast jeden tag auch ohne ea zu viel :( bin von einer tiefenpsychologisch fundierten in eine verhaltenstherapie gewechselt, was auch deutlich besser ist und besuche eine selbsthilfegruppe für essgestörte. versuche wirklich alles was ich gelernt habe umzusetzen und trotzdem…hast du vielleicht noch irgendwelche tips? weiß einfach nicht wie es weiter gehen soll :(.

Hier meine Antwort dazu:

Liebe e.,

zunächst einmal schicke ich Dir ein paar tröstende Gedanken.
und noch ein paar.

Ja, manchmal ist das echt zu verzweifeln, wenn man etwas so hart will und das Gefühl hat nicht weiter zu kommen.

Hast Du schon folgende Artikel gelesen? Die könnten hier ganz gut passen:

Wenn sich nichts tut am Weg aus der Esssucht

Wozu sind Essanfälle da

Esssucht zu überwinden ist komplex weil in ihr die große Ambivalenz steckt:

Ich hasse sie so sehr
UND
ich brauche sie so sehr.

Deswegen ist das „einfache“ loslassen unmöglich. Wie in der Geschichte mit dem Balken im obigen Artikel: Wir müssen langsam lernen unsere Kräfte zu stärken.

Wir können das Wetter nicht ändern. Es wird immer wieder Phasen geben, in denen es stürmt und regnet, doch wir werden lernen damit anders umzugehen als mit essen. Aber das dauert.

Ich weiß, das waren jetzt noch keine konkreten Ratschläge, aber es ist so so so so so wichtig, diese Esssucht zu verstehen. Sie ist da, weil sie uns hilft mit der Komplexität des Lebens umzugehen. Es ist viel einfacher, auf „alles“ belastende mit Essen zu reagieren als mal mit Wut, mal mit Trauer, mal mit Angst, mal mit Unsicherheit, mal mit Müdigkeit, …. umzugehen. Es ist einfacher zu fressen als seine wahren Bedürnisse zu erkennen und zu denen zu stehen. Es ist einfacher zu fressen als kleine oder große Änderungen im Leben zu vollziehen.

Wir bewegen uns meiner Meinung nach übrigens niemals zurück. Wir haben einfach ein Muster (in dem Fall Esssucht) und es gibt kürzere oder längere Phasen, in denen wir neu agieren und dann greifen wir wieder auf unser Muster zurück. Also kein Rückschritt sonder einfach sein Muster haben solange bist es nicht mehr notwendig ist.

Tja, die Dauer…. Also ich erinnere mich, dass ich  3 Jahre voll in der Esssucht gesteckt bin (davor ein paar Jahre latent), bis ich draufgekommen bin, was ich habe. Ich habe danach begonnen an mir zu arbeiten.

Ab dem Zeitpunkt hat es 4 Jahre gebraucht bis zum letzten Essanfall und … das ist wichtig: danach noch mal gut 4-5 Jahre bis ich meine Identität vollkommen jenseits der Esssucht gefunden hatte. (das heißt nur weil kein Essanfall da ist heißt das noch nicht, dass die Esssucht ganz weg ist)

Relativ gut leben mit der Sucht konnte ich leben nach ca. 2 Jahren nach dem Zeitpunkt der Entdeckung. Damit meine ich, dass es zwar nicht lustig war, aber nicht mehr so bedrohlich, mit von hinten attakierend.

Und das ist extrem wichtig am Weg aus der Sucht: Die Sucht ist da, und ich tue alles damit es mir besser geht, aber ich kann momentan damit leben wie sie ist. Also nocheinmal: Es geht um Akzeptanz der Sucht UND GLEICHZEITIG darum, sich zu heilen. Klingt wie ein Widerspruch, ist aber keiner. Man braucht auch keine Angst zu haben, dass man stehen bleibt am Weg, nur weil man seine Essanfälle akzeptiert. Genau das Gegenteil passiert. Mit der Akzeptanz sinkt der Druck und dadurch steigt die Kraft die man hat um sich zu heilen.

Es ist extrem wichtig, sich für die Sucht zu entscheiden, statt gegen sie zu kämpfen UND trotzdem an sich zu arbeiten und weiter am Weg zu bleiben und sich zu heilen. Zu verstehen, zu fühlen was das heißt ist sehr sehr schwierig, aber auch sehr sehr wichtig.

Ich versuche es nochmal in anderen Worten: Es geht darum, dass ich von den Essanfall nicht von hinten befallen werde. Nicht jedes Mal von neuem überrascht werde. Das kostet so viel Kraft! Sondern sage: OK, Essanfall. Ich mag Dich zwar gar nicht habe, aber ich weiß, dass ich Dich brauche, also habe ich Dich eben. Ich weiß, dass Du mich noch länger begleiten wirst. Also rechne ich mal damit, dass Du wieder kommen wirst, solange bis ich Dich nicht mehr brauche. Momentan kommst du offensichtlich so und so oft pro Woche, OK, damit rechne ich mal. Das macht mich zwar nicht froh, aber ich versuche Dich in Liebe anzunehmen.

Es geht darum, ehrlich zu sich zu sein und liebevoll. Statt sich immer noch eins drauf zu hauen, mit sich zu schimpfen weil man „es noch immer nicht kapiert hat“. Esssucht verlangt danach zu lernen, freundlicher mit sich umzugehen. Es ist ein Schrei der Seele.

In Begleitung bist Du ja schon, das ist sehr gut. Sehr gut auch, dass Du darauf achtest, dass Dich die Therapie weiter bringt. Man kann niemals „alles“ gelernte umsetzen. Man setzt das um, was gerade passt. Das reicht! Wenn unsere Workshop Teilnehmerinnen 5% vom gelernten mitnehmen, sind wir schon hoch zufrieden! Es geht also auch hier wieder um innere Einstellung, nämlich Perfektionismus zu reduzieren.

Interessant sind weiters körperorientierte Dinge iSv Körpertherapie, weil es bei der Esssucht um den Körper geht. Da gibt es ein breites Angebot. Wichtig ist es, dass es jemand ist, der Deine Grenzen wahrt. Denn gerade bei Esssucht geht es stark darum wieder Vertrauen in den Körper zu finden und das dauert.

Die große Klammer über allem drüber ist die Selbstliebe. Je mehr Selbstliebe desto weniger Esssucht.

Ich hätte Dir jetzt wirklich gerne ein 10 Punkte Programm präsentiert, doch leider gibt es das nicht.

Vielleicht brauchst Du einfach mal nur eine Pause vom ständigen an Dir arbeiten. Das ist nämlich auch wichtig, von Zeit zu Zeit. Diese Phase muss nicht lange brauchen, vielleicht 2-4 Wochen, ganz bewusst auf alles pfeifen, ganz bewusst mal raunzen dürfen, ganz bewusst mal kein Selbsthilfebuch lesen und dann danach weitermachen mit neuer Kraft.

Vielleicht hier der wichtigste Rat: Sei lieb zu Dir, denn Du stehst Dir am nächsten und Du brauchst Dich in der Krise am aller meisten.

Ich hoffe, Dir damit ein wenig weitergeholfen zu haben.

Liebe Grüße.

Olivia

 

nur bei Hunger Essen und gleichzeitig Essanfall zulassen!?

Letztens eierreichte mich folgende E-Mail Anfrage zum Thema: Widerspruch zwischen „nur Essen wenn man hungrig ist“ und „Essanfälle zulassen“

Liebe Frau Wollinger,
ich habe vor zwei Tagen Ihr E-Book bekommen und sofort begonnen zu lesen 😉 Jetzt habe ich auch schon eine Frage: In Ihrem Buch steht immer wieder, dass man nur essen soll, wenn man Hunger hat.
Gleichzeitig geben Sie den Tipp, dass man seine Essanfälle akzeptieren soll. Ich bin ein bisschen verwirrt, weil sich das für mich gegenseitig ausschließt. Sollte ich versuchen, solange durchzuhalten, bis mein Magen wirklich knurrt oder dem Essensdrang immer nachgeben, auch wenn ich keinen Hunger habe? Und auch wenn ich am Tag schon zu viel gegessen habe?
Liebe Grüße!
L. (vollständiger Name ist mir bekannt)

Liebe L.,

vielen Dank für Ihre interessante Frage! Die Antwort ist komplex (so wie die Esssucht eben ist 😉 ) , daher möchte ich auf mehreren Ebenen antworten:

1.) Wie ist (physischer) Hunger spürbar?

Hunger ist nicht immer mit Magenknurren gleichzusetzen. Hunger kann auf viele unterschiedliche Weisen erkannt werden. Fragen Sie mal in Ihrem Umfeld nach, wie Ihre Freundinnen Hunger empfinden und Sie werden überrascht sein über die Vielfältigkeit der Antworten.
Wenn man an Esssucht leidet braucht es Zeit und Übung, den eigenen Hunger (wieder) kennenzulernen und spüren zu können. Denn genau dieser Hunger nach Nahrung ist es ja, den man in der Esssucht am liebsten negieren möchte. Die Gleichung einer Esssüchtigen könnte lauten: „Hunger = ich muss essen = HILFE dann nehme ich zu = also spüre ich Hunger am liebsten gar nicht“ sowie „Sättigung = ich darf nicht mehr essen = HILFE ich will doch so gerne unendlich essen = also spüre ich Sättigung gar nicht“. Diese Gleichungen machen es so schwierig, Hunger bzw. Sättigung wahrzunehmen.

Um den eigenen Hunger kennenzulernen ist es hilfreich, die in der Publikation beschriebene Hunger / Sättigungsskala zur Hilfe zu nehmen. Je nach körperlichen oder psychischen Anzeichen teilt man den Hunger ein in leichten Hunger (Hungerskala 1) oder sehr starken Hunger (Hungerskala 10).

Essen sollte man bei +/- 5, also genau in der Mitte.

Anzeichen für Hunger könnte sein: leichter Kopfschmerz, plötzliche Müdigkeit, Konzentrationsmangel, plötzliches Umschlagen der Stimmung, Agressivität, Magenknurren, Zittrigkeit, Fahrigkeit, Ungeduld, leichtes Ziehen im Hals.
Wo man auf der Hunger/Sättigungsskala steht lernt man am besten, indem man sich immer wieder mit sich selbst im Laufe des Tages an mehreren Tagen vergleicht. Hunger ist ausschließlich ein subjektives Empfinden.

2.) I-S-S wenn Du hungrig bist versus N-U-R Essen wenn Du hungrig bist

Magenknurren ist meist schon bei Hungerskala 10 einzustufen. Das heißt es gilt zu lernen zu essen nicht erst wenn man komplett ausgehungert ist sondern schon davor.

Dabei geht es um das sich erlauben.

Die Betonung des Satzes am Weg aus der Esssucht liegt also vor allem in der Betonung des „iss“, also I-S-S wenn Du hungrig bist (und nicht erst wenn Du vor Hunger halb kollabierst). Denn bei extremen Hunger ist es fast unmöglich die feinen Zeichen des Körpers zu spüren (z.B. Sättigung) bzw. das Essen geduldig zu essen, sich schön herzurichten (siehe online Publikation) , da der ganze Organismus auf „Essen und zwar JETZT und SCHNELL gepolt ist.

Den Satz kann man auch lesen mit der Betonung auf „nur“. Also „iss N-U-R wenn du Hungrig bist“. Dies empfehle ich in der Esssucht in den guten Phasen, denn in Esssucht-Phasen ist dies schwer durchzuführen, weil der Hunger der Seele einfach riesig ist. Nur zu Essen bei Hunger braucht Disziplin. Langfristig ist das das Ziel, denn wenn man nur isst wenn man hungrig ist und aufhört wenn man satt ist, wird das Gewicht gehalten.
Aber in der Esssucht geht es zunächst um etwas anderes, nämlich um das zulassen statt zählen und kontrollieren. Das „iss NUR wenn du hungrig bist“ empfehle ich meist erst, wenn der Weg aus der Esssucht schon ein Stück vorangeschritten wurde.

3.) Essanfälle akzeptieren

Wenn der Essanfall (bzw. das ständige „grasen“ bzw. ein „ich kann nicht mehr aufhören zu essen“) einmal da ist, sind wir auf einer anderen Ebene. Hier geht es nicht mehr um den PHYSISCHEN Hunger sondern um den PSYCHISCHEN. Hier hungert die Seele. Beim Hunger der Seele geht es nicht mehr um Hunger oder Sättigung des Körpers. Es geht darum, dass da irgendeine Leere ist, vielleicht tiefe Traurigkeit, Einsamkeit, Sehnsucht, Unsicherheit, Angst. Wenn man Esssucht hat, dann wird dieses Loch mit Essen gestopft. Dies gilt es zu akzeptieren. Wenn man dagegen ankämpft, kämpft man gegen sich statt für sich.

Am Weg aus der Esssucht gilt es zu lernen, welche Bedürfnisse die Seele hat und ihr das immer mehr zu geben. Denn dann braucht es die Esssucht nicht mehr. Weiters geht es um das adäquate ausleben von Gefühlen. Dieser Weg braucht Zeit und Geduld (ich weiß, das hört keine Esssüchtige gerne, aber so ist es nun mal)

 4.) Unterscheiden zwischen physischen und psychischen Hunger

Das heißt es gilt zu unterschieden zwischen physischen und psychischen Hunger. Wenn es Ihnen gut geht, dann machen Sie die Summer/Zuwinker Übung und die Hunger/Sättigungsskala Übung, sowie hinsetzen und Essen schön anrichten, wie in der Online Publikation beschrieben. Versuchen Sie zu erkennen, wann Ihr Körper genug hat und wann die Seele beginnt zu essen. (das ist z.B. wenn Ihre Gedanken nicht mehr an Essen interessiert sind und Sie nichts mehr schmecken können)

Wenn es Ihnen nicht gut geht, also wenn die Seele schreit, dann seien Sie vor allem liebevoll zu sich und zwingen Sie sich nicht zu den Übungen, denn sie werden an diesen Tagen nur schwer gelingen, wenn überhaupt.

Insofern ist das Akzeptieren des Essanfalls und das Essen nur bei Hunger kein Widerspruch. Beides findet in unterschiedlichen Phasen innerhalb derselben Esssucht statt.

Es geht darum zu erkennen, dass das Essen Teil des Symptoms ist. Diese Ebene muss angesehen werden aber immer nur parallel zu den seelischen Faktoren.

Die Esssucht zu verstehen braucht seine Zeit. Dies ist natürlich, denn wer mag schon etwas verstehen, was man nicht haben möchte. Doch je eher man im Herzen versteht, dass die Esssucht da ist, weil man sie braucht, desto eher darf Heilung geschehen.

Online Kommentare sind willkommen!
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Infos zur Online-Publikation finden Sie hier.

 

Wenn sich „nichts“ tut am Weg aus der Esssucht

Woran lässt sich festmachen, dass Sie gut am Weg aus der Esssucht sind? Welche Indikatoren gibt es? Ist es „nur“ der Essanfall, der als Kriterum für den Ausstieg aus der Esssucht hergenommen werden kann oder gibt es doch noch andere?

In meine Praxis kommen immer wieder Frauen mit Esssucht (Bulimie und/oder Binge Eating), die mir erzählen, das sie schon soooooo viel gemacht hätten und das hätte alles „nichts“ gebracht. Da frage ich dann meistens nach, was heißt denn „nichts“? Die Antwort ist meistens: Die Essanfälle sind noch da!!! Aha! Da liegt der Wurm!

Es ist sehr sehr wichtig zu wissen, dass die Tatsache ob Essanfälle da sind oder nicht kein geeigneter Indikator dafür ist, ob der Weg aus der Esssucht erfolgreich beschritten wird. Denn: Die Essanfälle werden solange bleiben, bis sie von uns nicht mehr gebraucht werden. Das heißt, es ist gut damit zu rechnen, das sie uns noch eine Weile begleiten werden und das ist gut so, denn sie erfüllen einen wichtigen Zweck in unserem Leben. (auch wenn wir das nur ungerne anerkennen möchten)

Wie kann also man dann „messen“, ob sich etwas getan hat? Es vor allem folgende Indikatoren:

Qualität der Essanfälle

Fragen Sie sich z.B.: Hat sich die Qualität meiner Essanfälle verändert im Vergleich zu vor 1 bis 2 bzw. 5 Jahren?  Schauen Sie genau hin! Essen Sie vielleicht weniger unappetitlich als damals? Essen Sie weniger verschiedene Speisen durcheinander? Sind es vielleicht „nur“ noch von einer Speise die doppelte Menge? Wechseln Sie noch immer wie wild zwischen süß und salzig hin und her? Brechen Sie seltener? Hat sich die Größe der Essanfälle vielleicht verändert? Also reichen vielleicht 100g Schokolade statt 500g? Prüfen Sie genau! Wie ist es jetzt, wie war es damals? Ist der Essanfall vielleicht weniger dringlich als damals, also wäre es nicht so schlimm, wenn Sie noch eine halbe Stunde länger warten müssten? Wenn sich hier Veränderungen ergeben haben, können Sie das als Erfolg werten! Nicht die Tatsache, dass der Essanfall noch da ist sondern die Veränderung der Qualität zählt.

Veränderungen im (Alltags-)Leben

Weiters betrachten Sie Ihr Leben und vergleichen Sie:  Kann ich öfters anders / besser umgehen mit schwierigen Situationen in meinen Leben als vor 1 bis 2 bzw. 5 Jahren? Hat sich in meiner Lebenssituation etwas verbessert im Vergleich zu vor 1 bis 2 bzw. 5 Jahren? Denken Sie beim prüfen der Veränderungen so klein wie möglich, also werten Sie nicht nur große Dinge wie Jobwechsel, Wohnungswechsel oder ähnliches. Unser Alltag ist eine Summe aus Banalitäten, aus kleinen Dingen und Gesten. Können Sie z.B. ab und zu nein sagen, wo es früher noch ein ja war? Achten Sie ein bisschen mehr auf Ihre Bedürfnisse als früher? Können Sie ab und zu so sein, wie Sie sind ohne sich zu genieren? Trauen Sie sich Dinge, die sie sich vor ein paar Jahren noch nicht getraut hätten? Wenn sich hier Änderungen ergeben haben, ist das als Erfolg zu werten!

Ich bin mir fast sicher, dass Sie bei genauer Prüfung wie oben beschrieben Änderungen feststellen werden. Vielleicht nicht die Änderungen, die Sie sich wünschen (z.B. keinen Essanfall sein, „immer“ glücklich und froh sein und sich „immer“ rank und schlank fühlen) dafür aber ganz viele andere Dinge.

Und sollte sich tatsächlich und wirklich rein überhaupt gar nichts getan haben, so ist eine Änderung Ihrer Strategie zu empfehlen oder vielleicht braucht es andere Professionisten für Ihre Begleitung. Sprechen Sie mit Ihrer/Ihrem Therapeuten/in darüber!