Kategorie-Archiv: Essstörung

Frage zum Buch: Die Lust auf süß kommt zwischen den Mahlzeiten

Frau S. frägt:

In Buch heißt es man darf sich absolut kein Lebensmittel verbieten. Wenn man Hunger hat darf man essen was man will. So lange bis man satt ist. Das mache ich auch. Aber wenn ich richtig Hunger habe will ich was richtiges essen. Die Lust auf süß kommt zwischen den Mahlzeiten. (Wenn ich nicht hungrig bin)
Wie gehe ich damit um?

Olivia Wollinger:

da Sie mir diese Fragen stellen, nehme ich an, dass diese Lust auf süß zwischen den Mahlzeiten für Sie ein Problem darstellt? Könnten Sie mir beschreiben, was genau für Sie problematisch ist? Also führt das Naschen zwischen den Mahlzeiten beispielsweise zu Essanfällen? Ist es eine Art Dauer Grasen zwischen den Mahlzeiten? Geht das naschen am Nachmittag nahtlos ins Abendessen über, sodass Sie keinen Hunger mehr wahrnehmen können? Ist zu viel Naschen problematisch wegen Übergewicht oder Diabetes etc.
Wenn ich mehr Infos habe, kann ich konkreter Antworten und weiß dann auch, wo genau das Problem liegt. Denn an sich beschreiben Sie ein gesundes Essverhalten, nämlich essen bei Hunger, aufhören bei Sättigung und ab und zu dazwischen bewusst Genussmittel genießen.

Frau S.:

Erstmal vielen Dank für Ihre Antwort 🙂 ich habe mich sehr gefreut als ich gesehen habe, dass man Ihnen sogar persönlich Fragen stellen kann. Nur wusste ich nicht genau wie deswegen habe ich es als Kommentar verfasst und mich kurz gehalten.
Ich bin sehr begeistert von Ihrem Buch. Ich bin guter Dinge mich endlich von meiner Esssucht zu befreien 🙂
Nun meine Anfrage etwas detaillierter.
Dank Ihrem Buch habe ich nun gelernt auf meinen Hunger zu hören mich während den Mahlzeiten bewusst hinzusetzen und mich auf das Essen zu konzentrieren. Das mit dem Sättigungsgefühl spüren fällt mir noch etwas schwer aber klappt eigentlich ganz gut 🙂
Nun esse ich wie gesagt als Hauptmahlzeiten nichts süßes weil ich wenn ich Hunger habe mehr Lust auf deftiges habe. Aber nachdem ich meinen Hunger gestillt habe und eigentlich auch die komplette Zeit zwischen den Mahlzeiten könnte ich die ganze Zeit Süßigkeiten essen. Oft fange ich dann an zu Grasen was dann in einem Essanfall endet. Was sich schon gebessert hat ist die Qualität der Essanfälle denn ich setze mich dabei bewusst hin und konzentriere mich auf das Essen (sonst habe ich dabei immer Fern geschaut oder im Auto >gefressen<)
Wenn ich mir verbiete zu essen wenn ich keinen Hunger habe ist es dann nicht wieder eine Regel die Diätmentalität hervorruft ?
Leider fällt es mir wahnsinnig schwer meine Gefühle zu spüren ( ich fühle einfach nichts außer: ich muss jetzt Süßkram essen. So viel wie möglich, so schnell wie möglich) deswegen weiß ich nicht wofür ich das Essen benutze und was ich eigentlich stattdessen brauche.
Ich hoffe Sie können mir ein wenig weiterhelfen.

Olivia Wollinger:

das freut mich, dass Sie begeistert sind vom Buch. Vielleicht haben Sie ja mal Lust, eine Rezension zu schreiben, z.B. auf Amazon, dafür wäre ich sehr dankbar.
Jetzt verstehe ich besser, was Sie meinen 🙂
Ihr Süßappetit klingt sehr nach emotionalem Hunger und zwar deswegen, weil vor allem um so viel und so schnell wie möglich geht. Auch der Hinweis, dass Sie zwischen den Mahlzeiten die ganze Zeit süß essen könnten, weist darauf hin.
Sie fragen: „Wenn ich mir verbiete zu essen wenn ich keinen Hunger habe ist es dann nicht wieder eine Regel die Diätmentalität hervorruft?“
So wie Sie Ihr Essen von Süßigkeiten beschreiben, klingt es nach Zuwinkern. Es klingt außerdem nicht wirklich nach Genuss, also danach, dass Sie das Süße Zwischendurch zelebrieren, oder?
Es geht darum einen Weg zu finden, mit all dem Nahrungsüberfluss umzugehen und einer davon ist es, klar zwischen physischem und emotionalem Hunger zu unterscheiden. Wenn Sie dazuwischen Schokolade etc. möchten geht es darum, eine Balance zu finden. Wir müssen nicht allen Zuwinkern entsagen, aber es geht darum, sich bewusst dafür zu entscheiden, sie zu genießen (deswegen heißen sie ja auch Genussmittel) statt sie nebenbei einzusaugen.
Und es geht auch darum, manchmal bewusst „nein“ zu sagen und dann die damit einhergehenden Gefühle zu ertragen.
Diätmentalität ist für mich, dass es prinzipiell Erlaubtes und Verbotenes gibt. Hier geht es allerdings darum, jedes Mal neu zu entscheiden und Ihren Körper mit einzubeziehen.
Wenn der emotionale Hunger noch sehr groß ist, werden Süßigkeiten überwiegend benutzt um ihn zu stillen. Da geht es dann nur selten, dass man genüsslich ein Stück oder eine Rippe Schoko lutscht und genießt, ein kleines Stückchen Kuchen etc. sondern das Verlangen nach „mehr, mehr, mehr“ bricht hervor und dann werden es eine oder mehrere Tafeln Schoko, riesen Tortenstücke etc. Und das macht dann keine wahre Freude mehr, finde ich.
Wenn Sie es bereits schaffen, auf Ihren Hunger zu hören, sich hinzusetzen und bewusst zu essen, ist bereits eine Menge geschafft. Ich hoffe, dass Sie sich dafür bereits ausgiebigst gelobt haben. Falls nicht bitte unbedingt nachholen, denn das ist wirklich eine Menge 🙂 Das sich die Qualität Ihrer Essanfälle bereits gebessert hat ist auch ein sehr gutes Zeichen (noch mehr Selbstlob bitte 🙂 🙂 )
Sie schreiben, dass Sie sich schwer tun im Gefühle spüren. Ja, das ist auch schwer, wenn man das nicht geübt ist. Vielleicht wäre das ein guter Zeitpunkt, Hilfe in Anspruch zu nehmen, in Form von Therapie oder Coaching? Sich alleine in die Welt des Fühlens zu begeben und die Hintergründe und Zusammenhänge zu erforschen, ist echt nicht so einfach. Herauszufinden, was man stattdessen braucht ist ein Prozess, der eine Weile braucht. Oft ist es auch nicht nur darum, eine Sache durch eine andere zu ersetzen (zB Schaumbad statt Süßkram), sondern vielmehr darum, die dahinterliegende Spannung zu lösen, sodass der Druck im Leben geringer wird.
Sie schreiben: “ ich fühle einfach nichts außer: ich muss jetzt Süßkram essen“. Das ist ja schon mal eine Menge! Was ist das für ein Gefühl, Süßkram essen zu müssen? Wie bemerken Sie es? Bei mir ging das immer einher mit einem eingeschnürten Gefühl im Hals, ein starker Druck auf der Brust und einem Gefühl, wie wenn ich unter Strom stehen würde und dann noch ein Gefühl von neben mir stehen und nur noch fokussiert auf Süßkram
Ich hoffe, Ihnen mit der Antwort geholfen zu haben.

Frau S:
In dem Moment des Essanfalls ist es bis zu dem Punkt bis mir schlecht wird schon ein Genuss. Nur die Übelkeit, das Völlegefühl und die Trägheit danach eben nicht mehr. (Und das schlechte Gewissen natürlich)
Bei dem einen Riegel als Genuss bleibt es leider nie weil ich nicht mehr aufhören kann.
Therapie kommt leider nicht in Frage da ich vor kurzem erst eine beendet habe und die Krankenkasse keine Verlängerung mehr zahlt. Meine Therapeutin hat mein Problem leider nicht richtig ernst genommen. Sie hat gesagt die Essanfälle verschwinden von alleine wenn ich meine anderen Probleme im Griff habe.
Zum Thema fühlen wenn ich „fressen“ will: Stimmt Sie haben Recht dann fühle ich dabei ja doch einiges:
Panik, Nervosität, Das Gefühl es nicht mehr auszuhalten, ein “ mir ist alles und jeder egal weil ich jetzt was brauche sonst dreh ich durch “ – Gefühl, Verzweiflung, ich stehe neben mir, ich kann mich auf nichts anderes mehr konzentrieren.
Eine positive Bewertung bei Amazon werde ich auf jeden Fall schreiben 🙂
Ich finde es einfach super dass man sogar persönlich mit Ihnen Kontakt aufnehmen kann. Vielen lieben Dank dafür 🙂

Olivia Wollinger:

Liebe Frau S.,
zum Abschluss habe ich noch ein paar Ideen:
es klingt tatsächlich, als ob der emotionale Hunger deutlich spricht. Ich denke, um die Gesamtsituation zu verbessern, braucht es dahin Aufmerksamkeit, damit sich langfristig Ihr Essverhalten ändern kann.
Dennoch kann man auch an der Symptomebene schrauben.
Hier ein paar Ideen dazu:
*) Wenn Sie Nachmittags so einen Heißhunger auf Süß bekommen, könnten Sie probieren, zum Frühstück Porridge zu probieren (Rezept siehe Buch). Es könnte sein, dass Ihnen das langfristig Ihre Gelüste ein bisschen verringert.
*) wenn sich Ihre Nachmittags-Süßigkeitenphase bis in den Essanfall am Abend hineinzieht, wäre es vielleicht ein interessanter Gedanke, sich bereits zu Mittag zu versprechen, dass es am Abend Kuchen (o.ä.) geben wird, sofern Sie das möchten, also dass es nichts „richtiges“ sein muss.
*) Interessant wäre zu beobachten, wie Sie Genuss empfinden, also ist es das Schmecken auf der Zunge, im Mund? Oder macht Ihnen vor allem die Menge Genuss und das abgelenkt sein von Gefühlen oder Stress. (also der Entspannungseffekt von Süßigkeiten)
*) Interessant wäre auch zu beobachten, was genau passiert, wenn der Genuss kippt. Also was passiert zwischen dem Gefühl von Genuss und dem Völlegefühl. Ich glaube, dass da noch einige Schritte dazwischen sind. Ich glaube nicht, dass der Genuss nahtlos in das Völlegefühl kippt, zumindest habe ich das ganz anders erfahren. Es wäre gut, irgendwann zu erkennen, wann das eine in das andere übergeht und diesen Moment bewusst zu machen (auch wenn Sie dann noch weiter essen)
Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihren weiteren Weg aus dem Binge Eating und hoffe, dass Sie bald wieder Therapiestunden bei einer zu Ihnen passenden Therapeutin genehmigt bekommen oder dass Sie die Möglichkeit haben, in private Stunden zu investieren.
Liebe Grüße aus Wien,
Olivia Wollinger

Frage zum Buch: Ramadan bei Essstörung

Letztens erhielt ich folgende Frage:

Was halten Sie vom regelmäßigen Fasten (5:2 nach Michael Mosley)  bzw. vom Fasten beim Ramadan? Hilft das Fasten, die Bedürfnisse des Körpers zu spüren?

Hier meine Antwort:

Liebe Frau R.,

wow, das finde ich ja toll, dass mein Buch bis nach Algerien gereist ist. Vielen Dank für Ihre wertschätzenden Worte.

Für den Ramadan sind eindeutige Ausnahmebestimmungen definiert und dazu zählen Krankheiten. Essstörung wird im ICD – international code of diseases – als Krankheit definiert.

Ich würde Menschen mit einer Essstörung daher nicht empfehlen, bei Ramadan zu fasten. Ich würde empfehlen auf andere Art und Weise zu fasten um damit Gott / Allah näher zu sein. Man kann z.B. von Klatsch und Tratsch fasten, auf Facebook und soziale Medien verzichten und vor allem von wertenden Gedanken fasten, anderen und (!!) auch sich selbst gegenüber. Man kann auch versuchen, statt des Fastens jeden Bissen bewusst zu essen, verbunden mit Gebet und in Dankbarkeit.

Ich persönlich glaube nicht, dass man über das Fasten besser lernt, seine Bedürfnisse zu spüren, weil es ein ganz oder gar nicht ist. Wenn man an einer Essstörung leidet geht es darum, im Alltag zu lernen, sich und seine Bedürfnisse zu spüren. Wenn man fastet, dann verbietet man sich wieder alles für eine gewisse Zeit, statt das Essen ins Leben zu integrieren. Im Weg aus der Esssucht geht es darum zu lernen, sich zu nähren, statt zu lernen den Verzicht durchzuhalten. Außerdem finde ich es wichtig, seinen Blutzuckerspiegel konstant zu halten, da sonst Essanfälle provoziert werden könnten.  Was ich allerdings schon wichtig finde ist, nicht ständig und immer zu essen (zu grasen), denn so kann sich kein Hunger entwickeln. Aber Essenspausen ist etwas anderes als Fasten.

Aber das ist meine Meinung und Erfahrung – jede und jeder muss seine eigenen Entscheidungen treffen und tun, wovon man spürt, dass es einem gut tut.

Ich hoffe, damit Ihre Frage beantwortet zu haben und sende Ihnen liebe Grüße aus Wien,
Olivia Wollinger

Das Deckenpaket

Meine Katze zeigt Ihnen heute eine der Übungen aus dem Buch „Essanfälle adé“:

Deckenpaket:

Zum Spüren der Körpergrenzen empfehle ich, sich fest in eine Tagesdecke einzupacken. Dazu nehmen Sie am besten eine Decke ohne Stretch-Anteil und wickeln diese so eng wie möglich um sich herum, so umhüllt die Decke Sie wie ein sehr enganliegendes, trägerloses Kleid. Wie fühlt sich das für Sie an?

(Diese Übung lernte ich von Dami Charf, www.traumaheilung.de.)

Service für Hörbuch-HörerInnen

Liebe HörerInnen des Hörbuchs „Essanfälle adé“,

als spezielles Service für Sie, veröffentliche ich hier die im Buch abgebildeten Bilder, die man ja naturgemäß nicht hören kann 🙂

Hier ein Blick auf mein altes Tagebuch, das ich bewusst mit einem Schlussstrich beendete

Hier sehen Sie das neue Tagebuch, in meiner Lieblingsfarbe lila, in dem ich mit den Selbstlob-Sternchen begann:

Hier ein Blick auf meinen Schaf-Schirm, mein positive Anker an Regentagen:

Hier sehen Sie den Wunschweg versus realistischem Weg:

Und abschließend noch der Blick auf die Schmetterlingszeichnung der Übung „Was tut mir gut“:

 

Qualität von Lebensmitteln

Als ich selbst noch in meiner Esssucht steckte, hatte ich keine Ahnung, was „Qualität von Lebensmittel“ bedeutet. Meine Gier stand im Vordergrund, deswegen konnte ich Unterschiede nicht wahrnehmen. Daher hier ein kleiner Ausflug in die Welt der Lebensmittel, als kleine Anregung, worauf man achten könnte.

Brot

Bei einem vergangenen Seminar brachte eine Frau Bio-Brot vom kleinen Bioladen mit. Eine andere Baguette von einer großen Supermarktkette. Das Bio-Brot war bis auf den letzten Krümmel aufgegessen, das Baguette blieb übrig. Woran lag das? Nein, es hatte nichts mit Gier zu tun, sondern mit dem Geschmack des Brotes. Das Baguette schmeckte wie aromatisierter Schaumstoff. Das Brot vom Biobäcker war ein „hmmm“ Genuss.

Das liegt daran, dass Biobrot keine Backmischungen, keine chemischen Hilfsmittel, keine künstlichen Vitamine oder Enzyme und auch keine Backtriebmittel enthält.
Außerdem wird der Backprozess nicht unterbrochen. Die Backwaren von großen Supermarktketten (und auch von vielen der großen Bäckerei-Ketten) werden nur halbfertig gebacken, eingefroren und dann in der Filiale aufgebacken. Das schmeckt man dann auch.

Ja, Brot vom Biobäcker kostet ein Vielfaches und ich kann verstehen, wenn man sich das nicht leisten möchte oder kann. Wenn dem so ist, es gibt sehr einfache und sehr gute Brotrezepte für zu Hause.

Gemüse und Obst

Soweit ich mich erinnere, hat die Forschung herausgefunden, dass in Tiefkühlgemüse mehr Vitamine enthalten sind, als in gelagertem Gemüse. Mag schon sein, aber der geschmackliche Unterschied ist enorm. Tiefgefühlte Karotten beispielsweise schmecken wässrig, frisch gekochte schmecken knackig.

Leider gibt es allerdings auch in der Gemüseabteilung Gemüse, das nach nichts schmeckt. Das hängt mit der Art und Weise der Aufzucht (Glashaus? Erde? Transportweg?) und der Lagerung zusammen. Ich kann in vielen Fällen den Unterschied zwischen einer Bio und einer nicht Bio Karotte schmecken.

Bei Äpfeln ist der Unterschied meiner Geschmacksknospen nach noch wesentlich deutlicher. Es gibt Äpfel, die tatsächlich nach nichts schmecken. Und dann gibt es diese herrlichen, knackigen, fruchtigen Bioäpfel. Die Investition lohnt sich.

Süßspeisen, Kuchen etc.

Bei Süßspeisen ist es ähnlich wie beim Brot: Haben Sie schon mal den Geschmack eines Kuchens aus dem Supermarkt, der in Plastik eingeschweißt ist und wochenlang haltbar ist mit jenem von selbstgemachten Kuchen aus einer kleinen Bäckerei verglichen? Der Unterschied ist eklatant.

Käse

Es macht geschmacklich einen Unterschied, ob Käse wochenlang in Plastikfolien eingeschweißt oder als Käserad gelagert wird.

Fleisch, Wurst, Schinken

Wenn ein tierisches Produkt nicht Bio ist, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die dahinterstehenden Tiere in Ställen gehalten werden und selten bis nie das Tageslicht sehen. Leider geht die Schlachtung von Bio-Tieren ebenso von statten, wie die von nicht Bio Tieren, also Viehtransport bis zum nächsten Schlachthof und dann Fließbandschlachtung. Es ist daher sehr wichtig darauf zu achten, dass die Tiere, dessen Fleisch wir essen, aus dem Land stammen, in dem wir leben, das verkürzt den Transportprozess.
Wer sich mehr mit diesem Thema beschäftigen möchte, empfehle ich das Buch von Clemens G. Arvay: Der große Bio-Schmäh: Wie uns die Lebensmittelkonzerne an der Nase herumführen

Es gibt glücklicherweise ein paar Biobauern, die auch Schlachthöfe haben. Das ist ideal, weil dadurch der Transport wegfällt und die Tiere relativ stressfrei getötet werden, beispielsweise bei Labonca. Ja, so ein Biofleisch kostet ein Vielfaches, doch hier stelle ich die Frage: Wieviel ist Ihnen ein Leben wert?

 

Psychotherapie oder Rosen-Methode?

In diesem Artikel möchte ich Ihnen Antwort auf die Frage
„Wann sollte ich zur Psychotherapie, wann zur Rosen-Methode gehen?“
geben, und zwar vor allem in Hinblick auf Essstörungen bzw. emotionalem Essverhalten.

Ich bin keine Psychotherapeutin, sondern ich arbeite überwiegend mit der Rosen-Methode. Deshalb ist es mir besonders wichtig, hier eine klare Unterscheidung zu treffen.

Wenn Sie von einer psychischen Störung betroffen sind, ist es notwendig, zunächst eine Psychotherapie aufzusuchen. Was genau unter psychische Störung fällt, können Sie in diesem Wikipedia Artikel nachlesen. Im ICD – Internationale Klassifikation psychischer Störungen – sind Essstörungen enthalten, siehe ICD 10 – F50. Das bedeutet, dass Sie, wenn Sie unter Essstörungen leiden, Psychotherapie in Anspruch nehmen sollten. Dies ist wichtig, um Verständnis für sich selbst und Ihre Verhaltensmuster zu entwickeln und Tools der Selbstregulation zu erlernen. Darüber hinaus ist es fast immer notwendig, diverse vergangene – oft sogar traumatische – Ereignisse aufzuarbeiten, vielleicht sogar erstmals darüber zu reden. Psychotherapie hilft Ihnen dabei, über sich selbst zu reflektieren und eine gewisse Ordnung in Ihr eigenes System zu bringen.

Essstörungen werden von Betroffenen als extrem bedrohlich empfunden und als schwer zu ertragen. Häufig kommen noch andere Schwierigkeiten hinzu, wie Panikattacken,  Depressionen oder starke Stimmungsschwankungen. Mit Hilfe einer guten Psychotherapie kann sich dies mit der Zeit deutlich spürbar bessern. Dann verabschiedet sich die Essstörung langsam und wandelt sich in gelegentliche Phasen des emotionalen Essens.

Hier könnte dann meine Arbeit ins Spiel kommen. Was die Rosen-Methode ist, lesen Sie hier.

2014

Der größte Unterschied zur Psychotherapie ist, dass in meiner Praxis das Gespräch nur ein paar Minuten dauert. Ich frage kurz wie es geht und dann geht es schon ab auf die Behandlungsliege. Am liebsten ist es mir sogar, wenn sich KlientInnen gleich auf die Liege legen möchten. Allerdings verlange ich das nicht, da es sich für viele meiner KlientInnen schräg anfühlt, sich gleich nach dem Ankommen auszuziehen. Das Entkleiden passiert übrigens – wie alles in meiner Praxis – in geschütztem Rahmen: Ich verlasse auf Wunsch den Raum oder ich mache mit einem Leintuch einen Paravent. Gerne ziehe ich die Vorhänge vor, falls Sie das möchten.

Sobald Sie liegen, berühre ich mit meinen Händen Ihren Körper. Sie sind dabei immer mit einem Leintuch bedeckt und geschützt, ich decke nur jene Stellen behutsam ab, die ich gerade berühre. Falls es kühl ist, werden Sie zusätzlich mit einer Decke gewärmt. Durch meine Berührung wird es Ihnen erleichtert, sich in Ihrem Körper wahrzunehmen. Dadurch können Sie Ihre Grenzen spüren, Ihre Beengungen, Ihren Atem, Ihre Verspannungen, Ihre Gefühle und, und, und. Um Ihnen dieses Spüren zu erleichtern, stelle ich Ihnen hin und wieder eine kurze Frage. Ich unterstütze Sie also darin, sich selbst zu erforschen und ganz mit Ihrer Aufmerksamkeit im Fühlen und bei sich zu bleiben.

Der nächste große Unterschied zur Psychotherapie ist, dass in der Rosen-Methode keine vergangenen Ereignisse aufgearbeitet werden. Manchmal erinnern sich KlientInnen im Zuge einer Rosen-Sitzung an Vergangenes, manchmal auch an die Kindheit, dies wird einfach nur wahrgenommen und gewürdigt. In der Rosen-Methode erfolgt keine Reflexion, im Sinne von: „Was hat das für Auswirkungen auf mein derzeitiges Leben? Wie könnte ich Belastendes verändern?“ Es geht vielmehr darum, gemeinsam zu erforschen, was  jetzt im Körper gespürt wird. Das hilft, Gefühle anzunehmen und sie Schritt für Schritt zu integrieren. Und das ist die wesentliche Sichtweise der Rosen-Methode.

Ich finde es gar nicht so einfach, die Rosen-Methoden so zu erklären, dass man sich genau vorstellen kann, was passiert. Ich erinnere mich, dass ich, bevor ich mit der Ausbildung begann, das Buch von Marion Rosen „Die Rosen-Methode: Den Körper berühren, die Seele erreichen“ las, und dennoch nicht wirklich verstand um was es ging. Heute, mit einigen Jahren mehr Erfahrung nehme ich das selbe Buch immer wieder zur Hand und denke: „Ja, sehr treffend beschrieben.“ Manche Dinge muss man eben ausprobieren, um sie zu verstehen 🙂

Noch mehr Infos über die Unterschiede der verschiedenen psychosozialen Angebote lesen Sie in dem Blog-Artikel von Iris Lasta, meiner Assistentin bei den „Essanfälle adé“ Workshops: Ist Coaching, Beratung oder Psychotherapie die richtige Wahl?

Übergewicht abnehmen mit intuitivem Essen – ein Jahr später

Vor einiger Zeit hatten Claudia Münstermann und ich eine Frage zum Buch „Essanfälle adé“ beantwortet, dies können Sie hier nachlesen: Übergewicht abnehmen mit intuitivem Essen.

Nun, ein Jahr später, war ich wieder in Kontakt mit der Frau, die mir die Frage schickte. Ich freue mich sehr, dass ich nun ihren Namen erwähnen und auf ihre Webseite aufmerksam machen darf:

Candida Kraus ist nun nämlich ausgebildete Tanztherapeutin und bietet unter anderem Tanz-Workshops in München für Menschen mit Übergewicht an, wo sie der Frage nachgeht: Welche Bewegung tut meinem Körper gut?

Candida Kraus geht mit ihrer eigenen Geschichte sehr offen um und ich denke, dass Sie dadurch vielen Menschen Hoffnung geben kann. Lesen Sie ihr Angebot hier: www.tanzzumir.de

Hier nun die Mailantwort von Frau Kraus auf meine Frage, wie es ihr momentan geht:

So, Prüfung bestanden, jetzt komme ich langsam wieder runter, die Freude ist zwar nur gedacht, aber nun, so ist es eben noch.
Angefangen hatte es ja damit, dass mich diese eine Stelle in Deinem Buch so sehr berührt hat: ‚Ich entschloss mich, zu lernen, meinem Körper zu geben, was er braucht und das Gewicht zu akzeptieren, das er sich aussuchen möchte‘ und immer noch so sehr bewegt, dass ich sie in meiner Kursbeschreibung zitiert habe, natürlich mit Angabe der Quelle.
Denn, wie ich ja schon geschrieben habe, stand das Abnehmen lange Zeit als einziges wichtiges Ziel über Allem. Dass ich dabei lernte Gefühle zu fühlen, Glaubenssätze zu erkennen und zu entmachten, Bedürfnisse zu spüren, alte innere Wunden zu heilen, all das war nur wirklich wichtig, wenn ich dabei auch abnehme.
Und dann nahm ich nicht ab, sondern zu. Dann nicht mehr zu aber nicht ab. Ein Drama.
Und dann kam dieser Satz, der das ausdrückte, was ich mir selbst schon zu diesem Zeitpunkt irgendwo vorbewusst dachte, aber nicht laut auszusprechen dachte, weil es zu radikal erschien. Und eine Absage an das Ziel. Es war wie aufgeben. Denn was wenn der Körper dick sein will?
Eine Katastrophe. Doch dann passierte Einiges.
Ich habe im Rahmen meiner Ausbildung zur Tanztherapeutin angefangen Kurse für Übergewichtige zu geben und in diesem Zusammenhang gemerkt, dass mein Gewicht zu etwas gut ist, dass ich als Dünne nicht glaubwürdig vermitteln könnte, dass man mit Gewicht auch fit und beweglich sein kann.
Ich habe angefangen wieder zu joggen, etwas was in meiner Vorstellung in dick nicht geht, und siehe da, es geht und ist inzwischen zu einer meiner wichtigsten und liebsten Ressourcen geworden.
Meine Ausbildung verlangt neben vielen Praktikumsstunden und Lehrtherapie auch eine wissenschaftliche Abschlussarbeit, die ich, wie könnte es anders sein, zum Thema Gewicht aus tanztherapeutischer Sicht schreibe. Oder auch eine Einführung in die Thematik für Tanztherapeuten, die in der überwiegenden Mehrheit kein Gewichtsthema haben und deswegen nicht aus eigener Erfahrung schöpfen können. Und die Recherche besonders im medizinischen Bereich ergab zwei erstaunliche und auch deprimierende Erkenntnisse: die Wissenschaft tappt so was von im Dunkeln, salopp ausgedrückt, und das Einzige, was einigermaßen bewiesen scheint, ist dass es einen Set-Point gibt, der zunächst genetisch bedingt ist und auch in einem Bereich sein kann, den wir unter Übergewicht einordnen, dieser Set-Point durch große Gewichtszunahme und langes Dicksein nach oben verlagert wird und der Körper danach nicht mehr davon loslassen will. Versuche, den Set-Point folglich genauso nach unten zu verlagern sind bisher nicht gelungen.
Falls Dich das interessiert, kannst Du das in meinem Blog lesen unter: http://tanzzumir.de/ent-taeuschung/ und http://tanzzumir.de/gewicht-und-nochmalgewicht/.
Nun ja, das war mal ein Schock! Was ist, wenn ich die ganze Zeit und Energie in etwas setze was gar nicht erreichbar ist?
Denn natürlich kann man mit dauerhaftem Reglementieren auf sehr wenig Essen abnehmen und Gewicht halten. Aber für mich war dieses Wenige was es dazu gebraucht hätte einfach zu wenig. Ich war damit nicht auf allen Ebenen zufrieden, auch wenn der Magen für sich betrachtet es schon war.
Und ich habe endlich verstanden, nicht nur im Kopf sondern auch gefühlt, dass es für mich keinen Sinn macht, wenn ich nicht wirklich zufrieden bin, wenn ich mir nicht das gebe was ich nun mal brauche, selbst wenn es mich in einem Gewicht hält, das ich nicht will.
Auf wundersame Art öffnete dieser Perspektivenwechsel die Tür für Erkenntnisse, die vorher blockiert waren, zum Beispiel die, dass mein System Freude und Genuss nicht zulässt. Keine Art von Freude und Genuss, außer die in der Bewegung. Bewegung ist die Ressource, die erlaubt ist, und die Einzige, die mir im Moment außer Essen zur Verfügung steht, etwas was mit vorher nicht so klar war, da meine Ballettvergangenheit Bewegung nur unter dem Leistungsaspekt betrachtet hat.
Der letzte Bereich, der eine wichtige Rolle spielt ist die Bewegungsanalyse, das ist ein Werkzeug um die psychophysische Bedeutung der Bewegung zu lesen. Die Bewegung gibt Aufschluss über die Art wie ein Mensch die Anforderungen der Welt bewältigt und seine Beziehungen gestaltet. Hierbei geht es nicht um richtig oder falsch, sondern darum ob das gestützt wird von seinem Grundtemperament, seinen mitgebrachten Bewegungsqualitäten.
Denn jeder Mensch bringt mit seiner Geburt bestimmte Bewegungsqualitäten mit, die im Bestfall reifen dürfen und sein Sein und Wirken in der Welt affin unterstützen. Nun ist es aber so, dass wir durch die Sozialisation und durch unsere Bezugspersonen in der Reifung unserer ureigenen Qualitäten seltener unterstützt werden und viel öfter gehemmt. Und das hat große Auswirkungen auf unsere Regulationsfähigkeit und unseren Stresslevel.
Und gerade die fehlende Passung im 1. Lebensjahr mit unseren Bezugspersonen bildet die Basis für Essstörungen aller Art.
Es ist jetzt aber nicht nur so, dass fehlende Passungen und nicht ausgereifte Grundqualitäten sich in der Bewegung zeigen, sondern man kann diese Qualitäten durch die Bewegung nachreifen lassen, das kann man sich ähnlich vorstellen, wie beim Autonomen Nervensystem. Das autonome Nervensystem beeinflusst die Atmung, die Atmung beeinflusst das Autonome Nervensystem.
So kann ich zum Beispiel in meinem Fall von allein keine Freude spüren, wenn ich mich aber im Rhythmus der Freude bewege, dann wird das aktiviert und dann spüre ich es auch.
Die Genussfähigkeit hat z. Bsp. mit den ersten Lebensmonaten zu tun, in denen die Passung und Synchronizität darüber entscheidet, ob ich eher Urvertrauen oder eher Urmisstrauen entwickle. Nur bei Urvertrauen kann ich mich so weit entspannen, dass ich genießen kann. Das Nachreifen des Urvertrauens ist das schwierigste überhaupt von allen Qualitäten, und braucht eine Anbindung an etwas Stabiles und Dauerhaftes wie z. Bsp. den Atem oder den Boden und eine Nachnährung durch Berührung.
Ich erkläre das so ausführlich, weil es für mich sehr wichtig war zu verstehen, dass es eine sehr große Aufgabe ist, vor der ich stehe, dass sie viel Zeit und Geduld erfordert und das der Ausgang dennoch ungewiss ist, denn etwas Nachreifen, also die Folgen
abmildern, das geht in winzigen Schritten, es Ungeschehen machen, mein früheres Ziel, geht nicht.
Überhaupt komme ich immer mehr zu dem Schluss, dass die Fähigkeit zu entspannen bei Gewichtsthemen eine zentrale Rolle spielt. Entspannung erfordert zum einen das Vertrauen und das Gefühl von Sicherheit aber auch das Wissen um seine ureigenen Qualitäten.
Denn wenn ein Mensch wie ich z. Bsp. eine abrupte und hochintensive Qualität mitbringt, dann wird etwas sanftes und gleichbleibendes keine Entspannung bringen, sondern Stress auslösen. So jemand entspannt nicht beim Qi Gong, im Gegenteil, das ist für mich Folter, sondern eher beim Kickboxen oder eben Joggen. Das war jetzt nur so ein kleines Beispiel, es gibt mehr Qualitäten und vor allem unzählige Kombinationen davon, so dass am Schluss ein einzigartiges Bild entsteht.
Wie man es auch immer dreht und wendet, so geht es nur um eines: Weg von ‚so muss ich werden, damit ich endlich richtig bin‘, hin zu ‚was brauche ich, damit es mir richtig gut geht‘. Auf dieser Reise bin ich nun und vermittle das inzwischen auch in meinen Kursen für Übergewichtige.
Und ich habe mich nicht nur seit vielen Monaten nicht mehr gewogen, sondern auch nicht mehr über das Gewicht nachgedacht. Es wird immer unwichtiger. Natürlich weiß ich, dass auch wieder Phasen kommen können, in denen der gute alte Gewichtskritiker wieder kräftig mitmischen will, aber das gehört einfach auch dazu und ich weiß gefühlt und nicht nur gedacht, dass ich ihm nicht mehr hilflos ausgeliefert bin.
Puh, das ist nun etwas lang geworden, aber es hat gut getan es mal zusammenzufassen und ich konnte auch für mich sehen, dass sich viel getan hat.