Binge eating im Alltag

Die Heilung von Binge Eating ist möglich, doch es ist ein Prozess, der nicht von heute auf morgen zu schaffen ist. Das ist eine Tatsache. Der Weg aus der Esssucht beginnt damit, auch dies zu akzeptieren. Letztens erreichte mich folgende Mail einer ehemaligen Worskhop Teilnehmerin, die diesen Kampf, das auf und ab beschreibt: (ich darf sie hier mit ihrer Erlaubnis veröffenlichen, den Namen habe ich verändert, spezielle Infos zu ihrer Person mit XX anonymisiert)

Hallo Olivia,

seit einigen Tagen überlege ich mir, ob ich dir schreiben soll.

Ich würde dich gerne nochmal etwas fragen bzgl. dem Essen/meinem Essen, da ich merke, dass es mich beschäftigt und ich aber gar nicht weiß wie ich damit umgehen soll, bzw. was dahinter steckt.

Es ist so, dass ich ständig Lust auf Schokolade und Süßes habe. Ich habe dir das schon einmal geschrieben. Das fängt schon morgends an, dass ich nach dem normalen Frühstück (Brot, Müsli + Obst = esse ich eigentlich sehr gerne) immer noch Lust auf Schokolade habe. Ich esse dann meist ein bisschen Schokolade um diese Lust zu stillen. Wenn ich daheim bin bei meinen Eltern, löffel ich immer ein bisschen im Nutella meiner Schwester rum. Wenn ich dann in der Arbeit bin, so gegen 8Uhr, habe ich nach ca. 30Min wieder Lust auf etwas Süßes. Das kann ich mir gar nicht erklären (meine momentane Arbeit als Aushilfs-Sekretärin ist soweit ok – sonst bin ich XX, was mir gar nicht mehr gefällt).

Nach dem Mittagessen schließe ich meist mit Süßem ab, Schokolade oder ähnliches. Das ist für mich ok, doch auch hier muss ich auch immer „aufpassen“, dass ich nicht in „zu viel essen/ in einen Süßigkeiten-Wahn“ komme. Schon ein paar Bissen zu viel können bei mir der Auslöser sein, dass ich weiter und weiter esse.

Abends ist es für mich auch immer schwer, dass ich nicht weiter esse. Ich muss dazu sagen, dass ich meist neben dem Fernseh schauen esse, da es in unserer WG nicht üblich ist, in der Küche zu essen (aus verschiedenen Gründen). Ich merke oft, dass ich nach dem Abendessen auch noch Lust habe hier und da noch etwas zu essen/naschen und auch wieder Schokolade. Wenn ich dann nicht sofort zum Sport gehe, dann kann das sehr ausarten.

Im allgemeinen merke ich, dass ich abends vermehrt Probleme habe mit dem Essen, wenn ich früher Heim komme, oder dann nach dem Abendessen nicht sofort in den Sport gehe, oder einen anderen Termin habe. Manchmal sehne ich mich einfach nach Ruhe und auch nach „daheim bleiben wollen“, doch dann scheine ich aus Langeweile essen zu wollen. Ich weiß es nicht genau, was mich am Abend so dazu treibt… es kann sein, dass die anderen Faktoren alle ok sind, z.B. Arbeit, Beziehung, wenig Stress, usw….

Vielleicht liegt es daran, dass ich innerlich doch auch immer noch unzufrieden mit mir selber bin. Nach außen hin würde ich sagen komme ich mit mir selber zurecht. Doch innerlich scheine ich mich nicht zu mögen. Ich würde gerne abnehmen und schlanker sein, ich würde auch gerne mich selber mehr mögen wollen, mir von innen heraus sagen können, dass ich mich mag. Doch ich glaube, dass ich schon auch sehr unbewusst an mir selber rumnörgel und mich selber schlecht mache. Ich merke, dass ich mich z.B. auch gar nicht richtig glücklich fühle, sonder meist ist mein Befinden ein „OK“.

Beim Sport lese ich während des Rad fahrens immer gerne deine Publikation, die ich sehr gut finde und die mich total anspricht. Ich denke dann oft, dass ich mehr für mich machen sollte, z.B. mehr lesen, vielleicht mal wieder einen Workshop, ich auch daran erinnern, was ich im November bei deinem Workshop erlebt und mitgenommen habe z.B. mir sagen, dass mein Süßigkeitenkonsum ok ist usw….  – doch so wirklich mache ich das nicht.

Momentan ist es auch so, dass ich hin und her gerissen bin zwischen „abnehmen wollen“ und „alles Essen wollen, worauf ich Lust habe“. Ich habe noch Kleidung in meinem Schrank mit Größe 36, die ich mir 2009 während eines Therapeutischen Wohnens gekauft hatte (ich habe damals sehr abgenommen). Ich würde so gerne wieder in diese Kleidung passen wollen, da viele Teile ungetragen oder max. 1x getragen sind. Letztens hat mich das nachts so beschäftigt, dass ich sogar aufgewacht bin und mir die Klamotten aus dem Schrank hängen musste, dass ich sie am nächsten Tag anprobieren konnte, ob die „endlich“/“schon“ passen. Das war leider nicht der Fall und ich habe sie deprimiert und enttäuscht wieder in den Schrank gehängt. Gleichzeitig habe ich aber diesen Starken Drang nach Scholokade/Kekse usw…., dass ich mir Süßes gönne. Oh man!!!!!

Diese ganze hin und her gerissen sein führt dazu, dass ich inzwischen angefangen habe zu erbrechen wenn ich mir zu sehr überesse. Ich mag dieses Gefühl nicht mehr in mir haben, so vollgestopft zu sein, ich habe starke Angst davor zu zu nehmen, dass meine Anstrengungen mit dem Süßigkeiten-Essen zu nichte gemacht werden….auch meine Bemühungen im Sport (obwohl ich gerne Sport mache und ich mich danach immer gut fühle)…. usw…

Vielleicht fällt dir ja etwas zu meiner Mail ein. Ich würde mich freuen, wenn ich von dir hören, gerne auch aus deinen eigenen Erfahrungen oder auch wie meine Mail auf dich wirkt. Ich hoffe, ich habe sie nicht zu wirr geschrieben. Denn eigentlich wollte ich gar nicht so viel schreiben, doch während des schreibens ist mir immer mehr eingefallen, das ich dir gerne von mir erzählen will, um dir zu sagen, zu beschreiben wie ich „ticke“.

Ganz liebe Grüße N.  …. und vielen Dank für’s zuhören :o)

Hier meine Antwort:

Liebe N.,

der Inhalt Deiner Mail ist sehr komplex und spiegelt das Wesen der Esssucht sehr gut. Denn Esssucht ist komplex. Man denkt es sei alles einfach „nur“ essen, ist es aber nicht.

Manchmal ist es schwer das „warum“ zu ergründen, manchmal erschließt sich das erst im Nachhinein. Da ist es wichtig, nicht zu viel Energie hineinzustecken sondern mehr in das Jetzt, also was brauche ich jetzt eigentlich wirklich. Diese Frage alleine zu lösen ist schwer. Daher gleich meine Frage:

Bist Du in Begleitung? Wenn nein rate ich Dir, Dir Hilfe zu gönnen, damit Du nicht im Kreis drehst. Am besten eine Therapeutin, die mit der Körperebene arbeitet. Die Gedanken scheinen überhand zu nehmen und da ist es wichtig, wieder in den Körper zu gehen.

Weiters: Hast Du Dich schon mit 5-Elemente (TCM) Ernährung beschäftigt? Dein Heißhunger kann auf physische Gründe haben. Ich empfehle Dir, Dich mit Porridge zu beschäftigen, siehe http://www.aivilo.at/category/kochrezepte-5-elemente/

Weiteres „heißes“ Thema: Selbstliebe. Da zu gibt es z.B. ein wunderbares Buch (auch als Hörbuch) von Bärbel Mohr.

Ich habe den Eindruck, dass Du Dich grad im Kreis drehst oder im eigenen Saft kochst, wie man so schön sagt. Ich habe das Gefühl, es braucht neuen Input von außen um weiter zu gehen.

Kannst Du damit was anfangen?

Liebe Grüße, Olivia

Die Antwort von N:

Liebe Olivia,

Danke für Deine Antwort.

Ja, ich kann mit deinen Zeilen etwas anfangen. Ich habe auch schon mal auf deiner Internetseite die Rezepte durchgestöber und die 5-Elemente-Ernährung gesehen. Ich möchte mir das noch näher anschauen.

In Begleitung bin ich – eigentlich schon sehr lange, allerdings nur auf Verhaltenstherapie. Mit Körpertherapie habe ich mich bis jetzt noch nicht beschäftigt, ich werde mir das mal anschauen und ein bisschen im Internet googlen was es hier in XX für Adressen gibt. Gibt es denn von deiner Seite aus einen Tip worauf ich bei einer Körpertherapie achten sollte – wären Erfahrungen mit Essstörungen bei der Therapeutin von vorteil?

Als ich in deinem Workshop war hast du mir auch ein Hörbuch genannt, das du momentan selber hörst. Ebenso habe ich mir auch das Buch augeschrieben „Essen als Eratz“. Die Notiz liegt seit dem Besuch bei dir an meinem Laptop, da ich es bis jetzt nicht geschafft habe mir das über Amazon zu bestellen – ich glaube da kommt dieser innere Kritiker, der an meine Tür klopft und sagt „braucht es das denn wirklich?! – Im Nachhinein liegt es womöglich nur im Schrank rum…..“.

Ich möchte mir das nochmals zu Herzen nehmen….

Herzlichen Dank für deine schnelle Antwort,

ganz liebe Grüße,

Daniela

und schließlich:

Liebe N.,
Ja tu das alles …. das klingt nach Bewegung! Bewegung ist gut!Ich glaube direkte Erfahrung einer Therapeutin mit Esssucht ist nicht notwendig aber hilfreich. Es geht um die empathische Begleitung bei Körperschema-Themen und vor allem darum: Alles was ich denke … wie spürt sich das in meinem Körper an? Welches Gefühl macht das? Wo in meinem Körper ist das lokalisiert? Es geht darum, dass Du nach der Therapie das Gefühl hast: Da bewegt sich was. Wenn Stillstand ist unbedingt mit der Therapeut/in besprechen!!Ganz gut sind auch Aufstellungen, aber vielleicht war das ja schon Teil Deiner Therapie. Also alles was nicht nur denken-reden ist sondern spüren, fühlen und dadurch erkennen. Liebe Grüße!Olivia

 

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