Zucker und Sucht

Wieso fällt es manchmal so schwer, den Zucker wegzulassen, obwohl wir wissen, dass er nicht besonders gesund ist. Woran könnte das liegen?

Oft denken wir, es läge nur an der mangelnden Disziplin. Doch oft ist es etwas ganz anders. Essen wird von vielen benutzt, um den emotionalen Hunger zu stillen. Zucker beruhigt bei schwierig zu ertragende Emotionen. Wenn nun der emotionale Hunger sehr hoch ist, dann könnte es sein, dass Geist und Körper mit Rebellion reagieren, wenn man ihm dieses „Beruhigungsmittel“ weg nimmt.  Diese Rebellion könnte so aussehen, dass all der Zucker, den man mühsam eingespart hat, in Form eines Essanfalls in sich hineingeschoben wird.

Dies hat nichts mit mangelnder Disziplin zu tun, sondern mit einem tiefen Mangel auf der seelischen Ebene. Wenn Sie also unter Essanfällen leiden, dann wäre es gut, sich den sogenannten emotionalen Hunger erstmal genauer anzusehen.

(Zitat aus dem Buch: Essanfälle adé)

Nicht zu essen, wenn ich körperlich satt war, stellte die größte Herausforderung für mich dar. Wie oft las ich in Zeitschriften: „Statt Süßigkeiten zu essen, legen Sie sich in die Badewanne. Dort können Sie sich entspannen und der Drang, zu essen, lässt nach.“ Solcherlei Ratschläge machten mich wütend, denn bei mir wollte das nicht klappen. Wenn bei mir der Essensdrang da war, dann war er da. Da half kein Schaumbad, keine Tasse Tee, kein Telefonat mit einer Freundin, kein sonstiges Ablenkungsmanöver, nichts. Da half nur eines: Essen.
Es dauerte eine Weile, bis ich verstand, dass dies keineswegs an meiner Unfähigkeit lag, wie ich mir damals vorwarf. Es lag daran, dass mein emotionaler Hunger zu groß war, um ihn mit einem simplen Schaumbad oder ähnlichem besänftigen zu können.

Mein emotionaler Hunger zeigte sich in Gefühlen, die ich kaum ertragen konnte: Daueranspannung, zugeschnürter Hals, Druckgefühl und Beengung im Brustkorb, das Gefühl, wie in Watte gepackt zu sein, innere Leere, etwas, das sich wie ein riesengroßes Loch in mir anfühlte und ständige Selbstunsicherheit und Selbstzweifel. Wenn ich ähnlich wie beim physischen Hunger wieder die Skala von 1 bis 10 hernehme, würde ich meinen emotionalen Hunger von damals auf der Signal¬stufe Rot, also auf 7-10 einstufen.

Untertags konnte ich ihn durch pausenlose Geschäftigkeit und durch ständig kreisende Gedanken ignorieren oder verdrängen. Schließlich hatte ich den Anspruch, immer „super“ drauf zu sein. Doch spätestens am Abend, sobald rundherum Stille einkehrte, wurden die belastenden Gefühle in mir unerträglich laut. Mein emotionaler Schmerz forderte jene Aufmerksamkeit ein, die ich ihm sonst verwehrte. Es fühle sich an, wie ein Gefühlsknoten, wie ein tonnenschwerer Stein, wie ein „Ich halte das nicht aus!!! Mach es weg, jetzt sofort!!!“ Ich brauchte ein Gegenmittel in hoher Dosis, eines, das mich sofort davon befreite: Ich musste es-sen.

Der Essanfall ist ein hochdosiertes Mittel, um den inneren Zustand von „180“ sofort auf ein erträgliches Maß herunterzubringen. Sanftere Methoden, wie beispielsweise ein Schaumbad, entfalten ihre Wirkung erst nach einiger Zeit. Ist der innere Druck enorm groß, können wir diese Wartezeit kaum aushalten und greifen daher – unbewusst – zum hochdosierten Sofortmittel „Überessen“. Danach folgt das schlechte Gewissen. Das ist nicht angenehm, doch es ist uns vertraut und damit immer noch leichter zu ertragen als jene Gefühle, die mit dem emotionalen Hunger einhergehen.

Mein emotionaler Hunger war riesig, denn es ging mir zu jener Zeit nicht gut. Zwar bemühte ich mich, nach außen hin strahlend und fröhlich zu wirken, doch in Wahrheit war ich zutiefst verunsichert und traurig. Es fiel mir schwer, zu meinen Bedürfnissen zu stehen, in den meisten Fällen kannte ich sie nicht einmal. Ich hatte das Gefühl, eine Last und fehl am Platz zu sein. Ich kippte von „himmelhochjauchzend“ zu „zu Tode betrübt“; es gab in mir keine Stabilität. Diese suchte ich daher im Außen. Vor lauter akribisch geführten To-do-Listen und perfekten Planungen hatte ich verlernt, mein Leben zu genießen. Ständig hatte ich im Hinterkopf, was noch zu erledigen war. Ich trieb mich zu Höchstleistungen an und gönnte mir kaum Raum für Muße. Ich war bemüht, den anderen zu gefallen, um die von mir dringend benötigte Bestätigung zu bekommen. Doch es war nie genug. Jedes Lob, jede Anerkennung, jede Liebesbekundung, alles fühlte sich an wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Ich kritisierte mich immerzu und hasste meine Mängel.

Um Essanfälle, beziehungsweise das Überessen nicht mehr zu brauchen, ist es nötig, den emotionalen Hunger zu stillen. Das bedeutet, dass wir am Weg aus der Esssucht den Dauerzustand von innerem Druck und innerer Anspannung abbauen, um zunehmend ausgeglichener zu werden. Erst dann können wir Strategien entwickeln, um uns selbst in emotional stressigen Zeiten – wie sie in jedem Leben normal sind – mit sanfteren Methoden zu helfen als mit Essanfällen. Hier kommen dann das Schaumbad, die Tasse Tee, das Telefonat mit einer Freundin und Ähnliches ins Spiel.

Um unseren emotionalen Hunger zu stillen, braucht es regelmäßige Schritte und Maßnahmen. Wenn wir uns jahrelang emotional vernachlässigt und gegen unseren Wesenskern gelebt haben, also geradezu innerlich ausgedörrt sind, dann reicht „eben mal ein Schaumbad und alles ist wieder gut“ nicht. Es reicht ebenfalls nicht, alle halben Jahre ein Wochen-ende in einer Therme zu verbringen und uns dazwischen völlig zu vernachlässigen. Unser emotionaler Hunger braucht regelmäßige Seelennahrung, ähnlich wie unser Körper regel-mäßig Lebens¬mittel braucht, um satt zu werden.

Um Ihnen zu verdeutlichen, was ich damit meine, möchte ich den emotionalen Hunger, den emotionalen Schmerz, mit Rückenschmerzen vergleichen. Wenn diese akut sind, hilft am schnellsten ein rasch wirkendes Schmerzmittel, um halbwegs im Alltag funktionieren zu können. Um langfristig starke Schmerzen und damit die Schmerzmittel reduzieren zu können, ist es nötig, laufend einiges für die Rückengesundheit zu tun. Insbesondere geht es darum, eine korrekte Körperhaltung zu erlernen, die Rückenmuskulatur zu stärken und hin und wieder die Blockaden der Wirbelsäule durch eine Spezialistin oder ei¬nen Spezialisten lösen zu lassen. Je mehr der Rücken gesundet, desto seltener werden die akuten Schmerzzustände. Wenn doch wieder Rückenschmerzen auftreten, ist der Ver-lauf im Idealfall nicht mehr so schmerzhaft und kann mit sanfteren Methoden, wie beispielsweise leichten Rückenübungen, beruhigt werden. Der Rücken braucht unsere Aufmerksamkeit, um seinen Zustand verbessern zu können. Diese braucht er im Alltag und zwar regelmäßig, nicht erst dann, wenn die Schmerzen wieder akut sind. Der langfristige Heilerfolg ist ab-hängig davon, wie chronisch, wie verfestigt, die Rückenschmerzen sind.

Sie können sich den emotionalen Hunger wie ein großes Gefäß vorstellen, das wir in uns tragen. Sind wir auf der emotionalen Hungerskala bei 10, ist das Gefäß leer und hat keinen Boden, so dass alles, was eingefüllt wird, sofort wieder hinaus rinnt. Daher das Gefühl von „es ist immer alles zu wenig“.

Es muss zuallererst ein solider Boden geschaffen werden. Dies ist der wichtigste und oftmals langwierigste Teil in der Heilung. Meistens braucht es dafür professionelle Unterstützung in Form von Psychotherapie. Denn nur wenn ein solider Boden da ist, können wir beginnen, Nahrung für unsere Seele einzufüllen. Nach und nach, Schritt für Schritt wird unser inneres Gefäß voller und in gleichem Maße sinkt unser emotionaler Hunger.
Wie lange es dauert, den Boden zu festigen und das Gefäß an-zufüllen, ist abhängig von seiner Grundsubstanz. Im Idealfall wird unser inneres Gefäß so voll, dass es überfließt; dann haben wir genug Energie, die wir an andere Menschen verschenken können, ohne uns selbst dabei zu verausgaben.

Beim Umgang mit dem emotionalen Hunger gibt es zwei Dimensionen: Zum einen das regelmäßige Befüllen unseres in-neren Gefäßes, so dass der emotionale Hunger nach und nach gestillt wird und der innere Druck nachlässt. Zum anderen gilt es, für emotional aufwühlende oder anstrengende Zeiten, die in jedem Leben normal sind, geeignetere Strategien als Essen zu entwickeln, um damit umzugehen.

(…)

Ich werde oft gefragt, was ich davon halte, den Zucker wegzulassen. Dass Zucker im Übermaß dem Körper nicht guttut, dürfte mittlerweile hinlänglich bekannt sein. Daher ist es sinnvoll, Zucker wegzulassen. ABER: Ich finde es nicht sinnvoll, wenn Sie den Zucker ein paar Tage lang streng weglassen, um sich ihn danach in Essanfällen doch wieder hineinzuschieben.
Eine andere Variante, die ich bei Klientinnen beobachten konnte, ist, sich solcherart Genüsse nur am Wochenende zu erlauben. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden. Problematisch finde ich das dann, wenn der Verzicht unter der Woche eine große Anstrengung darstellt, die Gedanken ständig um das „Verbotene“ kreisen und wir bereits mittwochs nicht mehr erwarten können, endlich beim Samstag angelangt zu sein.
In diesen Fällen finde ich es besser, den Zucker in das Leben zu integrieren, damit seine Attraktivität nicht mehr so hoch ist. Alles, was wir nicht haben dürfen, wird attraktiver und löst Mangelgefühle in uns aus.

Das Buch „Essanfälle adé“ ist auf Amazon erhältlich, ebenso wie die englische Übersetzung: „Farewell to Binge Eating“.

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