Feindbild Essen

Es gibt viele Wege aus der Essstörung, doch der erste Schritt muss getan werden und danach einer nach dem anderen.

Essstörung. Für nicht Betroffene ist sie kaum nachvollziehbar, für Betroffene bedeutet sie meist die Hölle. Das Denken kreist andauernd um das Thema Essen, sodass fast alle Handlungen darauf ausgerichtet sind. Die Gemütsverfassung hängt davon ab, ob ein „guter“ oder „schlechter“ Esstag war. Oft werden sogar Treffen mit Freunden gemieden, da das Essen in der Öffentlichkeit zur Qual wird. Hunger- und Sättigungsgefühl können nicht mehr wahrgenommen werden. Nach dem Essen wird lange mit dem schlechten Gewissen gekämpft und mit der panischen Angst, zuzunehmen. Viele Betroffene leiden außerdem an unkontrollierbaren Essattacken, die ausgeglichen werden durch Hungerperioden, absichtliches Erbrechen, Abführmittel und/oder durch die eigenen Kräfte überfordernden Sport. Es wird versucht, die Gier nach Essen zu zügeln, weniger bzw. gesund zu essen und sich abzulenken. Doch meistens führen genau diese Maßnahmen nicht zu dem heiß ersehnten Ziel der Sucht-Freiheit. Warum ist das so?

Das liegt daran, dass hier nur das Symptom und nicht die Ursache des Problems bearbeitet wird, also nur die sichtbare Spitze des Eisbergs, nicht aber jener viel größere Teil, der unter der Wasseroberfläche liegt. Die Essstörung ist ein deutliches Zeichen dafür, dass etwas im Leben nicht stimmt. Beispielsweise haben die Betroffenen zu wenig Selbstbewusstsein, sie haben verlernt, Gefühle zuzulassen oder sie sind unglücklich über ihre Lebenssituation (Beruf, Partner, Eltern, Freunde etc.). Die ständige Beschäftigung mit dem Essen bewirkt allerdings, dass sich die Betroffenen nicht mehr mit diesen ursächlichen Problemen und Ängsten auseinandersetzen müssen.

Was würde eigentlich geschehen, wenn die Essstörung plötzlich weg wäre? Angenommen, es kommt eines Tages die berühmte gute Fee, schnippt mit den Fingern und erfüllt diesen sehnlichsten Wunsch der Betroffenen. Wäre dann auch gleichzeitig der Traumjob, die ideale Partnerschaft und ein idyllisches Familienleben vorhanden? Ohne Essstörung müsste nicht mehr ständig an das Essen bzw. Zunehmen gedacht werden; doch woran sonst? Was tun in all den Stunden, die zuvor für das Einkaufen und das Verstecken von Lebensmitteln, für das Beseitigen der Spuren und für das schlechte Gewissen aufgewendet wurden? Wohin mit Wut und Trauer, wenn sie nicht mehr hinuntergeschluckt werden?

Die Essstörung bleibt demnach solange bestehen, wie sie gebraucht wird. Sie wird erst dann langsam verschwinden, wenn die Betroffenen lernen, auf Probleme anders zu reagieren, bzw. wenn sie lernen, mit Situationen, die immer nur Probleme schaffen, richtig umzugehen. Einer der ersten Schritte ist es, diesen Zusammenhang zwischen der Essstörung und der gesamten Persönlichkeit bzw. dem Umfeld zu begreifen. Doch gerade diese Einsicht macht große Angst: Früher war es „nur“ das Essen, die Figur, jetzt sind es plötzlich so viele Dinge, die überdacht werden müssen. Das Positive daran ist, dass das Leben mit jedem gelösten Problem lebenswerter wird. Wer es versucht, kann also nur gewinnen. Es gibt viele Wege aus der Essstörung, doch eines haben alle gemeinsam: Der erste Schritt muss getan werden und danach einer nach dem anderen.

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