Iss doch endlich mal normal!

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Hilfen für Angehörige von essgestörten Mädchen und Frauen von Bärbel Wardetzki.

Ich empfehle dieses Buch sowohl Angehörigen als auch Esssüchtigen selbst. Das Buch hilft die Muster der Esssucht und die Einbettung in Familiensysteme und Umwelt zu verstehen… und damit letztendlich die Angehörige bzw. sich selbst.

Das Buch zeigt auf, dass niemand alleinig die Schuld trägt. Dies hilft einerseits Eltern/Partnern mit der eigenen Schuldfrage umzugehen. Andererseits hilft dies den esssüchtigen Frauen und Mädchen etwaige allzu rasche Schuldzuweisen zu hinterfragen und die „andere“ Seite, nämlich jener der engsten Bezugspersonen, zu verstehen.

Das Buch geht auf typische Konflikte ein (z.B. „Terror machen“) ein, sodass sich Eltern /Partner nicht mehr so alleine mit ihren Problemen fühlen. Dazu gibt es konkrete Handlungsschritte. Jedoch wird deutlich aufgezeigt, dass die Lösung keine rasche und einfache ist sondern ihre Zeit braucht. Das Buch hält dazu an, eigene Muster zu hinterfragen und zu überdenken. An der Esssucht der Tochter oder Partnerin zu reifen und zu wachen um letztendlich gemeinsam eine neue Art der Beziehung zu definieren.

Nachfolgend ein paar für mich spannende Einsichten bzw. Textpassagen aus dem Buch:

Suchterkrankungen gehören zu jenen Herausforderungen, die wir nicht mit noch mehr Anstrengung und Bemühen sinnvoll beantworten können, sondern durch Innehalten. So wie sich die Betroffenen im ersten Genesungsschritt ihre Machtlosigkeite gegenüber ihrer Sucht eingestehen müssen, so müssen die Angehörigen ihre Grenzen in Bezug auf die essgestörte Tochter oder Partnerin akzeptieren.

Jede Partei hat ihre Triumpfe in der Hand, die zur entsprechenden Zeit ausgespielt werden. Eltern und Töchter wissen genau, wo der wunde Punkt der Gegenseite ist und wo sie sie treffen können. Eine der stärksten „Waffen“ ist die Androhung des Suizids.

Zur Schuldfrage: Wenn Fehler passiert sind ist das Ziel ist nicht Anklage und Verurteilung, sondern Lernen aus Fehlern und verzeihen frühere Verfehlungen. Je kritischer das Gewissen umso starrer ist jemand. Wardetzki unterscheidet zwischen neurotischem Schuldgefühl (dient eher der Fixierung auf das Problem) und dem Schuldbewusstsein (das hilft Probleme zu lösen). Es braucht Mut Schuld anzunehmen.

Eltern sind auch nur Menschen und alle Menschen machen Fehler. Sie begehen ihre Fehler in der Regeln nicht absichtlich oder vorsätzlich sondern aus ihrer eigenen Lebensgeschichte heraus. Es gilt zu unterscheiden zwischen Selbstanklagen und wirklichen Fehlern.

Das Bedingungsgefüge für die Entstehung der Esssucht ist sehr komplex und sowohl von individuellen Faktoren der Tochter als auch von familiären, kulturellen und gesellschaftlichen Normen abhängig. Die Mutter ist dabei lediglich ein Teil dieses Gefüges und trägt ihren Anteil dazu bei, kann jedoch nie als alleinige Schuldige hingestellt werden.

Die Genesung der Tochter (Partnerin) darf nicht mit dem Selbstwertgefühl der Eltern (Partner) verknüpft werden. Nach dem Motto „Nur wenn du gesund wirst, geht es mir wieder gut“.

Das Wesentliche am Loslassen scheint zu sein, dass die Angehörigen lernen, sich um sich selbst zu kümmern und die Tochter/Partnerin nicht mehr zum Mittelpunkt Ihre Denkens, Handelns und Fühlens zu machen. Viele glauben, ihre Tochter/Partnerin zu verraten und fallen zu lassen, wenn sie für sich selbst Verantwortung übernehmen. Sie übersehen dabei, dass die Tochter/Partnerin entlastet wird, wenn die Angehörigen Verantwortung für sich übernehmen und sie lernen muss, sie für sich selbst zu entwickeln. Erst dann ist Genesung möglich.

Wardetzki zeigt auf, dass die Stufen, die Angehörige in der Auseinandersetzung durchlaufen ähnlich jener von Kübler-Ross sind: Phase der Verleugnung, Phase der Wut und des Selbstmitleids, Phase des Verhandelns, Phase der Depression, Phase des Akzeptierens.
(…) Das Akzeptieren der Situation bedeutet nicht Resignation, sondern den Entschluss, mit dem Problem zu leben und aktiv damit umzugehen. Die Kräfte, die bisher im Kampf gegen die Situation zur Leugnung, Wut, Verhandlung und Depression eingebunden waren, sind nun frei für das Leben mit selbstbestimmter Gestaltung dessen was ist.

Ein Gedanke zu „Iss doch endlich mal normal!

  1. Marlen Fritz

    Ich habe schon so manches Stück des Weges beschritten, welches im Buch super beschrieben wird, daher konnte ich auch im Selbsttest – ich habe ihn 2 mal gemacht…1 mal aus meiner Anfangssicht (rot) und einmal aus heutiger Sicht (grün), den Unterschied zwischen „Gestern“ und „Heute“ feststellen.Vielen Dank für diese Möglichkeit!
    Das Buch hat einen festen Platz in meinem Leben, denn wenn ich merke, ich falle in alte Verhaltensweisen zurück, dann lese ich, die für mich wichtigen Stellen und finde dann wieder ganz von alleine zurück, da ich ja weiß, um was es gerade geht.

    Herzlichen Dank – für diese wirklich einmalige Hilfe – für „einfach“ Alles !

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