Übergewicht abnehmen mit intuitivem Essen – ein Jahr später

Vor einiger Zeit hatten Claudia Münstermann und ich eine Frage zum Buch „Essanfälle adé“ beantwortet, dies können Sie hier nachlesen: Übergewicht abnehmen mit intuitivem Essen.

Nun, ein Jahr später, war ich wieder in Kontakt mit der Frau, die mir die Frage schickte. Ich freue mich sehr, dass ich nun ihren Namen erwähnen und auf ihre Webseite aufmerksam machen darf:

Candida Kraus ist nun nämlich ausgebildete Tanztherapeutin und bietet unter anderem Tanz-Workshops in München für Menschen mit Übergewicht an, wo sie der Frage nachgeht: Welche Bewegung tut meinem Körper gut?

Candida Kraus geht mit ihrer eigenen Geschichte sehr offen um und ich denke, dass Sie dadurch vielen Menschen Hoffnung geben kann. Lesen Sie ihr Angebot hier: www.tanzzumir.de

Hier nun die Mailantwort von Frau Kraus auf meine Frage, wie es ihr momentan geht:

So, Prüfung bestanden, jetzt komme ich langsam wieder runter, die Freude ist zwar nur gedacht, aber nun, so ist es eben noch.
Angefangen hatte es ja damit, dass mich diese eine Stelle in Deinem Buch so sehr berührt hat: ‚Ich entschloss mich, zu lernen, meinem Körper zu geben, was er braucht und das Gewicht zu akzeptieren, das er sich aussuchen möchte‘ und immer noch so sehr bewegt, dass ich sie in meiner Kursbeschreibung zitiert habe, natürlich mit Angabe der Quelle.
Denn, wie ich ja schon geschrieben habe, stand das Abnehmen lange Zeit als einziges wichtiges Ziel über Allem. Dass ich dabei lernte Gefühle zu fühlen, Glaubenssätze zu erkennen und zu entmachten, Bedürfnisse zu spüren, alte innere Wunden zu heilen, all das war nur wirklich wichtig, wenn ich dabei auch abnehme.
Und dann nahm ich nicht ab, sondern zu. Dann nicht mehr zu aber nicht ab. Ein Drama.
Und dann kam dieser Satz, der das ausdrückte, was ich mir selbst schon zu diesem Zeitpunkt irgendwo vorbewusst dachte, aber nicht laut auszusprechen dachte, weil es zu radikal erschien. Und eine Absage an das Ziel. Es war wie aufgeben. Denn was wenn der Körper dick sein will?
Eine Katastrophe. Doch dann passierte Einiges.
Ich habe im Rahmen meiner Ausbildung zur Tanztherapeutin angefangen Kurse für Übergewichtige zu geben und in diesem Zusammenhang gemerkt, dass mein Gewicht zu etwas gut ist, dass ich als Dünne nicht glaubwürdig vermitteln könnte, dass man mit Gewicht auch fit und beweglich sein kann.
Ich habe angefangen wieder zu joggen, etwas was in meiner Vorstellung in dick nicht geht, und siehe da, es geht und ist inzwischen zu einer meiner wichtigsten und liebsten Ressourcen geworden.
Meine Ausbildung verlangt neben vielen Praktikumsstunden und Lehrtherapie auch eine wissenschaftliche Abschlussarbeit, die ich, wie könnte es anders sein, zum Thema Gewicht aus tanztherapeutischer Sicht schreibe. Oder auch eine Einführung in die Thematik für Tanztherapeuten, die in der überwiegenden Mehrheit kein Gewichtsthema haben und deswegen nicht aus eigener Erfahrung schöpfen können. Und die Recherche besonders im medizinischen Bereich ergab zwei erstaunliche und auch deprimierende Erkenntnisse: die Wissenschaft tappt so was von im Dunkeln, salopp ausgedrückt, und das Einzige, was einigermaßen bewiesen scheint, ist dass es einen Set-Point gibt, der zunächst genetisch bedingt ist und auch in einem Bereich sein kann, den wir unter Übergewicht einordnen, dieser Set-Point durch große Gewichtszunahme und langes Dicksein nach oben verlagert wird und der Körper danach nicht mehr davon loslassen will. Versuche, den Set-Point folglich genauso nach unten zu verlagern sind bisher nicht gelungen.
Falls Dich das interessiert, kannst Du das in meinem Blog lesen unter: http://tanzzumir.de/ent-taeuschung/ und http://tanzzumir.de/gewicht-und-nochmalgewicht/.
Nun ja, das war mal ein Schock! Was ist, wenn ich die ganze Zeit und Energie in etwas setze was gar nicht erreichbar ist?
Denn natürlich kann man mit dauerhaftem Reglementieren auf sehr wenig Essen abnehmen und Gewicht halten. Aber für mich war dieses Wenige was es dazu gebraucht hätte einfach zu wenig. Ich war damit nicht auf allen Ebenen zufrieden, auch wenn der Magen für sich betrachtet es schon war.
Und ich habe endlich verstanden, nicht nur im Kopf sondern auch gefühlt, dass es für mich keinen Sinn macht, wenn ich nicht wirklich zufrieden bin, wenn ich mir nicht das gebe was ich nun mal brauche, selbst wenn es mich in einem Gewicht hält, das ich nicht will.
Auf wundersame Art öffnete dieser Perspektivenwechsel die Tür für Erkenntnisse, die vorher blockiert waren, zum Beispiel die, dass mein System Freude und Genuss nicht zulässt. Keine Art von Freude und Genuss, außer die in der Bewegung. Bewegung ist die Ressource, die erlaubt ist, und die Einzige, die mir im Moment außer Essen zur Verfügung steht, etwas was mit vorher nicht so klar war, da meine Ballettvergangenheit Bewegung nur unter dem Leistungsaspekt betrachtet hat.
Der letzte Bereich, der eine wichtige Rolle spielt ist die Bewegungsanalyse, das ist ein Werkzeug um die psychophysische Bedeutung der Bewegung zu lesen. Die Bewegung gibt Aufschluss über die Art wie ein Mensch die Anforderungen der Welt bewältigt und seine Beziehungen gestaltet. Hierbei geht es nicht um richtig oder falsch, sondern darum ob das gestützt wird von seinem Grundtemperament, seinen mitgebrachten Bewegungsqualitäten.
Denn jeder Mensch bringt mit seiner Geburt bestimmte Bewegungsqualitäten mit, die im Bestfall reifen dürfen und sein Sein und Wirken in der Welt affin unterstützen. Nun ist es aber so, dass wir durch die Sozialisation und durch unsere Bezugspersonen in der Reifung unserer ureigenen Qualitäten seltener unterstützt werden und viel öfter gehemmt. Und das hat große Auswirkungen auf unsere Regulationsfähigkeit und unseren Stresslevel.
Und gerade die fehlende Passung im 1. Lebensjahr mit unseren Bezugspersonen bildet die Basis für Essstörungen aller Art.
Es ist jetzt aber nicht nur so, dass fehlende Passungen und nicht ausgereifte Grundqualitäten sich in der Bewegung zeigen, sondern man kann diese Qualitäten durch die Bewegung nachreifen lassen, das kann man sich ähnlich vorstellen, wie beim Autonomen Nervensystem. Das autonome Nervensystem beeinflusst die Atmung, die Atmung beeinflusst das Autonome Nervensystem.
So kann ich zum Beispiel in meinem Fall von allein keine Freude spüren, wenn ich mich aber im Rhythmus der Freude bewege, dann wird das aktiviert und dann spüre ich es auch.
Die Genussfähigkeit hat z. Bsp. mit den ersten Lebensmonaten zu tun, in denen die Passung und Synchronizität darüber entscheidet, ob ich eher Urvertrauen oder eher Urmisstrauen entwickle. Nur bei Urvertrauen kann ich mich so weit entspannen, dass ich genießen kann. Das Nachreifen des Urvertrauens ist das schwierigste überhaupt von allen Qualitäten, und braucht eine Anbindung an etwas Stabiles und Dauerhaftes wie z. Bsp. den Atem oder den Boden und eine Nachnährung durch Berührung.
Ich erkläre das so ausführlich, weil es für mich sehr wichtig war zu verstehen, dass es eine sehr große Aufgabe ist, vor der ich stehe, dass sie viel Zeit und Geduld erfordert und das der Ausgang dennoch ungewiss ist, denn etwas Nachreifen, also die Folgen
abmildern, das geht in winzigen Schritten, es Ungeschehen machen, mein früheres Ziel, geht nicht.
Überhaupt komme ich immer mehr zu dem Schluss, dass die Fähigkeit zu entspannen bei Gewichtsthemen eine zentrale Rolle spielt. Entspannung erfordert zum einen das Vertrauen und das Gefühl von Sicherheit aber auch das Wissen um seine ureigenen Qualitäten.
Denn wenn ein Mensch wie ich z. Bsp. eine abrupte und hochintensive Qualität mitbringt, dann wird etwas sanftes und gleichbleibendes keine Entspannung bringen, sondern Stress auslösen. So jemand entspannt nicht beim Qi Gong, im Gegenteil, das ist für mich Folter, sondern eher beim Kickboxen oder eben Joggen. Das war jetzt nur so ein kleines Beispiel, es gibt mehr Qualitäten und vor allem unzählige Kombinationen davon, so dass am Schluss ein einzigartiges Bild entsteht.
Wie man es auch immer dreht und wendet, so geht es nur um eines: Weg von ‚so muss ich werden, damit ich endlich richtig bin‘, hin zu ‚was brauche ich, damit es mir richtig gut geht‘. Auf dieser Reise bin ich nun und vermittle das inzwischen auch in meinen Kursen für Übergewichtige.
Und ich habe mich nicht nur seit vielen Monaten nicht mehr gewogen, sondern auch nicht mehr über das Gewicht nachgedacht. Es wird immer unwichtiger. Natürlich weiß ich, dass auch wieder Phasen kommen können, in denen der gute alte Gewichtskritiker wieder kräftig mitmischen will, aber das gehört einfach auch dazu und ich weiß gefühlt und nicht nur gedacht, dass ich ihm nicht mehr hilflos ausgeliefert bin.
Puh, das ist nun etwas lang geworden, aber es hat gut getan es mal zusammenzufassen und ich konnte auch für mich sehen, dass sich viel getan hat.

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