Wenn sich „nichts“ tut am Weg aus der Esssucht

Woran lässt sich festmachen, dass Sie gut am Weg aus der Esssucht sind? Welche Indikatoren gibt es? Ist es „nur“ der Essanfall, der als Kriterum für den Ausstieg aus der Esssucht hergenommen werden kann oder gibt es doch noch andere?

In meine Praxis kommen immer wieder Frauen mit Esssucht (Bulimie und/oder Binge Eating), die mir erzählen, das sie schon soooooo viel gemacht hätten und das hätte alles „nichts“ gebracht. Da frage ich dann meistens nach, was heißt denn „nichts“? Die Antwort ist meistens: Die Essanfälle sind noch da!!! Aha! Da liegt der Wurm!

Es ist sehr sehr wichtig zu wissen, dass die Tatsache ob Essanfälle da sind oder nicht kein geeigneter Indikator dafür ist, ob der Weg aus der Esssucht erfolgreich beschritten wird. Denn: Die Essanfälle werden solange bleiben, bis sie von uns nicht mehr gebraucht werden. Das heißt, es ist gut damit zu rechnen, das sie uns noch eine Weile begleiten werden und das ist gut so, denn sie erfüllen einen wichtigen Zweck in unserem Leben. (auch wenn wir das nur ungerne anerkennen möchten)

Wie kann also man dann „messen“, ob sich etwas getan hat? Es vor allem folgende Indikatoren:

Qualität der Essanfälle

Fragen Sie sich z.B.: Hat sich die Qualität meiner Essanfälle verändert im Vergleich zu vor 1 bis 2 bzw. 5 Jahren?  Schauen Sie genau hin! Essen Sie vielleicht weniger unappetitlich als damals? Essen Sie weniger verschiedene Speisen durcheinander? Sind es vielleicht „nur“ noch von einer Speise die doppelte Menge? Wechseln Sie noch immer wie wild zwischen süß und salzig hin und her? Brechen Sie seltener? Hat sich die Größe der Essanfälle vielleicht verändert? Also reichen vielleicht 100g Schokolade statt 500g? Prüfen Sie genau! Wie ist es jetzt, wie war es damals? Ist der Essanfall vielleicht weniger dringlich als damals, also wäre es nicht so schlimm, wenn Sie noch eine halbe Stunde länger warten müssten? Wenn sich hier Veränderungen ergeben haben, können Sie das als Erfolg werten! Nicht die Tatsache, dass der Essanfall noch da ist sondern die Veränderung der Qualität zählt.

Veränderungen im (Alltags-)Leben

Weiters betrachten Sie Ihr Leben und vergleichen Sie:  Kann ich öfters anders / besser umgehen mit schwierigen Situationen in meinen Leben als vor 1 bis 2 bzw. 5 Jahren? Hat sich in meiner Lebenssituation etwas verbessert im Vergleich zu vor 1 bis 2 bzw. 5 Jahren? Denken Sie beim prüfen der Veränderungen so klein wie möglich, also werten Sie nicht nur große Dinge wie Jobwechsel, Wohnungswechsel oder ähnliches. Unser Alltag ist eine Summe aus Banalitäten, aus kleinen Dingen und Gesten. Können Sie z.B. ab und zu nein sagen, wo es früher noch ein ja war? Achten Sie ein bisschen mehr auf Ihre Bedürfnisse als früher? Können Sie ab und zu so sein, wie Sie sind ohne sich zu genieren? Trauen Sie sich Dinge, die sie sich vor ein paar Jahren noch nicht getraut hätten? Wenn sich hier Änderungen ergeben haben, ist das als Erfolg zu werten!

Ich bin mir fast sicher, dass Sie bei genauer Prüfung wie oben beschrieben Änderungen feststellen werden. Vielleicht nicht die Änderungen, die Sie sich wünschen (z.B. keinen Essanfall sein, „immer“ glücklich und froh sein und sich „immer“ rank und schlank fühlen) dafür aber ganz viele andere Dinge.

Und sollte sich tatsächlich und wirklich rein überhaupt gar nichts getan haben, so ist eine Änderung Ihrer Strategie zu empfehlen oder vielleicht braucht es andere Professionisten für Ihre Begleitung. Sprechen Sie mit Ihrer/Ihrem Therapeuten/in darüber!

 

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