Frage zum Buch: Summer gönnen?

Letzte Woche erhielt ich folgende Frage zum Buch „Essanfälle adé“, die ich mit Erlaubnis der Verfasserin hier anonym veröffentlichen darf:

Guten Tag Frau Wollinger

Ich erlaube mir Ihnen wieder zu schreiben, da ich noch eine offene Frage habe. Ich lese das Buch gerade zum zweiten Mal und versuche einige Dinge umzusetzen. Jedoch habe ich Mühe meine Summer zu hören, resp. mir diese zu gönnen. Ich habe diese Woche 2x mit einem Essanfall reagiert, weil es in meinem Kopf einen lauten Kampf gab was ich essen will vs. was ich essen soll.

Sie haben so schön geschrieben wie sie irgendwann kapituliert haben und ich fühle mich an einem ähnlichen Punkt. Ich habe keine Kraft mehr zu kämpfen, habe aber auch diese riesige Angst dann vollkommen das Mass zu verlieren und nur noch dicker zu werden.

Ich weiss, ich muss mich wohl einfach fallen lassen und vertrauen, aber gerade das fällt mir so schwer. Konnten Sie das einfach so umstellen? Hat Sie die Vernunftsstimme nicht wieder eingeholt?

Vielen Dank wenn Sie sich die Zeit nehmen für eine Antwort!

Ganz liebe Grüsse
J.

Liebe Frau J.,

das ehrt und freut mich, dass Sie das Buch ein zweites Mal lesen 🙂

Erstmal ist es toll, wie genau Sie wahrnehmen konnten, wieso Sie Ihre zwei  Essanfälle hatten! Essanfälle sind oft ein Zeichen dafür, dass etwas gegen uns läuft statt für uns.

Ich möchte Sie daher bestärken, Ihr eigenes Tempo zu finden!

Wenn Sie Angst haben, dann hören Sie auf sie! Sie brauchen sich nicht zu drängen, zwingen, das geht ja wieder gegen sich selbst und das wäre wieder das Gegenteil der Selbstliebe, um die es am Weg aus der Esssucht letztendlich geht.

Nur weil etwas vernünftig klingt, muss das nicht heißen, dass es für Sie im Moment genau so passt!

Angst an sich ist nichts Schlechtes! Im gesunden Ausmaß hält sie uns davon ab, Dinge zu tun, die für uns nicht gut sind. Vielleicht möchte Ihnen Ihre Angst sagen: „Die ganze Kontrolle auf einmal zu lockern?! Das geht nicht! Das ist mir zu viel!! Bitte gehe in kleineren Schritten!“

Vielleicht wären kleine Schritte, die Kontrolle in klar definiertem Rahmen zu lockern? Vielleicht möchten Sie probieren, beim nächsten Restaurant-Besuch das zu essen, was Sie als erstes anspringt? (Summer). Vielleicht beim Abendessen heute Abend ganz bewusst das Essen, was Ihnen als erstes in Gedanken kommt, statt erst mal mit dem „Gesunden“ zu beginnen?

Die Summer zu erkennen braucht Übung. Es braucht erstmal ein echtes „Summer-Erlebnis“ um wirklich zu spüren, was es bedeutet, einen Summer zu essen.

Sein eigenes Tempo zu gehen ist sehr sehr wichtig und hat viel mit Stärke zu tun, nämlich der Stärke zu sich selbst zu stehen.

Sich fallenzulassen und zu vertrauen funktioniert nicht „einfach“. Es ist vielmehr ein jahrelanger Prozess. Wir können nicht mental entschließen, das jetzt einfach zu tun. Es braucht Zeit und Erfahrung. Wir müssen ERFAHREN, dass wir uns vertrauen können.

Vielleicht hilft das Gedankenexperiment eines Betrugs oder einer Enttäuschung in einer Partnerschaft. Da mag der Kopf vielleicht beschließen „Ich verzeihe“ weil der Partner sagt „das kommt nie wieder vor“, aber das Herz, das Gefühl, braucht dennoch Zeit. Wir müssen ERLEBEN, dass wir wieder vertrauen können.

Um zu lernen, sich selbst zu vertrauen, kann es wichtig sein, NICHT über die eigenen Grenzen zu gehen, die momentanen Grenzen zu respektieren. Einen anderen Weg zu finden und zwar den höchst persönlichen.

„Ab jetzt immer“ funktioniert nicht. Es geht darum, Schritt für Schritt zu gehen. Selbstliebe heißt unter anderem, das Mögliche von sich selbst zu verlangen, statt sich Dinge aufzudrängen, die sich die Zielstrebigkeit wünschen würde.

Möglicherweise ist das „drehen“ am Essverhalten im Moment nicht dran? Möglicherweise möchten Sie momentan eher im „Projekt Selbstliebe“ vorangehen?

Vielleicht ist es auch momentan bereits genug, wenn Ihnen bewusst ist, was Sie tatsächlich essen möchten, sich aber dennoch für das „Gesunde“ entscheiden. Das darf auch sein! Sich komplett ins Risiko zu begeben kann wirklich zu viel auf einmal sein!

Es gibt so viele Schritte die gegangen werden können. Wir dürfen es uns am Weg einfach machen, wir müssen nicht unbedingt gleich mal das Schwerste herauspicken, nur weil wir denken, dass wir nur dann „ordentlich“ weiterkommen, wenn es richtig, richtig schwer geht. Entwicklung darf auch leicht gehen und Freude machen!

Vielleicht gibt es etwas im Buch, das Sie ebenfalls „anspringt“ aber leichter umzusetzen momentan? Letztendlich ist es egal, welche Schritte wir gehen. Am Ende ist es dann die Summe aller Schritte, die zu einem Leben führen, in dem wir uns wohl fühlen. (was das Gewicht inkludiert)

Ich hoffe, Ihnen mit dieser Antwort ein wenig weitergeholfen oder Mut gemacht zu haben!

Herzliche Grüße aus Wien,

Olivia Wollinger

P.S. Zum Abschluss noch ein kleines Video zum Schmunzeln, wo es auch um „Summer“ geht 🙂

2 Gedanken zu „Frage zum Buch: Summer gönnen?

  1. I.S.

    Liebe Olivia,
    ich hoffe, Frau J. hilft dein Beitrag; ich finde ihn unglaublich wertvoll und unterstützend! Ich kann immer wieder aus deinen Worten lernen 🙂

  2. Jana

    Liebe Frau J.,
    ich stand vor 3 Jahren an genau dem selben Punkt und habe dann mit Hilfe von Fr Wollinger „kapituliert“. Anfangs hatte ich auch Angst, dass ich dann mein restliches Leben lang nur noch essen werde und nie wieder aufhören werde können, aber ich wusste keinen anderen Ausweg mehr und hab mich dann auf dieses Experiment eingelassen. Jeden Tag und immer einfach alles zu essen, worauf ich gerade Lust hatte. Was hatte ich noch zu verlieren? Allein schon als ich diese Entscheidung getroffen hatte, fühlte ich mich erleichtert. Jeden Tag ging ich nach der Arbeit einkaufen, kaufte mir alles, was ich mir jahrelang (!) verboten hatte und hab es dann zuhause gegessen. Fast immer genüsslich, weil plötzlich keine Verbote mehr da waren. Natürlich war es anfangs trotzdem viel zu viel und mir war danach oft schlecht, und ich wusste auch, dass ich bei diesem Experiment nochmal zunehmen werde. Aber im Nachhinein war es für mich das Beste, was ich in dieser festgefahrenen Situation tun konnte.
    In dieser Phase ging mir irgendwann „der Knopf auf“. Nicht von einer Sekunde auf die andere, schleichend. Ich kann den Moment gar nicht nennen. Irgenwann hatte ich das viele und großteils ungesunde Essen wortwörtlich satt. Und wusste, ich muss mir eigentlich nichts verbieten, wenn ich mag, esse ich es einfach. Es hat danach auch noch sehr lange gedauert, bis ich zu meinem heutigen Essverhalten gekommen bin, aber diese Kapitulation war für mich definitiv der Neuanfang.
    Natürlich tickt jeder anders, hat andere Bedürfnisse und braucht unterschiedlich lang Zeit, aber ich will Ihnen damit nur Mut machen, dass Sie keine Angst vor dem Loslassen und Vertrauen haben müssen.
    Alles Gute, Jana

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