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Tipps für Angehörige von Esssüchtigen

Wenn Sie herausfinden, dass jemand in Ihrem engsten Umfeld unter Esssucht leidet, wie verhalte Sie sich dann am besten?

Zunächst ist zu sagen, dass diese Situation sehr herausfordernd und mitunter überfordernd ist. Je enger man mit der betroffenen Person familiär verstrickt ist, desto schwieriger wird es.

Hier einige Tipps:

Informieren Sie sich über Esssucht.

Gründlich und umfassend. Sie müssen wissen, womit Sie es zu tun haben! Hier ein paar Empfehlungen:
Buchtipp: „Iss doch endlich normal“ von Bärbel Wardetzki
aivilo Blogartikel „Wann kippt ein Diättick in Esssucht“ und „Wege aus dem Teufelskreis Esssucht“. Sehr wichtig zu wissen ist, woran man einen „Erfolg“ am Weg aus der Esssucht erkennt, dazu habe ich folgenden Blogartikel verfasst: „Wenn sich nichts tut am Weg aus der Esssucht

Schrauben Sie Ihren Perfektionismus herunter.

Erwarten Sie nicht von sich, dass Sie höchst professionell agieren. Wenn Sie eng mit der betroffenen Person verbunden sind (z.B. als Partner oder Elternteil) spielen Emotionen eine natürliche Rolle. Schließlich möchte man, dass es den engsten Bezugspersonen gut geht! Erlauben Sie sich menschlich zu sein. Dies schließt ein, dass man eben manchmal Angst hat, agressiv wird, ratlos und verzweifelt ist. Das ist völlig normal und darf sein! Lernen Sie Ihre Gefühle authentisch auszudrücken. Zeigen Sie Ihren Ärger, Ihre Hilflosigkeit aber auch Ihre Sorge und Liebe.

Holen Sie sich Hilfe! Holen Sie sich Hilfe! Holen Sie sich Hilfe!

Diese Empfehlung kann gar nicht oft genug wiederholt werden. Hilfe vor allem in Form einer therapeutischen Unterstützung. Auch wenn Familie oder Partner nicht die alleinige Ursache der Esssucht sind, so sind sie doch eng im System miteinander verstrickt. Oft sind auch Schuldzuweisungen die Regel. Dies kostet viel Kraft und gilt es aufzulösen damit die Tochter / die Partnerin bestmöglich am Weg begleitet werden kann. Hilfe zu holen ist in jedem Fall wichtig aber besonders dann, wenn Ihre Tochter / Partnerin die Therapie verweigert.
Sehr empfehlenswert ist auch der Zusammenschluss mit anderen Eltern / Partnern z.B. in einer Selbsthilfegruppe um zu spüren: Ich bin nicht alleine.
Übrigens: Wenn Sie merken, dass es für Sie schwierig ist Hilfe anzunehmen, können Sie sich vorstellen wie ebenfalls sehr schwierig das für Ihre Tochter / Partnerin ist.

Beschäftigen Sie sich mit dem Thema „Co-Abhängigkeit“.

Co-Abhängigkeit bedeutet das eigene Tun von anderen abhängig zu machen. Diese vorrangige Beschäftigung mit einem anderen Menschen kann ebenfalls süchtigen Charakter annehmen. Dann kann der/die Co-Abhängige nicht mehr damit aufhören, der Süchtigen zu helfen, selbst auf Kosten des eigenen Wohlbefindens.Dazu finden Sie ebenfalls im obrigen im Buchtipp „Iss doch endlich normal“ von Bärbel Wardetzki viele hilfreiche Informationen.

Stellen Sie sich Ihren Schuldgefühlen.

Es ist wichtig, dass Sie sich nicht für alles verantwortlich fühlen. Insbesondere bei einer Mutter-Tochter Konstellation sehr herausfordernd. Es gilt Fehler mutig einzugestehen und trotzdem zu verstehen, dass die Essstörung aufgrund von vielen Faktoren passiert, nicht nur aufgrund von Fehlern von Familie oder Partnern. Nichts desto trotz wird es mit Sicherheit Themen geben, die in der Familie gelöst gehören. Hier ist es wichtig zu hinterfragen, welche Funktion die Esssucht in der Familie übernimmt.

Therapie wirkt nur dann, wenn sich Betroffene dazu freiwillig entschließen.

Bieten Sie Ihre Hilfe an in dem Bewusstsein, dass die betroffene Person selbst den ersten Schritt gehen muss. Gerade bei nahen Angehörigen ist das eine schwierige Übung! Doch der Weg aus der Esssucht beginnt erst dann, wenn die betroffene Person beginnt Verantwortung für sich zu übernehmen.

Vermeiden Sie Kontrolle.

Kontrolle stärkt den Widerstand. Wenn Ihre Tochter / Partnerin in Therapie ist, können Sie die Sorge um Gewicht, Essen und Erbrechen getrost beim Experten/Expertin lassen. Es ist wichtig die betroffene Person wieder als ganze Person wahrzunehmen, mit all den Gefühlen, Eigenschaften etc. also nicht nur als Person mit fehlerhaftem Essverhalten.

Das Symptom als Symptom erkennen.

Es ist sehr wichtig zu wissen, dass Esssüchtige wörtlich stundenlang über Essen / nicht Essen reden können. Das ist Teil des Symptoms. Versuchen Sie sich auf keine Diskussionen über Gewicht oder Essen einzulassen. Dies gelingt leichter, wenn diese Themen zum/zur Therapeuten/in ausgelagert werden können.

Grenzen respektieren.

Respektieren Sie die Grenzen Ihrer Tochter / Partnerin. Widerstehen Sie dem Drang des Nachspionierens und Ausfragens. Wahren Sie aber genauso auch Ihre eigenen Grenzen! Das muss mitunter erst gelernt werden.

Vermeiden Sie „Killerphrasen“.

Vermeiden Sie Sätze wie: „Iss doch endlich normal“ oder „weißt Du eigentlich was Du mir antust“. Damit verstärkt sich nur das schon vorhandene Schuldbewusstsein der Betroffenen, aber es bessert nichts. Wenn Ihnen doch solche oder ähnliche Sätze herausrutschen: Verzeihen Sie sich! Wie gesagt: Wir sind alle nur Menschen und in Zeiten höchter Emotionalität ist es wirklich schwer ruhig und gelassen zu bleiben.

Stärken Sie Ihren eigenen Selbstwert.

Es ist wichtig, dass Sie ihren eigenen Selbstwert nicht zu stark vom Verhalten Ihrer Tochter / Partnerin abhängig machen, sondern eigene Wege finden um sich zu bestätigen, etwas wert zu sein.

Tun Sie (wieder) Dinge, die Ihnen Freude machen.

Wichtig ist, dass Sie lernen, nicht den Großteil Ihres Lebens um die Esssucht Ihrer Tochter / Partnerin aufzubauen. Tun Sie Dinge, die Ihnen Freude machen! Dies entlastet langfristig Ihre Tochter / Partnerin. Schaffen Sie sich Entspannungsoasen, z.B. beim Shiatsu 

Geben Sie sich Zeit.

Es ist wichtig zu wissen, dass der Ausstieg aus der Esssucht mitunter Jahre dauert. Diese Erkenntnis tut weh aber es ist wichtig sich der Realität zu stellen und den Zeitdruck herauszunehmen.

Bei Gefahr muss gehandelt werden.

Wenn Gefahr besteht, müssen Sie autoritär handeln. Insbesondere bei lebensgefährlich untergewichtigen Mädchen und Frauen ist eine Zwangsernährung unumgänglich.

 

 

Iss doch endlich mal normal!

Iß doch endlich mal normal!: Hilfen für Angehörige von essgestörten Mädchen und Frauen

von Bärbel Wardetzki.

Ich empfehle dieses Buch sowohl Angehörigen als auch Esssüchtigen selbst. Das Buch hilft die Muster der Esssucht und die Einbettung in Familiensysteme und Umwelt zu verstehen… und damit letztendlich die Angehörige bzw. sich selbst.

Das Buch zeigt auf, dass niemand alleinig die Schuld trägt. Dies hilft einerseits Eltern/Partnern mit der eigenen Schuldfrage umzugehen. Andererseits hilft dies den esssüchtigen Frauen und Mädchen etwaige allzu rasche Schuldzuweisen zu hinterfragen und die „andere“ Seite, nämlich jener der engsten Bezugspersonen, zu verstehen.

Das Buch geht auf typische Konflikte ein (z.B. „Terror machen“) ein, sodass sich Eltern /Partner nicht mehr so alleine mit ihren Problemen fühlen. Dazu gibt es konkrete Handlungsschritte. Jedoch wird deutlich aufgezeigt, dass die Lösung keine rasche und einfache ist sondern ihre Zeit braucht. Das Buch hält dazu an, eigene Muster zu hinterfragen und zu überdenken. An der Esssucht der Tochter oder Partnerin zu reifen und zu wachen um letztendlich gemeinsam eine neue Art der Beziehung zu definieren.

Nachfolgend ein paar für mich spannende Einsichten bzw. Textpassagen aus dem Buch:

Suchterkrankungen gehören zu jenen Herausforderungen, die wir nicht mit noch mehr Anstrengung und Bemühen sinnvoll beantworten können, sondern durch Innehalten. So wie sich die Betroffenen im ersten Genesungsschritt ihre Machtlosigkeite gegenüber ihrer Sucht eingestehen müssen, so müssen die Angehörigen ihre Grenzen in Bezug auf die essgestörte Tochter oder Partnerin akzeptieren.

Jede Partei hat ihre Triumpfe in der Hand, die zur entsprechenden Zeit ausgespielt werden. Eltern und Töchter wissen genau, wo der wunde Punkt der Gegenseite ist und wo sie sie treffen können. Eine der stärksten „Waffen“ ist die Androhung des Suizids.

Zur Schuldfrage: Wenn Fehler passiert sind ist das Ziel ist nicht Anklage und Verurteilung, sondern Lernen aus Fehlern und verzeihen frühere Verfehlungen. Je kritischer das Gewissen umso starrer ist jemand. Wardetzki unterscheidet zwischen neurotischem Schuldgefühl (dient eher der Fixierung auf das Problem) und dem Schuldbewusstsein (das hilft Probleme zu lösen). Es braucht Mut Schuld anzunehmen.

Eltern sind auch nur Menschen und alle Menschen machen Fehler. Sie begehen ihre Fehler in der Regeln nicht absichtlich oder vorsätzlich sondern aus ihrer eigenen Lebensgeschichte heraus. Es gilt zu unterscheiden zwischen Selbstanklagen und wirklichen Fehlern.

Das Bedingungsgefüge für die Entstehung der Esssucht ist sehr komplex und sowohl von individuellen Faktoren der Tochter als auch von familiären, kulturellen und gesellschaftlichen Normen abhängig. Die Mutter ist dabei lediglich ein Teil dieses Gefüges und trägt ihren Anteil dazu bei, kann jedoch nie als alleinige Schuldige hingestellt werden.

Die Genesung der Tochter (Partnerin) darf nicht mit dem Selbstwertgefühl der Eltern (Partner) verknüpft werden. Nach dem Motto „Nur wenn du gesund wirst, geht es mir wieder gut“.

Das Wesentliche am Loslassen scheint zu sein, dass die Angehörigen lernen, sich um sich selbst zu kümmern und die Tochter/Partnerin nicht mehr zum Mittelpunkt Ihre Denkens, Handelns und Fühlens zu machen. Viele glauben, ihre Tochter/Partnerin zu verraten und fallen zu lassen, wenn sie für sich selbst Verantwortung übernehmen. Sie übersehen dabei, dass die Tochter/Partnerin entlastet wird, wenn die Angehörigen Verantwortung für sich übernehmen und sie lernen muss, sie für sich selbst zu entwickeln. Erst dann ist Genesung möglich.

Wardetzki zeigt auf, dass die Stufen, die Angehörige in der Auseinandersetzung durchlaufen ähnlich jener von Kübler-Ross sind: Phase der Verleugnung, Phase der Wut und des Selbstmitleids, Phase des Verhandelns, Phase der Depression, Phase des Akzeptierens.
(…) Das Akzeptieren der Situation bedeutet nicht Resignation, sondern den Entschluss, mit dem Problem zu leben und aktiv damit umzugehen. Die Kräfte, die bisher im Kampf gegen die Situation zur Leugnung, Wut, Verhandlung und Depression eingebunden waren, sind nun frei für das Leben mit selbstbestimmter Gestaltung dessen was ist.