Wie kann ich meinen Kinderwunsch loslassen?

In der Kinderwunschzeit gibt es diesen einen Satz, der die meisten Frauen aus der Haut fahren lässt:“Mach einen schönen Urlaub, LASS EINFACH LOS und dann wird es schon klappen mit dem Baby!”

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Wenn das doch nur so einfach wäre!

Wie kann man den Kinderwunsch loslassen, wenn ein Kind doch der größte Wunsch ist? Wie soll man nicht an den Kinderwunsch denken, wenn man tagtäglich durch die anderen Frauen mit ihren schwangeren Bäuche oder Kinderwägen daran erinnert wird? Wie soll man es schaffen, nicht auf seinen Zyklus zu achten, um “es” zum richtigen Zeitpunkt zu probieren? Die Angst, wieder einen Monat verschwendet zu haben, ist viel zu groß!

Das Loslassen des Kinderwunsches ist nichts, das über Nacht passiert. Vielmehr ist es ein Prozess. Zuallererst scheint mir folgendes wichtig: Den Kinderwunsch loszulassen heißt nicht, sich selbst vorzumachen, dass der Wunsch nicht mehr wichtig sei. Es heißt nicht, den Wunsch zu verdrängen, indem man sich in zahlreiche Aktivitäten stürzt. In beiden Fällen ist meiner Erfahrung nach der Kinderwunsch nicht losgelassen, sondern sozusagen unter den Teppich gekehrt.

Ein nicht losgelassener Kinderwunsch fühlt sich an, wie wenn man sein Leben durch ein Fernrohr betrachtet: Man sieht links und rechts nichts mehr, das einzige, das wahrgenommen wird, ist das Kind in der Ferne. Loslassen bedeutet, dieses Fernrohr beiseite zu legen, also sein Leben in der vollen Fülle zu erleben und trotzdem noch das Kind in der Ferne wahrzunehmen. Loslassen heißt, dass der Kinderwunsch nicht mehr das Leben dominiert, sondern sich darin integriert.

Das “Ich kann mein Leben ohne Kind nicht genießen” wird zu einem “Ich wünsche mir sehr ein Kind um mein Leben zu bereichern. Trotzdem akzeptiere ich mein Leben, so wie es jetzt ist und lasse zu, es zu genießen. Mein Wunsch an das Universum ist abgesendet, es weiß Bescheid. Ich begebe mich in den Fluss des Lebens und vertraue darauf, dass genau das passiert, was passieren soll.”

Wenn der Kinderwunsch losgelassen wurde, ist er noch da, aber nicht mehr so brennend, so schmerzend. Schwangere Bäuche verursachen keinen Nervenzusammenbruch mehr, manchmal vielleicht ein sehnsüchtiges Seufzen. Die Trauer darf nach wie vor da sein, sie fühlt sich allerdings sanfter an und beschäftigt uns nicht mehr 30 Tage lang im Monat. Wir tun trotzdem noch Dinge für unsere Gesundheit, hetzen aber nicht mehr unentwegt von einer/m Expertin/en zur/m nächsten. Der Weg geht weiter, doch er wird angenehmer, weil wir nicht mehr nur das Mühsal, den Mangel sehen, sondern auch die Natur ringsherum.

Wie erreicht man nun diesen Zustand des “Loslassens”? Meiner Erfahrung nach kann man nicht einfach so entscheiden “Ab heute lasse ich meinen Kinderwunsch los”. Vielmehr ist es ein Prozess, auf den man sich Schritt für Schritt mehr einlässt. Nachfolgend beschreibe ich ein paar Ideen dazu, die sich in meiner Praxis als hilfreich erwiesen:

Gefühle zulassen: Loslassen heißt meiner Meinung nach nicht, dass wir alle Gefühle, die mit dem Kinderwunsch zu tun haben, verdrängen oder herunterspielen. Wir dürfen traurig sein, wenn sich wiedermal die Regel ankündigt, wir dürfen wütend werden, wenn eine Kollegin schwanger wird. Wir dürfen Angst haben, dass sich der Wunsch vielleicht niemals erfüllen wird. Das sind ganz normale Gefühlsregungen und sind OK. Förderlich ist es, diese Gefühle fließen zu lassen, das heißt sie kommen und auch wieder gehen zu lassen, so wie Wellen. Bildlich gesprochen baden Sie dann nicht mehr in Ihren belastenden Gefühlen, sondern diese dürfen kommen und gehen wie Wellen, genauso wie viele andere Gefühle tagtäglich. Dies ist ein Lernprozess, bei dem Sie die EmotionalKörper-Therapie unterstützen kann.

Umgang mit Neid: Ich finde, dass es nur ein Teil der Wahrheit ist, wenn wir uns von dem Leben “der anderen” die Rosinen herauspicken und darauf unseren Neid lenken: “Oh, sie hat ein Haus, hätte ich gerne.”, “Oh, sie hat einen Traumjob, her damit.”, “Ah, sie hat ein Baby, will ich auch.” Das Leben besteht aber mehr als nur aus Teilaspekten, es ist eine Gesamtheit! Bei Neidanfällen finde ich es hilfreich sich zu fragen: “Würde ich wirklich mein ganzes Leben mit dem dieser Frau tauschen wollen? Also alles, Vergangenheit, Mann, Verwandtschaft, Wohnung, Beruf, Aussehen?” und „Mit welche Aspekten in meinem Leben bin ich zufrieden? Wo möchte ich definitiv nicht tauschen?“

Fruchtbarkeitsmassage: Manchmal kreisen die Gedanken unablässig rund um das Wunschkind. Sie fühlen sich fast an, wie die Hintergrundmusik im Supermarkt: Sie sind immer da während wir andere Dinge tun. Die Fruchtbarkeismassage hilft, dem Bauch positive Zuwendung zu schenken und gemeinsam mit der Muskulatur die Gedankenkreise zu lösen.

Fokus auf die Fülle legen: Wenn die Gedanken unablässig um den Mangel (kein Kind!) kreisen, ist es hilfreich, sich die Fülle des Lebens bewusst zu machen. Das können Sie, indem Sie sich jeden Abend fünf Dinge zu überlegen, für die Sie heute dankbar waren, über die Sie sich gefreut haben, die Sie schön oder angenehm fanden. Falls Sie möchten, notieren Sie sich diese in Ihr Tagebuch. Bitte finden Sie möglichst kleine Vorkommnisse wie zum Beispiel: Der Straßenbahnfahrer hat extra für mich angehalten; die Rose roch gut; die Verkäuferin lächelte freundlich; mein Partner schickte eine liebe SMS; die Dusche war angenehm warm; meine Katze begrüßte mich; die Sonne tat gut im Gesicht.

Eine weitere Idee wäre es, Ihrem Partner einen Liebesbrief zu schreiben und Ihren Fokus auf diese Liebe, die bereits in Ihrem Leben ist, zu lenken.

Fokus auf das Jetzt: Wenn die Gedanken um das Wunschkind kreisen, sind sie in der Zukunft. Hier kann es helfen, die Gedanken herzuholen, in das Jetzt. Dies braucht stetige Übung, dazu gibt es zahlreiche Möglichkeiten. Eine ist es, Routinetätigkeiten bewusst auszuführen. Dies tun Sie beispielsweise indem Sie sich selbst erklären, was Sie gerade tun. Wenn Sie alleine sind, laut, wenn jemand anderer da ist, im Geiste. Beispielsweise beim Abwasch: „Ich nehme den Schwamm, ich halte ihn unter das Wasser, das Wasser fühlt sich heiß an, ich nehme den Teller, der spürt sich glatt an, ich putze den Teller, ich höre das Geräusch“ und so weiter. Bei dieser Übung können Sie Ihren Kopf beschäftigen, indem Sie ihn als Verbündeten mit ins Boot holen. Er gießt das, was Sie spüren und wahrnehmen, in Worte.

Eine andere Möglichkeit ist es, bewusst auf jene Sinnenwahrnehmungen zu achten, die in unserem Alltag weniger Aufmerksamkeit bekommen. Hören Sie beispielsweise dem „Klacke-die-klack“ der Rolltreppe zu, riechen Sie an einer Blume, spüren Sie den Wind auf Ihrem Gesicht.

Das Vergrößerungsglas vom Bauch wegnehmen: Frauen mit Kinderwunsch beachten in der zweiten Zyklushälfte ihren Bauch wie durch ein Vergrößerungsglas. “Hier zwickt etwas! Könnte das heißen, das …?”. “Hier ist etwas anders als sonst, vielleicht ….”. Vorsorglich wird begonnen sich zu schonen, keinen Tropfen Alkohol mehr zu trinken. Wenn die Regel kommt, waren diese Vorsichtsmaßnahmen schon wieder mal umsonst. Ich finde hier den Satz hilfreich: “Ah, hier zwickt es. Ja, es wäre schön, wenn ich schwanger wäre. Aber das werde ich noch früh genug erfahren. Jetzt konzentriere ich mich wieder auf etwas anderes.”

Welche Wünsche möchte ich erfüllt haben? Nehmen Sie ein Blatt Papier und notieren Sie, welcher Ihrer Wünsche erfüllt werden, wenn das Kind da ist? In meiner Praxistätigkeit sind mir hier schon die unterschiedlichsten Dinge untergekommen, wie zum Beispiel: Ich möchte endlich Pause von diesem öden Job; ich möchte endlich kindische Dinge tun; ich wünsche mir viel Spaß; Lebensfreude; Sinn im Leben; ich möchte mehr raus in die Natur gehen; dann wird mein Mann endlich nicht mehr so faul auf der Couch liegen; ich möchte große Liebe spüren; ich möchte dass ein Kind auf mich zuläuft und mich strahlend begrüßt; ich möchte basteln; ich möchte mich bei meinen Freundinnen nicht mehr als Außenseiterin fühlen und so weiter.

Können Sie sich von Ihrer Liste vielleicht schon jetzt einige Dinge erfüllen? Können Sie beispielsweise die Liebe zu Ihrem Partner noch mehr kultivieren? Kindische Dinge tun? Einen Jobwechsel andenken? Dinge in Ihr Leben integrieren, die Ihnen Spaß machen? Sich mit Freundinnen treffen, wo Sie sich wohl fühlen, so wie Sie jetzt sind?

Wenn Sie das schaffen, verringert sich Ihr gefühlter Mangel um ein weiteres Stück und Ihr Wunschkind bekommt nicht zahlreiche Aufgaben oder Zuschreibungen aufgebürdet, noch bevor es auf der Welt ist.

Wenn….dann Gedanken: Im Kinderwunsch beschäftigen viele Frauen oftmals die folgenden drei Fragen: “Wenn ich den Job wechsel und dann schwanger werde, was tue ich dann? Das kann ich meinem neuen Chef nicht antun!”. “Wenn ich eine große Reise buche und dann schwanger werden, was dann? Soll ich die teure Reiseversicherung zahlen?” und „Was wenn ich jetzt schwanger bin? Sollte ich lieber keinen Alkohol mehr trinken?“

Hier finde ich es wichtig, uns wieder in das “Jetzt” zu holen und sich beispielsweise zu sagen: “Ich tue jetzt das, was jetzt stimmig ist. Was dann sein wird, werde ich dann sehen.” Immer den Gedanken “aber was wenn ich dann schwanger bin” mitzudenken, wenn wir unser jetziges Leben leben oder unsere Zukunft planen, bedeutet mit dem Auto mit angezogener Handbremse zu fahren. Wir wissen nicht, wie lange die Kinderwunschreise dauert. Mitunter dauert sie Jahre, manchmal erfüllt sich der Kinderwunsch nie. Im schlimmsten Fall hieße das, dass wir 15 Jahre lang niemals über die Stränge schlagen und keine große Reise oder keinen Jobwechsel planen können!

Wechsel der Gewohnheiten: Wenn sie ein Jahr an festen Gewohnheiten festgehalten haben, die aber nicht zu einer Schwangerschaft führten, dann empfehle ich eine Pause davon anzudenken. Also beispielsweise, wenn Sie seit Monaten eine bestimmte Eisprung-Messmethode anwandten, die bisher nicht zum Ziel führte: Lassen Sie diese für drei Monate lang weg. Wenn Sie seit Monaten, vielleicht sogar seit Jahren immer darauf achteten, rund um den 13. Tag Sex zu haben, dann legen Sie für die nächsten drei Monate Ihre Aufmerksamkeit beispielsweise auf Ihr Lustempfinden. Für das Loslassen ist es hilfreich, eingefahrene Wege für eine Zeit lang zu verlassen und Neues, manchmal sogar “Verwegenes” auszuprobieren. (Der Gedanke, in der Kinderwunschzeit nicht um den 13. Tag herum Sex zu haben, ist tatsächlich ziemlich “verwegen”!)

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